Skip to main content

Full text of "Pariser Leben;"

See other formats


Digitized by 



Digitized by Google 



1 




Pariser Leben 




Bilder und Skizzen 



Bernhard Frey 




Dresden und Leipzig 



Verlag von Heinrich Minden 

1887 



Digitized by Google 




Unbefugter Nachdruck -wird gerichtlich verfolgt. 
Alle Rechte Vorbehalten. 




Digitized by Google 




2>Q ms 

6 V 7 



Inhalts - Y erzeichniss. 



Seite 



I. Abschnitt. 

Aua den Pariser Salons: 

Madame Juliette Adam und ihr Salon 5 

Bei Madame de Rute 29 



II. A b sc hnitt. 



Porträts: 

Herr von Freycinet 41 

Eduard Lockroy 53 

Dr. Georges Clemdnceau 60 

Louiao Michel lii 

August Dumont 86 



III. Abschnitt. 

Aus der Chroniquo acandaleuae: 



Aus dem Salon einer glänzenden Courtiaane 95 

Die Duelle der Pariser Journalisten 105 

Mademoiselle Schneider-Sombreuil 122 



V 



J 



m8340L'3 

Digitized by Google 



IY. Abschnitt. 



Seite 



StrnsKonsftenen und Skizzen: 

Der Carneval in Paris. — Die naturalistische Quadrille 137 

Unter Revolutionären 145 

Die Feste „du commerce et de l’industrie und das mili - 
tärische Caroussel auf dem Marsfeldo 156 

Der Grand Prix de Paris 172 

Die Blumen der Todten 186 

Idylle und Cancan: 

I. An den Ufern der Seine 193 

TI. Am Marncatrande 202 



V. Abschnitt, 

Ans den Theatern: 



Masscnet’s neueste Oper der „Cid“ 215 

„Georgette“ von Yietorien Sardou 225 

„Sapho“ von Alphonse Daudet und Adolphe Belot .... 244 
„Marion Delorme“ 256 



YL_ Abschnitt. 

Au» den Geriohtssiilen: 

Ein Giftmordcr aus Liebe 269 

Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno 279 

VII. Abschnitt. 

Die R e v a n i; li e - T d e e : 

Die Revanche-Idee in Frankreich 291 

Französische Stimmen über Deutschland und »einen Kaiser '208 



Digitized by Googl 



Pariser Leben. 






Digitized by Google 



Digitized by Google 



I. .A/bscIa-nitt. 



Aus den Pariser Salons. 



Digitized by Google 



Madame Juliette Adam und ihr Salon. 



Frankreich und seine Hauptstadt Paris haben 
seit Jahrhunderten den Ruf, das Land der guten 
Sitte und des feinen gesellschaftlichen Verkehrs 
zu sein und Paris insbesondere gilt überall nicht 
nur als die glänzende Stadt, in der man nach 
Herzenslust in der ungenirtesten Weise über die 
Schnur hauen kann, sondern auch als die Stätte, 
auf der Geselligkeit, feiner Umgang und exqui- 
sites Salonleben besonders gedeihen. Die „Pariser 
Salons“, vom berühmten historischen Salon „Rem- 
bouillet“ angefangen, bis auf die allgemein be- 
kannten gesellschaftlichen Centren des zweiten 
Kaiserreichs, ja sogar der dritten Republik hinab, 
dienten ausschliesslich den übrigen Hauptstädten 
Europas zum Muster, nach dem, leider mit wenig 
Erfolg, hervorragende Geister, insbesondere geist- 
reiche Frauen in ihrer Heimat einen gesellschaft- 
lichen Brennpunkt herzustellen bestrebt waren, in 
welchem alle Geisteskräfte der Hauptstadt zu einem 
gemeinsamen intensiven Feuer sich vereinigen 
sollten. Allein, um einen solchen neutralen Boden 



Digitized by Google 




Madame Juliette Adam 



6 

zu schaffen, auf dem Männer von Talent und Geist, 
die im öffentlichen — vielleicht auch privaten — 
Leben sich bekämpfen, die Systeme und Welten, 
welche sich gegenseitig ausschliessen, vertreten, in 
ungezwungenem Verkehre einander gegenübertreten 
könnten, um vertraut oder mindestens geistreich- 
sarkastisch, aber ausgesucht höflich mit einander 
zu plaudern, ihre Gedanken auszutauschen etc., 
muss man eben ganz besondere Eigenschaften be- 
sitzen. Zur Lösung dieses schwierigen Problems 
ist es sogar keineswegs genügend, wenn blos die 
Hausfrau, in deren gastlichen Räumen eine ganze 
Armee von Sommitäten sich versammelt, viel Tact 
und Umsicht entfaltet; — auch die Habitues müssen 
sich daran gewöhnen, ihre Steckenpferde, welche 
sie Tags über reiten, mit dem Parapluie oder 
Spazierstocke im Vorzimmer zurückzulassen, um 
den gastlichen Salon als gewöhnliche geistreiche 
Menschen zu betreten, die „fern von Madrid“ ein 
Stündchen angenehm mit i h ren erbittertsten Geg- 
nern plaudern, oder andere minder begabte Sterb- 
liche mit ihren Geistesfunken entzücken wollen. 

Dieser Umstand allein, dass diese Pariser 
Salons die Musterbilder aller ähnlichen gesellschaft- 
lichen Cirkel sind, ganz abgesehen von der unbe- 
streitbaren Thatsache, dass wir in den Parisern 
noch immer unsere Meister und Lehrer in der 
Kunst, mit Menschen höflich zu verkehren, sehen, 
macht es erklärlich, dass der Ausdruck : „Ein 



Digitized by Google 



und ihr Salon. 



Pariser Salon“ allein schon auf unseren Geist und 
unsere Sinne etwa in derselben Weise wirkt, wie 
ein elektrischer Schlag auf unsere Nerven. Der Gross- 
städter — ich meine den Gesellschaftsmenschen 
— der in der Regel mit ängstlicher Peinlichkeit 
darüber wacht, längstens acht Tage später jede ver- 
rückte Neuerung nichtsthuerischer hiesiger Pflaster- 
treter triumpliirend zur Schau zu tragen, inter- 
essirt sich in eindringlicher Weise für die Vor- 
gänge in den Pariser Salons , um sein ängstlich 
mahnendes Gewissen endlich beruhigen zu können 
und die Gewissheit zu erlangen, dass an der Spree 
oder Donau man genau nach berühmtem Pariser 
Muster empfange und in Gesellschaft gehe. Ihn 
interessiren wohl auch die Persönlichkeiten, die in 
solchen Salons verkehren ; allein die Toiletten, die 
Schlinge der Cravatte, die Art und Weise des 
Kratzfusses, sowie die hochnothpeinliche Staats- 
frage, ob man der Hausfrau beim Eintritte die 
Hand zu küssen habe oder nicht, sind für ihn von 
weit ausschlaggebenderer Bedeutung. Den Pro- 
vinzler, den Bewohner der kleineren Stadt, in 
welcher in Folge vorherrschender Klatschsucht die 
grossstädtische Geselligkeit nur schwer gedeihen 
kann, sowie die lesende Damenwelt, dürfte eine 
derartige Schilderung der literarisch - politischen 
Salons des Seine-Babels in womöglich noch er- 
höhtem Masse interessiren. Sind doch Männer wie 
Dumas, Sardou, Augier, Daudet, Renan etc. in 



Digitized by Google 




8 



Madame Juliette Adam 



ihren Augen wahre Halbgötter und die Stätte, wo 
dieselben regelmässig verkehren und sich zwanglos 
geben, mindestens erhabene Tempel der exquisit 
feinen Geselligkeit, wunderwirkende und mysteriös 
anziehende Wallfahrtsorte, die einmal im Leben 
besuchen zu können den Europäer gerade so 
unwiderstehlich lockt, wie ein Mekka jeden Musel- 
man, der nach Mahomeds Recept selig werden will. 

Diese Betrachtungen riefen bei mir den 
Glauben wach, dass selbst eine unvollkommene und 
nur flüchtige Schilderung einzelner, auch auf den 
Pariser Boulevards als „Salon“ angesehener 
gesellschaftlicher Centren, dem deutschen Leser 
nur willkommen sein dürfte. Und so wage ich 
mich denn an die Aufgabe, in der Form zwangs- 
los gezeichneter Skizzen einige Bilder hiesiger 
Salons zu entwerfen, deren Contouren den freund- 
lichen Leser vielleicht in die Lage versetzen 
dürften, über die Art und Weise, in welcher die 
gute Gesellschaft im republikanischen Paris 
empfängt und sich „geistreich“ unterhält, eine 
Idee sich zu bilden. 

Wenn wir von den streng abgeschlossenen 
Cirkeln des hocharistokratischen Faubourg St. Ger- 
main, in die einem profanen Bürgerlichen, wie der 
Schreiber, zu dringen schier unmöglich ist, ab- 
strahiren und dem lebendig pulsirenden Pariser 
Gesellschaftsleben den Vorzug vor der halbver- 
trockneten Mumie zwar legitiinistisch vornehmer, 



Digitized by Gc 




und ihr Salon. 



9 



aber sonst herzlich langweiliger, geburtsadeliger 
Geselligkeit zuerkennen und unter den zahlreichen 
Salons der jüngeren Gesellschaftsschichten, denen 
die Zuführung einer reichlichen Dosis urdemokra- 
tischen Blutes ein gesundheitstrotzendes Aeussere 
verleiht, Umschau halten ; wenn wir die ver- 
schiedenen bonapartistischen, orleanistischen, repu- 
plikanischen Salons politisch-literarischen Charakters 
— ja selbst die Centren der Geselligkeit der all- 
mächtigen Pariser Finanzbaronc Revue passiren 
lassen, so gelangen wir sehr bald zur Ueberzeugung, 
dass von allen diesen Stätten die Empfangsräume 
der Madame Juliette Adam unstreitig das lebhaftester 
Interesse bei jedermann wachrufen. In ihrem Hause 
versammelt sich die Creme der Pariser Gesellschaft ; 
hier sehen wir den im öffentlichen Leben sich rauh 
geberdenden strengen Republikaner, der gegen 
Prinzen donnert und gesellschaftsnivellirende Theo- 
rien mit glühender Emphase vor einem Parterre 
„kleiner Leute“ herdeclamirt , mit Monsieur le 
duc X oder Monsieur le comte Y in irgend einer 
Fensternische vertraulich plaudern und mit dis- 
cretem aber herzlichem Auflachen die Tages- 
ereignisse des Boulevards mit hochpikanter Pointe 
flüstern, während auf dem danebenstehenden Soplia 
Henri Rochefort oder Anatole de la Forgo mit der 
männlich stolzen und imposant schönen Erscheinung 
des bonapartistischen Klopffechters Paul de Cassa- 
gnac im eifrigen Zwiegespräche, die etwa eigen- 



tf 



Digitized by Google 




10 



Madame Juilette Adam 



artigen Phasen des letzten Duelles zergliedert oder 
über die Vorzüge der jüngsten edlen vierfüssigen 
Sieger auf dem Turfo von Longchamps oder Vin- 
cennes eingehend discutirt. 

Wer gerade Glück hat, kann hier das sonder- 
bare Schauspiel mit Müsse betrachten, wie ein 
begeisterter Poet, welcher wiew r ohl ein erklärter 
Liebling der Musen, dennoch der Hexe Politik 
nur zu reichliche Hekatomben opfert, der roth in 
roth schimmernde lyrische Sänger und in Dythy- 
ramben sprechende socialistisch stark angehauchte 
radicale Deputirte von Marseille Clovis Hugues, 
der glückliche Gatte der ebenso ihrer Schönheit, 
wie ihrer Charakterstärke wegen allgemein ge- 
rühmten „Rächerin ihrer Ehre“, mit dem bered- 
testen Wortführer der Partei des „Plebiscites“, 
Raoul Duval in hochernste Gespräche sich ver- 
tieft; wie sie beide, Arm in Arm die glänzend 
erleuchteten Gemächer durchschreitend, von ihrem 
Gesprächsstoffe so vollständig absorbirt sind, dass 
sie weder die neugierigen Blicke der, an ähnliche 
Erscheinungen nicht gewöhnten Fremden , noch 
die Handgrüssc der eigenen Freunde und Bekannten 
gewahren. 

Derartige Contraste sind übrigens hier nicht 
selten, sie gehören vielmehr zur Tagesordnung. Zählt 
doch Madame Adam in allen politischen Lagern 
des heutigen Frankreich ergebene und treue 
Freunde, welche mitunter sich veranlasst sehen 



Digitized by Google 




und ihr Salon. 



11 



* 

der politisirenden Frau oder dem weiblichen Chef- 
Redacteur der „Nouvelle Revue“ in den ihnen zur 
Verfügung stehenden Organen den Kopf zu 
waschen ; — dafür aber nie unterlassen hei der 
Weltdame Juliette Adam noch am seihen Tage 
ihre Entschuldigungen persönlich vorzubringen. 

Neben den bekanntesten und anerkanntesten 
Wortführern fast aller politischen Parteien, welche 
in der Regel von einem wahren Generalstabe 
jüngerer Volksvertreter, Politiker und Journalisten 
umgeben sind, trifft man in diesen gastlichen 
Räumen bei den officiellen Empfangsabenden so 
ziemlich Alle, die einen Namen in Paris haben. 
Die literarische Republik ist au grand complet 
und nicht minder vollzählig ist die Künstler- Welt. 
Staatsmänner, Diplomaten, Krieger, Schriftsteller, 
Maler, Bildhauer, Tragöden und Sänger eilen auf 
ein gegebenes Signal — eine einfache Tagesnotiz 
in den grossen Journalen des Inhaltes, dass 
Madame an diesem und diesem Tage empfängt — 
in hellen Scharen herbei. Trotz der sehr umfang- 
reichen Empfangsräumlichkeiten, wiewohl meistens 
selbst die Wohnzimmer den Gästen zur Verfügung 
gestellt werden, herrscht hier in der Regel ein 
Gewühle und Gedränge, das jeder Beschreibung 
spottet. 

Madame Juliette Adam pflegt bei Empfangs- 
abenden ihr Hauptquartier in dem überaus ge- 
schmackvoll decorirten Speisezimmer aufzuschla- 




12 



Madame Juliette Adam 



» 



gen. Dieses Speisezimmer steht in der unmittel- 
barsten Yerbindung mit dem nicht gerade gar zu 
grossen Yorzimmer und alle Gäste — Habitues, 
wie eingeführte Fremde beeilen sich, bevor sie 
mittels der vom Yorzimmer aus bogenförmig 
um die ganze Wohnung herumführenden Cou- 
loirs in die Gemächer treten, dieses Speise- 
zimmer aufzusuchen, um der Hausfrau die Hand 
zu drücken oder im Fluge eines jener kurzen 
herzlichen Worte der Begrüssung zu erhaschen, 
welche speciell Madame Adam stets in so geist- 
reicher und origineller Weise zu finden weiss. 
Dieses Zimmer also, in dem Madame Adam ihren 
Gästen den Willkommen bietet, ist der geeignetste 
Beobachterposten für jedermann, der an einem 
Abende alle Pariser Berühmtheiten kennen lernen 
will. Und so lade ich denn den geneigten Leser 
ein auf einem der breiten und bequemen, mit grünem 
Plüsch bedeckten Divans, welche den Wänden 
entlang postirt sind, mit Platz zu nehmen, um 
mit Müsse die ein treffenden Gäste , sowie die 
Gestalt der Hausfrau betrachten zu können. 

Diese kleine verwachsene Gestalt mit einem 
Rücken, dessen höckerförmige Form selbst die 
Kunst des geschicktesten Schneiders ganz zu ver- 
bergen und symmetrisch abzurunden ausser Stande 
wäre, welche dort am Eingänge in den Haupt- 
salon in halb nachlässiger Weise an die Thür- 
pfoste sich anlehnt, ist der gefeierte Verfasser des 



Digitized by Google 




und ihr Salon. 



13 



„Maitre de forges“, der Romancier und Dramaturg 
George Ohnet, der mit einem einzigen Werke 
beinahe eine Million Franken zu verdienen wusste. 
Sein hageres Gesicht, welches eckig und kantig 
ist, die stark hervorstechenden Backenknochen, die 
schmutziggelbe Hautfarbe, der schüttere und 
stellenweise wie ausgebissen aussehende röthlich 
blonde, borstenartig kurze Vollbart, der nur um das 
stark verlängerte Kinn herum eine längliche Spitze 
bildet, geben ein Ensemble, welches weder In- 
teresse zu erwecken, noch Sympathie zu erzeugen 
geeignet w r äre, wenn eben in diesen runden tief- 
liegenden Augenhöhlen nicht solche prächtig blaue, 
feurig strahlende Sterne sässen, denen ein hoch- 
entwickeltes Geistesleben einen blendenden Glanz 
verleiht. Diese so ausdrucksvollen Augen betrach- 
ten mit Interesse die zierliche Gestalt, w r elche 
soeben spricht, sie hängen buchstäblich an den 
Lippen dieses Redners, der sich Francois Coppee 
nennt. 

Wer kennt sie nicht die feinen, elegisch 
schwermüthigen Züge dieses zu den Herzen spre- 
chenden Dichters, dieses ebenso geistvollen, w r ie 
gemüthstiefen Erzählers, der trotz seines einfachen 
ungekünstelten Stiles das Gemüth seiner Leserinnen 
so sehr zu erschüttern weiss, dass ihnen die Augen 
übergehen und mit den erlösenden Thränen der 
Erleichterung eines in dem tiefsten Innern der 
Seele sitzenden eigenen Weh’s, oder der bitter- 



Digitized by Google 




1 



14 Madame Juliette Adam 

süssen Zähre der Theilnalime und des Mitgefühls 
mit den Leiden der handelnden Helden sich füllen. 
Das glatt nach rückwärts zurückgekämmte, grau- 
melirte, schüttere Haupthaar, der sanft zur Seite 
geneigte Kopf, dieser ernste, bald wehmüthig 
düstere, bald theilnahmsvoll schimmernde , und 
wie durch einen Thränenflor gedämpfte, feucht- 
glänzende Blick, die unschilderbare Sanftmuth, die 
auf diesem beinahe mädchenhaft zarten Antlitze 
ruht und dasselbe verklärt, rufen in uns eine 
Stimmung hervor, die an Andacht grenzt. Man 
lauscht in stiller Sammlung seinen cadencirt flies- 
senden und melodisch klingenden Worten, die 
allerdings oft viel weniger sentimental sind, als 
seine Schriften, und mitunter sogar einen kaum 
merklichen Beigeschmack eines leichten Sarkas- 
mus besitzen, den nur minutiöse Beobachter und 
Personen mit einer besonders feinen Auffassungs- 
gabe herausfühlen. 

Sein Nachbar zur Rechten, diese massive 
Gestalt mit dem vollen, vor Gesundheit strotzen- 
den, glattrasirten Pfaffengesichte — ist der prä- 
sumtive Nachfolger Victor Hugo’s auf dem bis 
jetzt noch unbesetzten Throne, welchen der be- 
gabteste Jünger Apoll’s in Frankreich zu besteigen 
berufen ist. Lecomte de l’Isle ist gewiss ein gott- 
begnadeter Dichter und so mancher literarische 
Feinschmecker, welcher Schönheit der Form mit 
Gedankentiefe oder wahrer Empfindung gepaart, 



Digitized by Googl J 




und ihr Salon. 



15 



viel höher als die oft bombastische, schwülstige 
und viel zu sehr „gemachte“, daher seltener voll 
und echt empfundene Phrase der Leier Victor 
Hugo’s schätzt , beschuldigt unser Zeitalter der 
tiefen Undankbarkeit — weil dem schwungvollen 
Poeten auch nicht der hundertste Theil jener Ver- 
ehrung entgegengebracht wird, mit welcher Hugo 
wie ein Gott angebetet wurde. Allerdings hatte 
Hugo das Glück, in einem Zeitalter zu leben, 
in dem man politische Ansichten wie Hand- 
schuhe noch wechseln konnte, in dem man es 
geradezu selbstverständlich fand, dass ein Dichter, 
der als religiöser Schwärmer und leierbeschwing- 
ter Vertheidiger des Gottesgnadenthums seine 
Laufbahn begann, ein Mann, der hierauf in einer 
Ode ein Denkmal aere perennius den Bona- 
parte’s errichtete, schliesslich als republikanischer 
Märtyrer seine Tage beschloss. Der politischen 
Märtyrerkrone mag wohl der Löwenantheil der 
Gründe und Ursachen zufallen, welche bei den 
Franzosen die Bewunderung des gewaltigen Dichter- 
genies Victor Hugo’s — in einen förmlichen 
Cultus umwandelten. 

Der Mann, welcher neben dem Dichter 
Lecomte de l’Isle steht und gerade seinen Zwicker 
aufsetzt, um besser die Gestalt einer soeben ein- 
tretenden Schönheit bewundern zu können, ist 
nicht nur ein Bruder in Apoll des jüngsten Aca- 
demikers, sondern obendrein noch sein Amts- 






Digitized by Google 




16 



Madame Juliotte Adam 



genösse, beide sind Bibliothekare des französischen 
Senates. Diese feinen durchgeistigten Züge, der 
elegante, zierlich gefaserte Bart, das noch immer 
feurig und kühn blitzende Auge erklären uns hin- 
länglich, warum ihr Besitzer, der formgewandte 
Verfasser der „Comedie infantine“, der Poet und 
jahrelange Leitartikler der grössten französischen 
Zeitung (Journal des Debats) — Louis Ratisbonne, 
ein so erklärter Liebling der Damenwelt war — 
und noch sein soll. 

Doch wenden wir uns der Hausfrau zu. 
Bevor ich dieselbe zu porträtiren versuche, will 
ich in wenigen Worten mit dem Politiker Ma- 
dame Adam mich abfinden , um desto einge- 
hender mit der Salondame Juliette Adam mich 
beschäftigen zu können. 

Madame Adam ist eine hitzige Patriotin, und 
auch als Politiker Frau. Sie beurtheilt die politischen 
Ereignisse nicht mit dem klaren Verstände, den sie 
besitzt, sondern viel zu oft mit ihren Nerven. 
Bei Frauen ist bekanntlich das Empfindungs- 
Vermögen bei weitem entwickelter als bei uns 
hässlichen Männern und darum müssen weibliche 
Politiker mit einem anderen Massstabe gemessen 
werden. II ebrigens reclamirt das schwache Geschlecht 
in seiner Gesammtheit sogar für ihre unnatürlichen 
Schwestern, die der „Ketzerin“ Emancipation hul- 
digen, die als Blaustrümpfe, Staatsmänner in ITnter- 
rock oder Doctoren mit Haube und Tournüre nur 



Digitized by Google 




und ihr Balon. 



17 



das eine Verlangen kennen, die Männer zu copiren, 
das Vorrecht der „galanten Behandlung.“ Ausser- 
dem würden wir Männer ja ein Attentat an unserem 
Selbstbewusstsein begehen, in eclatanter Weise 
den von uns bekämpften revolutionären Bestrebun- 
gen des schönen Geschlechts, in unser lleiligthum, 
die politische Arena, einzudringen, die Legitimi- 
rung ertheilen, wenn wir einen weiblichen Staats- 
mann oder Politiker gar zu ernst nehmen möchten. 
In dieser Studie obendrein, welche blos den Zweck 
verfolgt , wie es Eingangs schon gesagt wurde, 
ein Bild der in Paris geübten Geselligkeit zu 
entwerfen, wäre eine Argumentation, mit politischem 
Beigeschmack ganz und gar nicht am Platze, und 
ich will daher nicht nur dieser politischen Scylla, 
sondern auch der literarischen Charybdis aus dem 
Wege gehen und die Beurtheilung und Zergliederung 
selbst der blaustrümpfliehen Thätigkeit der Madame 
Adam für eine rein literaturhistorische Abhand- 
lung über die modernen Pariser Romanciers mir 
aufsparen, in deren Reihen Juliette Adam mit ihren 
Werken unstreitig einen hervorragenden Platz ein- 
nimmt. 

Madame Juliette Adam als Frau ist ja in 
der That eine so anziehende und fascinirende 
Erscheinung, ein so ausserordentliches, über die 
Masse ihrer Geschlechtsgenossinnen , welche als 
Salondamen einen Ruf besitzen, so hervorragendes 
Wesen, dass ihr Wirken blos als Weib, ihr Ein- 

Beruh. Frey, Pariser Leben. 2 



Digitized by Google 



18 



Madame Juliette Adam 



fiuss auf die Gestaltung der geselligen Zustände 
in Paris für den Tagesschriftsteller ein nur zu 
lockender Yorwurf ist. 

Von imposanter Gestalt, den interessanten 
und noch immer schönen Kopf mit dem schlanken 
Schwanenhälse, der auf so wohlgeformten, wie 
Alabaster glänzenden Schultern sitzt, stolz und 
kühn zurückgeworfen; um die Lippen ein be- 
zauberndes Lächeln, welches die sympathischen 
Züge verklärt und beleuchtet; in den rosig an- 
gehauchten Wangen kleine Grübchen; strahlende, 
heiter schimmernde Augen, die jede Befangenheit 
beim Gaste zerstreuen, und der treuherzige Blick 
dieser blauen Augen sind natürliche Vorzüge, welche 
selbst auf diejenigen Männer, die wohl wissen, 
dass Juliette Adam seit einer Reihe von Jahren 
schon Grossmutter ist, einen gar bedeutenden und 
tiefen Eindruck machen. Bevor man noch die 
bestrickende Liebenswürdigkeit ihres Wesens, mit 
welcher sie Fremde zu umgarnen fast nie unter- 
lässt, zu würdigen in die Lage kommt, wird Geist 
und Sinn von ihrer gesundheitsathmenden, trotz 
der sich bildenden Rundung überaus elastischen 
Gestalt unterjocht und gefangen genommen. Juliette 
Adam hat eben eine jener Physiognomien, welche 
auf den ersten Blick Sympathie erzeugen, Herzen 
erobern. Ihre Gesichtszüge sind nicht schön im 
•Sinne der antiken Aesthetik. Aber solch’ ein 
classisch schönes, erhabenes, an die Marmorstatuen 



Digitized by Google 




«DP 



und ihr Salon 19 

der Alten erinnerndes Antlitz zwingt uns höchstens 
nur Bewunderung, keineswegs aber Liebe ab. Der 
{Jesichtsausdruck der Madame Juliette Adam bringt 
das Gegentheil zu Wege. 

Der Fremde, welcher sie zum ersten Male 
sieht, vergisst unbewusst die ganze Masse ven 
Bewunderung, welche er in den verschiedenen 
Leitungen sich zusammengelesen, die Befangenheit, 
die noch auf der Treppe und im Vorzimmer ihn 
so linkisch und unbeholfen machte, weicht wie 
durch Berührung mit einem Zauberstäbchen von 
ihm, und erleichtert, hoch erfreut aufathmend, folgt 
•er selbstbewusst dem Freunde, der ihn vorstellen 
will. Diese plötzliche Umwandlung, eben die Folge 
der ungezwungenen Natürlichkeit der Hausfrau, 
wird durch den Schalk erzeugt, der aus allen 
Winkeln ihres Gesichts hervorlacht. 

Madame Adam ist in ihrem Empfangssalon 
blos Frau, nichts anderes als Frau ; allerdings 
aber eine Frau, mit der an der Kaminecke zu 
plaudern ein ganz auserlesener, geisterquickender 
Genuss ist. Mit seltenem Takte versteht sie bei 
der Begrüssung diejenige Note anzuschlagen, die 
in den Ohren des Begrüssten wohlklingt, und wenn 
ausnahmsweise irgend ein gar zu bescheidener 
Besucher, den sie zum ersten Male sieht, trotz 
ihrer soeben geschilderten Natürlichkeit die durch 
Verlegenheit erzeugte Röthe aus seinem Gesichte 
nicht bannen kann und stotternd eine unzusam- 

2 * 



Digitized by Google 



20 



Madame Juliette Adam 



menhängende Entgegnung zu stammeln beginnt, 
so weiss sie so geschickt und zart ihm plötzlich 
zu entschlüpfen, dass der Bedauernswerthe, dem 
sie eine Blamage ersparte, mit Dankesthränen in 
den Augen in der Menge der Besucher sich 
verliert. 

Der Salon der Madame Adam ist mit der 
Geschichte der dritten Republik eng verknüpft 
und unzertrennlich verwachsen. In ihrem Salon, 
der unter dem Kaiserreiche eine hochrevolutionäre 
Bedeutung besass, sind alle die Männer, welche 
seit einem Jahrzehnt in Frankreich regieren, gross- 
gezogen worden. Ihr gastliches Haus war das 
Centrum der Opposition, die Stätte, wo die weni- 
gen, zu jener Zeit machtlosen und von den Scher- 
gen des dritten Napoleon verfolgten und gehetzten 
Republikaner geistige Anregung und materielle 
Hilfe fanden. Ihr Gatte Edmond Adam, der ge- 
wesene Yerwaltungsrath des mächtigen Finanz- 
institutes „Comptoir d’escompte“, war eben der 
einzige reiche Mann in Paris, der offen dem kaiser- 
lichen Hofe zu trotzen und sich unumwunden als 
Republikaner zu erklären wagte. Alle unzufrie- 
denen Elemente, alle jugendlichen Schwärmer und 
begeisterte, der Aufopferung fähige Freiheitskämpfer 
betrachteten Adam als ihre Stütze, als ihren Schutz- 
hort. An ihn wendeten sich Jünglinge wie Gambetta, 
Floquet, Brisson in ihrer Bedrängniss ; in seinem 
Hause verkehrten täglich die schon zu Männern 



Digitized by Google 



und ihr Salon 



21 



gereiften Schriftsteller und Publicisten , die da 
Rochefort, Freycinet, Lokroy, Jules Favre, Allain 
Targe, Rane etc. hiessen. 

Während der Herrschaft Mae Mahon’s behielt 
der Salon des Deputirten Edmond Adam, der am 
4. September 1870 auf den wichtigen Posten des 
Seinepräfecten berufen worden war. seine ganze 
frühere Bedeutung; ja solange die Männer des 
16. Mai am Ruder waren, konnte man getrost die 
Empfangsräume der Madame Adam als das Haupt- 
quartier der ganzen republikanischen Partei bezeich- 
nen. Hier tagte permanent der Generalstab der 363, 
hier entwarf Gambetta den Plan zu seiner kühnen 
Contrerevolution, für den Fall eines von Mac Mahon 
versuchten Staatsstreiches. Als endlich die Reaction 
definitiv besiegt war und die Männer, welche als 
Jünglinge schon täglich im Hause Adams sich zu ver- 
sammeln pflegten, die Zügel erfassten, hohe Staats- 
würdenträger und Minister wurden, erlangte der 
Salon der Madame Adam eine ganz ausserordentliche 
Bedeutung. Die Stätte, w r o früher Angriffswaffen 
gegen die bestehende Regierung geschmiedet wor- 
den waren, verwandelte sich in einen absolut 
officiellen Salon, in dem Regierungspolitik getrie- 
ben und thatsächliche Geschichte Frankreichs ge- 
macht wurde. 

Um diese Zeit starb der von seiner Gattin 
zärtlich und innig geliebte Edmond Adam. Die 
Bedeutung des gastlichen Hauses erlitt durch 



Digitized by Google 




22 



Madame Juliette Adam 



den Tod Adams keinerlei Abbruch, da während 
der langen Jahre zwischen der geistreichen Schrift- 
stellerin und so ausserordentlich liebenswürdigen. 
Frau und all diesen Männern, welche heute die 
erste Rolle in Frankreich spielen, eine überaus 
innige Freundschaft entstanden w r ar. Die Macht 
der Gewohnheit mochte hier ihr grosses Wort mit- 
gesprochen haben, sow r ie der Umstand, dass der re- 
publikanische Diktator, der soeben zum Kammer- 
präsidenten sich wählen Hess — ich meine Ldon 
Gambetta — der alten Freundschaft eingedenk, hier 
im Salon der Madame Adam fast täglich Ilof hielt. 

Die Freundschaft zwischen Juliette Adam 
und Leon Gambetta sollte übrigens nicht von 
langer Dauer sein. Gambetta gewöhnte sich eben 
gar zu schnell an den Weihrauch, der ihm so 
reichlich gespendet wurde, und begann von aller 
Welt eine bedingungslose Anbetung zu verlangen. 
Er wollte als grosser Mann angestaunt und beinahe 
auf den Knieen verehrt werden, ein Verlangen, 
dem Juliette Adam, die eben Gambetta noch als 
Studenten gekannt, die an seine bescheidenen 
Anfänge sich lebhaft erinnerte und genau wusste, 
dass ihr Gatte dem sich jetzt wie ein Halbgott 
geberdenden Gambetta recht oft die materiellen 
Schwierigkeiten besiegen half, nie Folge leisten 
wollte. Je mehr der Eigendünkel Gambetta’s stieg, 
desto schwächer wurden die Freundschaftsbande, 
und als schliesslich der auf die Ministerpräsident- 



Digitized by Google 




und ihr Salon 



23 

Schaft sich vorbereitende Gambetta die Maske 
fallen liess und seinen gewesenen Wählern, den 
Radikalen von Belleville, in jener denkwürdigen 
Versammlung zurief, dass er sie selbst in den 
entferntesten Schlupfwinkeln finden werde, kam es 
zwischen Madame Adam und Gambetta zu offenem 
Bruche. Der Salon der Madame Adam war von 
diesem Augenblicke an kein ausschliesslich poli- 
tischer Boden mehr und die Schriftsteller- und 
Künstlerwelt begann nunmehr siegreich in diese 
gastlichen Räume einzuziehen. 

Heute ist der Salon der Madame Juliette 
Adam vorwiegend literarischen Charakters, wenn 
auch fast alle massgebenden politischen Grössen 
hier an den Empfangsabenden anzutreffen sind. 
Neben dem Minister des Aoussern, Freycinet, dem 
jetzigen Kriegsminister Boulanger, der hier mit 
einer ganzen Reihe bedeutender Generäle plaudert, 
dem Cultusminister Goblet, dem Postminister Granet 
trifft man hier regelmässig Maler wie Carolus, 
Duran, Munkacsy, Laurens, Henner, Bonnat, Ge- 
rome, Cabanel etc. etc. Die Maler- und Bildhauer- 
welt ist übrigens auf eine ganz originelle Art 
en masse in den Salon der Madame Adam einge- 
führt worden und ich will diese kleine Geschichte 
umso lieber erzählen, als sie den energischen 
Charakter, sowie die Thatkraft und Elasticität der 
Directrice der Nouvelle Revue drastisch genug 
illustrirt, um mir jedweden Commentar zu ersparen. 



Digitized by Google 




'24 



Madame Julietto Adam 



Gelegentlich der Ueberschwemmung des 
Jahres 1883, welche insbesondere in Eisass sehr 
bedeutende Schäden verursachte , begann man 
überall in Frankreich für die Alsaciens zu sam- 
meln, Trotzdem die Gaben reichlich einflossen, 
war es in die Augen springend, dass das Comite 
erst nach Ablauf einiger Monate einen bedeuten- 
den Unterstützungsbetrag nach Strassburg werde 
senden können. Allein, die Notli war gross und 
schnelle Ililfe dringend nothwendig. Da entschloss 
sich plötzlich Madame Adam in ihrem Freundes- 
kreise eine Collecte zu veranstalten. Sie kündigte 
diesen Entschluss einigen Elsässern an und war 
unvorsichtig genug die Garantie dafür zu über- 
nehmen, binnen 3 bis 4 Wochen allein 100.000 
Francs zu sammeln. Madame sah sehr bald 
ein, dass es einfach ein Ding der Unmöglichkeit 
wäre, durch Sammlungen diesen Betrag so in aller 
Eile zusammen zu bringen. Was thun? Nun sie 
fand einen Ausweg. Sie schrieb eigenhändig etwa 
60 bis 60 Einladungskarten, alle ungefähr desselben 
Inhaltes. Madame Adam bittet den berühmten 
Maler so und so, giitigst um die und die Stunde 
bei ihr vorzusprechen etc. Jeder Maler, der solch’ 
■eine Einladung erhielt, glaubte natürlich, dass 
die gefeierte Dame in einer Privatconferenz 
irgend eine Bitte an ihn stellen wollte und be- 
eilte sich zu erscheinen. Die Enttäuschung soll, 
wie mir versichert wurde, gross gewesen sein, 



Digitized by Google 




und ihr Salon 



25 



als die Herren merkten, dass sie eigentlich 
zu einer Art von Parlamentsitzung zusammen- 
berufen wurden. Dessenungeachtet müsste jeder, 
ob er wollte oder nicht, der Hausfrau-Präsidentin 
das Versprechen geben, binnen kurzer Zeit eine 
Leinwand zu Gunsten einer Lotterie für die Ueber- 
schweinmten zur Verfügung zu stellen. 

Madame Adam begnügte sich jedoch mit dem 
Versprechen keineswegs. Gleich den nächsten Tag 
begann sie die Ateliers der Maler zu besuchen, um die 
Saumseligen anzuspornen, oder die etwa schon fertig 
gestellten Bilder sofort im eigenen Wagen weg- 
zuführen. Auf diese Weise gelang es ihr 100 von 
berühmten und sehr bekannten Künstlern gezeich- 
nete Bilder in weniger als 14 Tagen zusammen- 
zubringen, welche sofort als Gewinnste der oben 
erwähnten Lotterie zur Ausstellung gelangten. 
Nun hiess es Lose placiren. Madame theilte die 
Lotterie in 1000 Lose k 100 Francs ein und fand 
in der That, trotz des spöttischen Lächelns und 
Achselzuckens so mancher ihrer Bekannten, binnen 
8 Tagen 1000 Personen, die ihr zu Liebe 100 
Francs für ein Los ausgaben. Allerdings soll sie 
während dieser 8 Tage derart beschäftigt gewesen 
sein, dass sie sich mit einem kalten Imbiss als 
Dejeuner begnügte, welchen sie obendrein noch 
im Wagen einnahm. 

Madame Adam als Frau hat eine glänzende 
Eigenschaft, welche ihr abzugucken unsere Damen 



Digitized by Google 




26 



Madame Juliette Adam 



wohl thäten. Im Salon ist sie Salondame — vor 
dem Schreibtisch sitzend ist sie Schriftstellerin 
und Journalist — und sonst eine vorzügliche 
Hausfrau. 

Ton ihr kann man nicht nur über Politik, 
Literatur u. s. w. belehrt werden; — sondern 
auch über die Art und Weise, in welcher am 
schmackhaftesten irgend eine Speise zubereitet 
werden soll u. s. w. Bei uns leider glaubt die 
Damenwelt, dass eine echte Salondame vor allem 
eine Zierpuppe sein müsse — die natürlich an 
Wirthschaft und Küche — quelle horreur — auch 
nicht denken darf. 

Vom Salon der Madame Adam zu sprechen 
ohne des Grafen Yasili zu gedenken — wäre 
einfach ein Unding. Und wenn ich auch kaum 
irgend etwas Jfeues über diese mysteriöse Per- 
sönlichkeit zu sagen weiss, — so will ich zu- 
mindest diese Gelegenheit benützen, um eine ziem- 
lich weit verbreitete Ansicht, Graf Yasili sei eine 
imaginäre Persönlichkeit, zu berichten. Hinter dem 
Pseudonym Yasili verbirgt sich ein nicht unbe- 
kannter Diplomat deutschen Ursprunges, welcher 
von Berlin aus das Manuscript über die Societe 
de Berlin der Madame Adam einsendete. 

Mehrere Personen, welche das Original-Ma- 
nuscript sahen, versicherten mich, dass die Schrift- 
züge in unverkennbarer Weise eine deutsche Hand 
verrathen. 



Digitized by Google 




und ihr Salon 



27 



Der grosse Erfolg der „Societe de Berlin“ 
veranlasste Madame Adam ähnliche Publicationen 
über die Gesellschaften der anderen europäischen 
Hauptstädte dem Opus des geheimnisvollen Grafen 
Yasili folgen zu lassen. Alle diese Publicationen 
sind eigentlich Compilationswerke und Madame 
Adam, sowie ihre hiesigen Mitarbeiter haben in 
stofflicher Beziehung kaum irgend welche nennens- 
werthe Beiträge geleistet. Ihre Thätigkeit war 
vielmehr eine rein redactionelle. 

Die „Nouvelle Revue“, in deren Spalten die 
„Societes“ der verschiedenen Hauptstädte erschie- 
nen waren, wurde von Madame Adam im Jahre 
1879 gegründet. Es handelte sich darum, eine re- 
publikanische Zeitschrift ins Leben zu rufen, 
welche an Gediegenheit der orleanistischen „Revue 
des deux mondes“ gleich käme. Die Idee war 
zu mindestens gew’agt und es soll keine leichte 
Aufgabe gewesen sein das notlrwendige Capital 
— eine halbe Million — aufzutreiben. 

Der rastlose Eifer Juliette Adam’s wusste 
alle Schwierigkeiten zu besiegen und Dank ihrer 
unermüdlichen Thätigkeit, sowie der Mithilfe des 
früheren Chef-Redacteurs der „Franco“ — wie 
lange dieses Blatt noch ein ernstes politisches 
Organ war und Emil von Girardin gehörte — des 
als Journalisten wie Menschen hochgeachteten 
Publicisten Mazeras — eroberte die Nouvelle 
Revue sehr bald einen grossen Leserkreis. 



Digitized by Google 




28 



Madame Juliette Adam und ihr Salon. 



Abgesehen von den Malern und Bildhauern, 
versammeln sich bei Madame Adam fast all- 
wöchentlich die bekanntesten französischen Schrift- 
steller und Dichter. Man trifft hier sehr häufig 
Alexander Dumas, Alphonse Daudet, Augier, 
Sardou, Renan, Paul Bourget, Guy de Maupassant, 
Claretie, Bornier, Ulbach, Pierre Lotti, Aurelien 
Scholl, Jean Ilicard etc. etc. Der Umstand, dass 
allen Empfangsabenden dpr Madame Adam ein 
Kranz wunderschöner Damen beiwohnt, dass die 
ersten Künstler der „Comedie frangaise“ und der 
Oper hier declamiren, Comödie spielen oder singen, 
während ein Gounod oder Massenet auf dem Cla- 
viere begleiten, mag wohl viel dazu beitragen, 
dass Pariser wie Fremde einer Einladung Juliette 
Adam’s hocherfreut Folge zu leisten nie unter- 
lassen. 



Digitized by Google I 




Bei Madame de Rute 



Der Ort der Handlung ist das für die Milli- 
onäre der Kunst seit einem Jahrzehnt ungefähr 
entstandene Quartier Monceau. In nächster Nachbar- 
schaft befinden sich die prunkvollen herrschaftlichen 
Ateliers der Patricier des Pinsels : Meissonnier’s, 
dessen Schloss so gross wie eine Kaserne und 
dessen Atelier von so hoher Wölbung ist wie eine 
Domkirche, sowie Munkacsy’s, der nicht nur das 
Talent, sondern auch das Glück zu seinen Atouts 
zählt, denn der ungarische Yeronese soll bei Zeiten 
hier in Terrains so vernünftig speculirt haben, 
dass ihm heute sein Prachtbau nicht theurer 
kommt, als wäre er ein Ehrenpräsent der dank- 
baren Mitbürger. Der arme Sebastian Lepage endete 
hier frühzeitig und von jener Krankheit heimge- 
sucht, die sein Arzt nicht nennen durfte, ohne sich 
Verfolgungen wegen Verletzung des Amtsgeheim- 
nisses zuzuziehen. Hier befinden sich ebenfalls die 
verwaisten Palais, wo vor dem Krach der Associe 
Bontoux’, Herr Feder, eine verschwenderische 
Pracht entfaltete, und das der im Schuldenmachen 



Digitized by Google 




30 



Bei Madame de Rute. 



wie in allem Uebrigen grossen Tragödin Sarah 
Bernhardt. Dieselbe bewohnt auf ihre nicht mehr 
ganz jungen Tage ein simples Stockwerk in dem 
Viertel Notre Dame de Lorette, und alle vierzehn 
Tage wird ihr früheres Palais auf der Notarkammer 
ausgeboten, ohne dass sich ein Kauflustiger meldet. 

Dort also, in einem Hochparterre der Rue 
Logelbach (sprich Logelbasch) hat Madame de Rute 
ihr fliegendes Feldlager aufgeschlagen; denn seit- 
dem Laetitia Bonaparte- Wyse, die Grossnichte 
Napoleons I. und Witwe des berühmten italieni- 
schen Staatsmannes Ratazzi, den spanischen Staats- 
mann de Rute geheiratet, ist das bleibende Domicil 
des Ehepaars Madrid im Palast Altamira. Seit drei 
Jahren fesselten seine Obliegenheiten als Unter- 
staatssecretär, Generalsecretär des Minister-Präsi- 
diums und Cortes-Abgeordneter Herrn de Rute 
derart an die Scholle, dass es ihm kaum möglich 
war, seine Gattin zu begleiten, wenn diese ganz 
flüchtig auf ein paar Wochen nach Paris kam 
„pour se retremper“ und ein w enig Pariser Essenz 
einzuathmen, wovon eine gewisse Dosis alljährlich 
jeder grossen Modedame unerlässlich erscheint. 

Diesmal jedoch hat der Sturz des Ministeriums 
Sagasta Herrn de Rute einige Müsse gegönnt, und 
so durfte denn Marie Laetitia wieder einen ganzen 
Winter an der Seine zubringen und nach mehr- 
jähriger Pause jene gesellschaftliche Rolle über- 
nehmen, die sie während des ganzen siebenten 



Digitized by Google 




Bei Madame de Rute. 



31 



Deeenniums in glänzendster Weise erfüllte. Damals 
wohnte Madame Ratazzi in der reizenden und 
geräumigen Villa des Grafen von Aquila in der 
„Avenue de Boulogne“. An den Empfangsabenden, 
und diese fanden mehrmals in der Woche statt, 
waren sämmtliche Räumlichkeiten, alle drei Stock- 
werke, den Gästen geöffnet, und während der 
milden Mai- und Juninächte gingen Hunderte von 
Herren und Damen in dem grossen, parkähnlichen 
Garten auf und ab und erfreuten sich der feen- 
haften „Venetianischen Nachtfeste“, welche die 
unermüdliche Hausfrau mit all’ ihrem Chic und 
Kunstsinn veranstaltete. Damals war das Haus 
weit und breit geöffnet und die Gastfreundschaft 
der Enkelin Lucian’s war geradezu sprichwörtlich 
geworden. 

Heute gebieten die Räumlichkeiten einige 
Einschränkungen bezüglich der Quantität der Gäste, 
was jedoch die Qualität anbetrifft, so' genügt ein 
einziger Blick, um sich zu überzeugen, dass der 
Salon der Rue Logelbach heute als einer der 
interessantesten und bedeutendsten Sammelpunkte 
des geselligen Pariser Lebens bezeichnet werden 
kann. Die Tafel wird soeben aufgehoben — und in 
dem gr ossen, durch Hunderte von Kerzen beleuch- 
teten Salon beginnen sich schon einige frühzeitig 
erschienene Habitues die Zeit mit Geplauder zu ver- 
treiben. Die Dame des Hauses begrüsst mit Zuvor- 
kommenheit, ja mit Freundlichkeit die Harrenden. 



Digitized by Google 



32 



Bei Madame de Rute. 



Die stattliche Erscheinung Marie Lätitia’s ist 
so häufig in Versen und in Prosa gefeiert, ihr 
Porträt durch Bilder und Büsten derart verbreitet 
worden, dass eine eingehende Schilderung kaum 
nöthig sein dürfte. Dieses feingeschnittene, beweg- 
liche, geistreiche Antlitz mit dem gutmüthigen 
und doch vornehmen Lächeln um den Mund, dieser 
Musenkopf auf blendend marmornen Schultern, hat 
noch in jüngster Zeit Künstler inspirirt, da bei der 
nächsten Ausstellung in den Champs Elysees eine 
Büste und ein Bild, beide, wie behauptet wird, 
vortrefflich gelungen, zu sehen sein dürften. Die 
Robe ist von reichem Stoffe, aber einfach, ein 
breites Ordensband (ich glaube des spanischen 
Marie Luisen-Ordens), ein Collier von ungeheuer 
grossen Perlen und eine frische Rose am Busen 
bilden den ganzen Aufputz. So schreitet sie, von 
ihrem Cavalier des Abends geführt, bis zu dem 
grossen Sopha, welches sich unter dem Facsimile 
in Lebensgrösse des Grabdenkmals Urbano Ra- 
tazzi’s befindet. Seine Witwe und sein Töchterlein 
Isabella Roma, die heute zu einem lebhaften, 
munteren, graziösen Fräulein emporgeblüht ist, 
sind knieend dargestellt, und beten für den Gatten 
und Vater. Im Hintergründe der Gruppe das 
Savoyische Hauswappen auf einer kostbaren gobelin- 
artigen Tapete. 

Wir haben den Cavalier erwähnt, der die 
Dame des Hauses vom Tische führte und mit dem 



Digitized by Google 



Bei Madame de Rute. 



33 



sie sehr lebhaft plaudert. Sein Name ist welt- 
bekannt, es ist ein Philosoph, ein ehemaliger 
Minister, ein Redner, ein Schriftsteller von hervor- 
ragender Bedeutung, der sich ausserdem nicht 
wenig auf seinen Beinamen eines modernen 
Atheners zu Gute thut: Herr Jules Simon, der 
geschmeidige Rationalist, von dem der jüngst ver- 
storbene Cardinal Chigi behauptete : „Ich war 
zwanzig Jahre päpstlicher Nuntius in Paris, habe 
mit einem ganzen Dutzend Cultusministern zu 
thun gehabt, aber mit keinem bin ich so gut aus- 
gekommen, wie mit Herrn Jules Simon.“ Und 
Dupanloup, der Prälat der Jeanne d’Arc, bestätigte 
dies mit der einzigen Bemerkung: „Der Mensch 
da wird früher Cardinal werden als ich.“ Heute 
hat Jules Simon die Grenze der Siebenzig seit 
einer geraumen Reihe von Jahren überschritten, 
aber rüstigen und festen Schrittes. Er steht unge- 
beugt und aufrecht da, wie eine alte Eiche, welche 
ein Sturm auf einmal entwurzeln kann, die aber 
vor dem Ende sich nicht krümmt und nicht bückt. 
Herr Jules Simon ist vor Allem Philosoph ge- 
blieben und man merkt an seiner heiteren Miene, 
dass ihm die Anfeindungen vieler seiner früheren 
Freunde nicht schaden konnten. Der frühere 
Minister-Präsident des Marschall Mac-Mahon, der 
treueste politische Yerbündete des Herrn Thiers, 
macht heute den Eindruck eines Dilettanten, der 
alles menschliche Getriebe von oben herunter be- 

Bornli. Frey, Pariser Loben. 3 



Digitized by Google 




34 



Bei Madame de Rute. 



trachtet und in seinen letzten Lebensjahren die 
Dornen bei Seite zu schaffen und nur die Rosen zu 
gemessen gesonnen ist und sich dabei wohl fühlt, 
namentlich wenn die Rosen an dem Busen schöner, 
geistreicher und interessanter Damen stecken. 

Während Madame de Rute einigen Ange- 
meldeten entgegengeht, entspinnt sich eine Unter- 
haltung zwischen Jules Simon und einem Herrn, 
dessen Aeusseres als sehr charakteristisch auf den 
ersten Blick auffällt. Die Züge sind von Hause 
aus nicht unangenehm und unsympathisch, aber 
ungemein verzerrt und verwelkt. Die Augen blin- 
zeln unheimlich und die Bewegung der Wimpern 
ist die höchste Nervosität. Den seltsamen Eindruck 
vervollständigt und erhöht die Neigung des Kopfes 
nach rechts und die Wahrnehmung (Alles ist bei 
dem Herrn seltsam), dass der Körper für diesen 
Kopf viel zu dick ist. Die Haltung und die Ma- 
nieren des Gewährsmannes Jules Simon’s machen 
den Eindruck, als suchte der Betreffende distin- 
guirter aufzutreten, als nöthig ist, und fürchte er 
sich, nicht wohlerzogen genug zu erscheinen. Dieser 
Sonderling ist ein Mann, der vor etwa einem Jahre 
viel von sich reden machte, Herr Andrieux, der 
ehemalige Polizeipräfect, dessen Enthüllungen so 
viel Aufsehen und Befremden erregten. Während 
seiner Gesandtschaft in Madrid, die so jähe und 
sogar ein wenig räthselhaft unterbrochen wurde, 
war Herr Andrieux ein Getreuer des Palastes Alta- 



Digitized by 



Bei Madame de Rute. 



35 



rnira — er setzt als gefallene und wieder einpor- 
strebende Grösse seine Besuche fort. 

Der scharf anticlericale Gemeinderath Edgar 
Monteil, der die Romane nur so aus dem Aermel 
schüttelt, der ewig junge und unvergänglich blonde 
Dichter und Wagnerprophet Catulle Mendes bilden 
eine recht interessante Gruppe mit einem recht rüsti- 
gen Greis, dessen Charakterkopf mit langem, wallen- 
dem, kaum graumelirtem Haar, und langem, zu beiden 
Seiten der Lippen herabhängendem Schnurrbart — 
ein Gallischer Schnurrbart ä la Yercingetorix — 
uns durchaus nicht unbekannt ist. Der Vercin- 
getorixbart gehört dem ältesten aller französischen 
Maler, den Jean Gigoux schildert, und zwar sehr 
anmuthig in seinen Causeries, „Eine Reise durch 
die Schweiz 1 “ welche er im Jahre 1820 unter- 
nommen hat, und seine grossen Erfolge datiren 
aus den dreissiger Jahren, wo er sich durch seinen 
so stark verbreiteten und allgemein anerkannten 
Leonard de Yinci und seine Hunderte von Vig- 
netten für den Roman „Gil Blas“ grosse Berühmt- 
heit verschaffte. Dieser Epigone der 1830er Ge- 
neration, dieser Dutzfreund von Delacroix, Dela- 
roche und Horace Vernet, der alle grossen Künstler 
gekannt und täglich mit ihnen verkehrt hat, ver- 
tritt in vortheilhafter und kräftiger Weise den 
Menschenschlag von damals. Trotz seiner zwei- 
undachtzig Jahre stellt er bei der Tafel sehr 
wacker seinen Mann. 

3 * 



Digitized by Google 




36 



Bei Madame do Rute. 



Der Hausherr, eine elegante, schlanke Er- 
scheinung mit ausgesprochenem spanischem Typus 
und den Manieren eines unverfälschten Hidalgo,, 
führt der Gruppe einen fünften im Bunde zu, den 
er als den berühmten spanischen Dichter und 
Dramaturgen Ylasco präsentirt, und es dauert 
nicht lange, bis sich ein eifriges Gespräch über 
französische und iberische Poesie zwischen Herrn 
Ylasco und dem blonden Parnassianer Catulle 
Mendes entspinnt. 

Je später der Abend vorrückt, desto zahl- 
reicher und interessanter werden die Gäste. Ein- 
zelne darunter machen sogar einen geradezu dra- 
matischen Effect. Es ging eine Bewegung durch 
die Räume, als hätten sich mehrere Elektrisir- 
Apparate entladen, als der Thürsteher, in correcter 
schwarzer Kleidung mit der silbernen Kette um 
den Hals, mit Stentorstimme meldete : „Herr und 
Frau Clovis Hugues“. Während sonst diese Ver- 
kündigungen mit grossem Gleichmuthe zur Kennt- 
niss genommen wurden, hatte dieser Ruf zur Folge, 
dass alle Augen sich erwartungsvoll nach der Ein- 
trittsthür richteten. 

Der Anblick entsprach vollkommen den ge- 
hegten Erwartungen. Wir durchlebten ein paar 
Secunden Shakespeare’scher Tragik. Voran schritt 
die Frau, die Rächerin ihrer Ehre, die Heldin der 
bekannten Gerichtsaffaire. Madame Hugues war 
anerkanntermassen vor dem Falle Morin eine der 



Digitized by 



Bei Madame de Rute 



87 



schönsten Frauen von Paris ; die Statur , die 
Haltung, der Gang dieser Tochter eines Erzrepu- 
blikaners und Gattin eines radicalen Yolksredners 
und Yolksdichters waren einer Königin würdig 
und sind es auch geblieben. Das Gesicht dagegen, 
<las schöne, bewunderungswürdige Antlitz hat offen- 
bar unter den Folgen der Affaire gelitten. Die 
Züge sind verzerrt, die Farbe bleich, todten- 
blass sogar und aus den Augen blickt etwas von 
ausgestandener Qual und vielleicht von peinigenden 
und nagenden Gewissensbissen. Es kann einem 
auch leid thun, einen Morin getödtet zu haben, 
und wer weiss, ob der Scharfrichter selbst nicht 
im Traume die furchteinflössenden Gespenster der 
-durch seine Hand gerichteten Banditen sieht. 

Mit ein wenig Einbildung konnten die im 
Salon der Frau de Rute Anwesenden sich die 
Scene der Lady Macbeth nach dem Tode Duncan’s 
vorsteHen. Es war wirklich, als schwebte ein 
unsichtbarer Geist vor den Augen der Frau des 
Abgeordneten von Marseille, den sie, nach Fassung 
ringelnd, aber im Innern auf s Tiefste bewegt, zu 
vrerscheuchen suchte. Das tiefe Schwarz, in welchem 
die neu Eintretende gehüllt war, mochte wohl 
diesen Eindruck illustriren und verschärfen. 

Die charakteristische Figur des Deputirten von 
Marseille ist hinlänglich bekannt geworden. Sein 
stark durchfurchtes Gesicht, die grossen, glotzenden 
Augen, der struppige schwarze Bart und der wald- 



Digitized by Google 




38 



Bei Madame de Rute. 



ähnliche Haarwuchs geben dem südländischen 
Politiker und Dichter einen Ausdruck, den man 
sobald nicht vergisst. 

Madame de Rute schritt auf das Ehepaar zu, 
sie schüttelte der stattlichen Madame Hugues beide 
Hände, küsste sie auf beide Wangen und führte 
sie sofort in einen plaudernden Kreis, dessen 
Mittelpunkt sie bald bildete. Unter dem Einfluss 
der Redensarten und des Pariser Salongeistes ver- 
scheuchten sich die Gespenster und die Besorgnisse, 
und als wir uns von dem gastlichen Hause ver- 
abschiedeten, nachdem eben die spanische Sängerin 
Frau Sanz eine Habanera vorgetragen, hörten wir 
sogar Madame Hugues über eine Erzählung Lachen. 
Warum auch nicht? Ist doch der Salon der ge- 
nialen Muse aus dem kaiserlichen Stamme unter 
allen Umständen zerstreuend, sorgenbrechend und 
amüsant. 



Digitized by Google 




XI. -^.‘bsclinitt. 

Porträts. 



L 



Digitized by Google 




Digitized by Google 



Herr von Freycinet. 



Der nicht unbegründete Vorwurf, den man 
allgemein der französischen Republik macht, dass 
sie geradezu erschreckend schnell ihre Staats- 
männer und Politiker abnütze, sowie der Umstand, 
dass seit Beginn der republikanischen Aera so 
ziemlich jedes Ministerium, welchem Männer von 
Bedeutung vorstanden, nicht etwa im vulgären 
Sinne des Wortes gestürzt, sondern plötzlich mit 
solcher Heftigkeit den tarpeischen Felsen herab- 
geschleudert wurde, dass die einzelnen Mitglieder 
desselben mit zerschellten Gliedmassen unten an- 
langten, bewirken es, dass man in Frankreich, 
nunmehr wie im Auslande den Mann, der es zu 
Wege gebracht zum X-ten Male Minister der Re- 
publik zu werden, wie ein Wunderthier anstaunt. 

Wahrlich, es gehört eine ganz ausserordent- 
liche Equilibrirkunst dazu, um in Frankreich in 
allen Sätteln sitzen zu können ; gestern in einem 
zur Hälfte orleanistischen und verschämt reactio- 
nären Ministerium Sitz und Stimme zu haben und 



Digitized by Google 



42 



Herr von Freycinet. 



heute einer röthlich schillernden entschieden radi- 
calen Regierung vorzustehen. Dieses merkwürdige 
parlamentarische Kunststück hat ausser Freycinet 
noch kein anderer republikanischer Politiker oder 
Staatsmann zu vollführen verstanden, Keinem sonst, 
der Minister der dritten Republik gewesen, ist es 
bis heute gelungen, stets auf die „Butterseite“ zu 
fallen. Kur Freycinet allein galt nach jedem Sturze 
noch für möglich, und über ihn wurden nie der- 
artige Nekrologe wie über Jules Ferry geschrieben^ 
den alle Welt in Frankreich auch heute noch für 
einen lebendig Begrabenen hält. 

Und doch hatte Freycinet Aufgaben zu lösen, 
die man unbedingt zu den schwierigsten politischen 
Problemen zählen muss; ja die Constituirung der 
jetzt am Ruder befindlichen Regierung schien sogar 
eine zeitlang mit der Auffindung der Quadratur 
des Cirkels eine starke Analogie zu haben. 

Die ihm gestellte Aufgabe, ein Versöhnungs- 
ministerium zu bilden, war gewiss kein leichtes 
Stück Arbeit, da die heterogenen Elemente, welche 
seit Jahren sich bekämpften, gutwillig unter einen 
Hut nicht zu bringen waren. Die Führer der ver- 
schiedenen Parteien, welche miteinander oder unter- 
einander versöhnt werden sollten, sträubten sich 
mit Händen und Füssen gegen die projectirte Ama- 
gamirung — wohl aus Furcht ebenso schnell wie 
die bisherigen Machthaber abgenützt und zu den 
Todten geworfen zu werden. 



Digitized by Google 



Herr von Frevcinet. 



43 



Diesen wenigen einleitenden Sätzen, welche 
den Zweck haben, in allgemeinen Contouren ein 
Bild der politischen Bedeutung Freycinets zu ent- 
werfen, belehren wohl den Leser, dass der jetzige 
Premierminister Frankreichs ein ganz eigenartiger 
Charakter sein müsse — ein Mann von grosser 
Befähigung — oder zumindestens von ungewöhn- 
licher Geschicklichkeit, die in politischer Angele- 
genheit sehr oft mehr als Talent gilt. 

Charles Louis de Saulces Freycinet entstammt 
einer alten historischen Adelsfamilie des südlichen 
Frankreichs, welche im Dauphine und Lanquedoc 
stark begütert ist. Die Saulces - Freycinet sind 
unbeugsame Legitimisten oder zumindestens ein- 
gefleischte Orleanisten. Der jetzige Minister-Präsi- 
dent Frankreichs ist der einzige Sprosse dieser 
zahlreichen und weitverzweigten Familie, der stets 
republikanische Anschauungen hegte, ja selbst unter 
dem Kaiserreiche seiner politischen Ansichten wegen 
vom Staatsdienste sich ferne hielt. 

Nach nur zweijähriger Studienzeit aus der 
berühmten „Ecole polytechnique“ mit Auszeich- 
nung als Mineningenieur ausgemustert, schlug er 
anfangs auch in der That die Laufbahn eines Berg- 
bau-Ingenieurs ein. Er trat in Staatsdienste und 
wurde von der zweiten Republik nach Chartres 
und hierauf nach Bordeaux als Experte in Minen- 
angelegenheiten entsendet. 



Digitized by Google 




44 



Herr von Freycinet. 



Kurze Zeit nach dem Staatsstreiche verliess 
Freycinet, der, wie schon bemerkt, stets Republi- 
kaner aus Ueberzeugung gewesen — den Staats- 
dienst und trat in die Yerwaltung der französischen 
Südbahn als „Chef d’exploitation“. Während seiner 
fünfjährigen Functionsdauer als Chef des Verkehrs- 
wesens führte er bei dieser Bahn eine geradezu 
musterhafte Organisation ein, deren andere Bahn- 
gesellschaften sich als Modell bedienten. 

Freycinet nahm unter dem Kaiserreiche, ins- 
besondere in den letzten Jahren, eine frondirende 
Stellung ein — ohne offen gegen die bestehende 
Ordnung anzukämpfen. Eng mit den Habitues der 
Brasserie Frontin befreundet, welche durchwegs, 
später mit Gambetta an der Spitze, leitende Po- 
litiker der republikanischen Aera wurden, finden 
wir ihn beim Ausbruch der Revolution vom 4. Sep- 
tember 1870 unter den jungen Leuten, welche des 
Staatsruders sich damals bemächtigten. Von der 
provisorischen Regierung zum Präfecten des De- 
partements Torn et Garonne ernannt, musste er 
seine Functionen schon wenige Tage nach Ueber- 
nahme derselben niederlegen, da sein intimer Freund, 
Leon Gambetta, welcher mittlerweile als thatsäch- 
licher Dictator die Leitung der Geschäfte über- 
nommen, ihn am 10. October 1870 zur Dienst- 
leistung nach Tours berief. Freycinet wurde zum 
„Delfege“ (Unterstaatssecretär) des Kriegsministe- 
riums ernannt und war während der ganzen Zeit 



Digitized by Google 




Herr von Freycinet. 



45 



der Herrlichkeit Gambettas seine rechte Hand, die 
eigentliche Seele der improviairten Nationalverthei- 
digung. Der General Borei sagt in seinem Berichte 
an die zur Unterstützung der Gestion der Regie- 
rung „de la Defense nationale“ eingesetzte parla- 
mentarische Commission, über Freycinet folgendes : 
„Es existirt ein Mann, welcher unter dem 
bescheidenen Titel eines Delegirten in Kriegs- 
sachen ungeheuere Verdienste dem Lande geleistet, 
für welche heute ihm Niemand Dank weiss, weil 
sein Werk nicht gelang. Diesem Manne, welcher 
mittlerweile sich bescheiden zurückgezogen, ver- 
danken wir die Schaffung unserer improvisirten 
Armeen, denen leider die moralische Kraft, die 
Disciplin, die militärische Schulung und Drillung^ 
sowie das Vertrauen in die eigene Kraft, welche 
die Tradition allein nur erzeugen kann, fehlte.“ 
Nach dem Friedensschlüsse zog Freycinet sich 
vom öffentlichen Leben zurück, um schriftstellerisch 
thätig zu sein. Kaum war jedoch die nur dem 
Scheine nach existirende Republik zur Wirklichkeit 
geworden, warf Freycinet auch schon die Feder 
weg, um die politische Arena zu betreten. Bei 
den Senatswahlen 1876 kam Freycinet, dessen 
Candidatur Gambetta lebhaft unterstützte, als erst- 
gewählter Senator von Paris aus der Wahlurne 
hervor. Etwa ein Jahr später wurde er zum Mi- 
nister ernannt. Der alte Dufaure, der ein Ueber- 
gangsministerium zu bilden hatte, bot ihm das 



Digitized by Google 




46 



Herr von Freycinet. 



Portefeuille der öffentlichen Arbeiten an, welches 
Freycinet annahm — da die Leitung dieses De- 
partements ihn keineswegs zwang in politischer 
Hinsicht Farbe zu bekennen. 

Die Stellung Dufaure’s war bekanntlich eine 
äusserst schwierige, da einerseits die republika- 
nische Majorität der Kammer immer ungestümer 
die Regierung drängte eine vorgeschritten liberale 
und aufrichtig republikanische Richtung einzuschla- 
gen, während andererseits der Marschall Mac-Mahon 
allen diesen Bestrebungen einen zähen Widerstand 
entgegensetzte. Eine ähnliche Situatien war absolut 
unhaltbar und selbst Mac-Mahon, der mit starrem 
Trotze auf seinen siebenjährigen Schein bestand, 
gelangte zur Einsicht, dass seine letzte Stunde 
geschlagen habe. Er dankte freiwillig ab — um von 
der uneindämmbaren Flut der Yolkswuth nicht weg- 
geschwemmt zu werden. Sein Nachfolger Grevy 
betraute Waddington mit der Bildung eines auf- 
richtig republikanischen Cabinettes, in dem Frey- 
cinet als Minister der öffentlichen Arbeiten verblieb. 

Sofort nach seinem Eintritte in das Ministe- 
rium Dufaure entwarf Freycinet den Plan zu gross- 
artigen auf Staatskosten zu vollführenden Arbeiten, 
welche im Laufe von 10 Jahren beendet werden 
und einen Kostenaufwand von 4 Milliarden Franken 
benöthigen sollten. Diese Arbeiten — 2500 Kilo- 
meter Eisenbahnen, 10.000 Kilometer Kanäle etc. 
— wurden auch in der That im Jahre 1879 in 



Digitized tjy Google 




Herr von Freycinet. 



47 



Angriff genommen und inaugurirten die Periode 
des geschäftlichen Aufschwunges in Frankreich, 
welche mit dem Boutouxkrache in ziemlich kläg- 
licher "Weise abgeschlossen wurde. Freycinet trat 
als Arbeitsminister für die Verstaatlichung der 
Eisenbahnen ein und wusste, trotz der kolossalen 
Gregenagitation der grossen Bahn-Gesellschaften, 
welche das französische Reisepublikum ausbeuten 
und aussaugen , trotz der heftigen Angriffe und 
der böswilligen Verleumdungen einer Presse, die 
im Solde dieser Gesellschaften stand, die Kammer 
zum Baue von Staatsbahnen zu bewegen. Leider 
blieb er nicht lange genug im Amte um sein Lieb- 
lingsproject, die Verstaatlichung der grossen Eisen- 
bahnlinien, zu verwirklichen. 

Nach dem Sturze des Cabinettes Waddington 
betraute Grevy Herrn von Freycinet mit der Bil- 
dung einer neuen Regierung (December 1879). 

Er übernahm mit dem Vorsitze gleichzeitig 
die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten. Die 
conservative, wie die radicale Presse griff die neue 
Regierung, insbesondere aber deren Chef, aufs 
Heftigste an, die Behauptung aufstellend, dass 
Freycinet, der als Ingenieur für die öffentlichen 
Arbeiten wie prädestinirt schien, aus Ehrgeiz, sowie 
aus Sucht zu glänzen, sich das Ministerium des 
Aeussern zutheilte. Man war zu der Zeit allgemein 
der Ueberzeugung, dass unter seiner Leitung die 
ausw ärtigen Angelegenheiten Schaden leiden werden. 



Digitized by Google 




48 



Herr von Freycinet. 



Heute ist man allerdings der ganz entgegengesetzten 
Ansicht, die diesmal auch wohl begründet ist — 
denn in der That ist Freycinet der geschickteste 
Minister des Aeussern, den die Republik besessen, 
der einzige republikanische Diplomat, welcher der 
ungeteilten Sympathie der auswärtigen Staats- 
männer sich zu erfreuen in der Lage ist. Seine 
Herrlichkeit als Ministerpräsident sollte übrigens 
nicht von langer Dauer sein. Schon im September 
1880 zog er sich in Folge der Krisis, welche die 
Ausführung der bekannten Decrete gegen die Re- 
ligionsgenossenschaften hervorrief, ins Privatleben 
zurück. 

Nach dem Sturze Gambetta’s im Februar 1882, 
wurde er neuerdings mit der Bildung einer Re- 
gierung betraut, aber schon nach fünfmonatlichem 
Regieren fiel er wegen seiner Stellungnahme in 
der egyptischen Angelegenheit. Seit Juli 1882 bis 
zur Bildung des Cabinettes Brisson, lebte Frey- 
cinet in der tiefsten Zurückgezogenheit. 

Im Cabinette Brisson, welches den von Jules 
Ferry in den Tonkiner Schlamm verfahrenen Staats- 
wagen wieder flott machen sollte, nahm Freycinet 
als Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine 
präponderirende Stellung ein. Er galt allgemein 
als der intimste Freund Grevy’s und Dolmetscher 
der Ansichten und Meinungen des Präsidenten 
der Republik. In der That erfreut sich Frey- 
cinet, wie sonst kein anderer französischer Staats- 



Digitized by Googl 




Herr von Froycinet. 49 

mann, des absoluten Vertrauens des Präsidenten 
der Republik. 

Als Brisson nach dem für die Republikaner 
ungünstigen Ausgange der letzten Kammerwahlen, 
trotz der scheinbaren und hypokriten Bitten der 
massgebenden Parteiführer weiter im Amte zu 
verbleiben, entschieden ablehnte, wurde Freycinet 
mit der Bildung des schon erwähnten Versöhnungs- 
ministeriums betraut. Das Cabinet, welches ihm 
nach zweiwöchentlicher emsiger Thätigkeit zu bilden 
nicht ohne grosse Mühe gelang , schien anfangs 
ein todtgeborenes Kind zu sein. Die Majorität der 
republikanischen Presse kündigte täglich an, dass 
dieses Ministerium das Todeszeichen auf der Stirne 
trage. In der Kammer wurde die neue Regierung 
frostig empfangen und die Couloirintriguanten es- 
comptirten schon bei Lebzeiten die bevorstehende 
Erbschaft des Cabinettes Freycinet. Dank der ganz 
ausserordentlichen Geschicklichkeit des jetzigen 
Ministerpräsidenten konnte dieses Ministerium alle 
von rechts und links angehäuften Schwierigkeiten 
überwinden und heute steht diese unzählige Male 
schon todtgesagte Regierung fester denn je ein 
Cabinet der dritten Republik. 

Freycinet ist heute 61 Jahre alt, er ist einer 
der wenigen republikanischen Staatsmänner, welche 
selbst von den grundsätzlichen Gegnern der Re- 
publik, als durch und durch integre Ehrenmänner, 
als vollkommene Gentlemen anerkannt werden. 

Bernh. Frey, Pariser I.eben. 4 



Digitized by Google 




50 



Herr von Freycinct. 



Eine schmächtige aber elastische Erscheinung von 
hoch aristokratischem Aeussern, stets mit tadel- 
loser Eleganz gekleidet, mit Jedermann liebens- 
würdig und freundlich ist Freycinet einer der voll- 
kommensten Repräsentanten der verschwindend 
kleinen Anzahl distinguirter Männer, welche der 
Pariser Boulevardier mit dem Worte „Un Mon- 
sieur“ benennt. Diese Bezeichnung, „Ein Herr“, 
zu definiren, ist keine leichte Aufgabe. Nach der 
Versicherung des geistreichen Feuilletonisten des 
„Figaro“ Albert Wolff genügt für das Kriterium 
„Eines Herrn“ keinesfalls die Stellung, welche 
man einnimmt, selbst wenn dieselbe die erste im 
Staate oder der Gesellschaft ist. Um für „Un Mon- 
sieur“ zu gelten, muss man ganz besondere Eigen- 
schaften besitzen. Man muss die höchste Position 
in der Gesellschaft in so discreter Weise einneh- 
men, dass man von Niemandem der Eitelkeit, 
Prahlsucht oder Ueberhebung geziehen werden 
kann. Man muss populär sein, aber gleichzeitig 
Würde genug besitzen, um jedwede banale Fami- 
liarität im vorhinein auszuschliessen. Man muss 
glänzen, dabei aber sich hüten Andere zu sehr 
zu verdunkeln. Man muss gutherzig und gleich- 
zeitig willensstark, selbstbewusst und nicht auf- 
gebläht stolz oder vulgär bescheiden sein. Man 
muss stets das „juste milieu“ zu finden wissen, 
viel in Gesellschaft verkehren, aber die Würde 
schädigende Zutraulichkeit vermeiden. Man muss 



Digitized by Google 



Herr von Frevcinet. 



51 



■schliesslich viele, sehr viele Freunde und gar keine 
Feinde haben. 

Freycinet ist nun vom Wirbel bis zur Sohle 
„Un Monsieur“ und dieser Eigenschaft allein hat 
er es zu verdanken, dass er zum sechsten Male 
Minister werden konnte. Weil er von Jedermann 
für „Einen Herr“ gehalten wird, gilt er auch als 
der einzige unbestritten mögliche Nachfolger Grevys. 

Zum Schlüsse wollen wir noch flüchtig eines 
Spitznamens „s o u r i s blanche“ des Herrn von 
Freycinet gedenken , der in Frankreich derart 
populär geworden, dass fast jede Zeitung sich des- 
selben bei der Nennung des Ministerpräsidenten 
bedient, lieber diesen Spitznamen, „weisse Maus“, 
wurde schon viel geschrieben und einzelne beson- 
ders kluge Correspondenten deutscher Zeitungen 
fanden auch richtig nach achttägigem Aufenthalte 
in Paris heraus, dass Freycinet die „weisse Maus“ 
wegen seiner grossen Verschwiegenheit und Schlau- 
heit in politischen und parlamentarischen Ange- 
legenheit benannt wurde. In der Wirklichkeit ver- 
hält es sich mit diesem Spitznamen folgender- 
massen : Eine bekannte Pariser Salondame, welche 
zum ersten Male einer Parlamentsitzung beiwohnte, 
machte mehr oder minder zutreffende Glossen über 
einzelne Parlamentarier, welche ihre Aufmerksam- 
keit wachriefen. Plötzlich bemerkte sie Freycinet. 

„Wie heisst denn der mit dem Kopfe einer 
weissen Maus ?“ (Freycinet ist nämlich ganz 

4 * 



Digitized by Google 




52 



Herr von Freycinet. 



weiss) frug sie ihren Cicerone, einen bekannten 
republikanischen Deputirten. 

„Das ist Herr von Freycinet“, lautete die 
Antwort. 

Diese Bemerkung wurde bekannt, einzelne 
Zeitungen reproducirten dieselbe und der Spitz- 
name „weisse Maus“ erlangte binnen kurzer Zeit 
Bürgerrechte. 



Eduard Lockroy. 

Die hervorragendste Gestalt des gegenwär- 
tigen französischen Ministeriums ist — von Herrn 
von Freycinet abgesehen — der Minister für Handel 
und Gewerbe, Eduard Lockroy. Lockroy ist heute 
kaum 45 Jahre alt und trotz dieser für einen 
Staatsmann gewiss grossen Jugend wusste Lockroy 
sich nicht nur die ungeteilten Sympathien der Pa- 
riser, sondern auch allgemeine Geltung als Politiker 
zu verschaffen. Dieser hagere, wie ein Greis schnee- 
weisse nnd doch erst in der Blüthe des Mannesalters 
stehende Staatsmann ist eine der charakteristischen 
Erscheinungen unter den Radikalen Frankreichs. 
Trotz seiner 45 Jahre hat er ein wildbewegtes Leben 
hinter sich. Als bartloser Jüngling begleitete er 
Alexander Dumas nach Sicilien, wo er die Bekannt- 
schaft Garibaldi’s machte. Seinem regen, nach 
Abenteuern lüsternen Geiste musste die Lebens- 
weise eines kämpfenden Parteigängers besonders 
Zusagen. Der 20jährige Jüngling verliess auch in 
der That Dumas, um einer der tausend Begleiter 
Garibaldi’s zu werden. Lockroy schlug sich unter 



Digitized by Google 




54 



Eduard Lockroy. 



Garibaldi’s Leitung in Sicilien und Neapel mit. 
wahrer Todesverachtung und inaugurirte somit 
seine den politischen Kämpfen gewidmete Lauf- 
bahn auf dem Felde der Ehre mit der Flinte des 
Freiheitskämpfers in der Hand. Uebrigens sollte 
es ihm zum Yortheil gereichen, dass er den Degen 
noch früher als die Feder zu führen lernte, denn 
als der wilde bonapartistische Klopffechter Cassagnac 
in einer wilden Parlamentssitzung ihm zu nahe 
trat, konnte Lockroy, auf seine Fechtergeschick- 
lichkeit vertrauend, dem gefürchteten Duellanten 
den Fehdehandschuh hihwerfen. 

Nach Beendigung der Campagne unter Gari- 
baldi hatte Lockroy Gelegenheit, Ernst Renan, den 
genialen Verfasser des „Leben Jesu“ auf seiner 
wissenschaftlichen Forschungsreise nach Judea zu 
begleiten. Er kehrte von derselben krank und ge- 
brochen zurück. Das Klima Palästina’s war ihm 
verhängnissvoll. Er verliess Paris als blonder, 
fröhlicher und lachender Jüngling, um als halber 
Greis — zumindestens was die Farbe seiner 
Haare anbelangt — todtkrank zurückzukehren.. 
Mehrere Jahre hindurch zwang ihn der periodisch 
wiederkehrende Fieberfrost, der seinen schmäch- 
tigen Körper schüttelte, oft wochenlang das Bett, 
zu hüten. Aber trotz dieser physischen Leiden 
verlor Lockroy seine Geistesfrische nicht. Er war 
noch immer lustig und guter Laune und schrieb 
selbst im Krankenbette — wie einst Heine — 



Digitized by Google 



Eduard Lockroy. 



55 



polemische Artikel voll kaustischen Witzes, amü- 
sante Novellen voll feiner geistreicher Ironie. 
Seine gesunde Constitution, sowie seine überaus 
geregelte Lebensweise erhielten ihn am Lehen, 
welches das in Asien eingewirthschaftete Fieber 
auszublasen drohte. 

Seine politische Laufbahn begann er als 
Journalist in den letzten Jahren des zweiten 
Kaiserreiches. Nach einer kurzen Mitarbeiterschaft 
beim „Figaro“, wo er als Feuilletonist Rochefort’s 
Stelle einnahm, betraute ihn Villemessant mit der 
Leitung der von ihm gegründeten Wochenschrift 
„Le Diable ä quatre“, welche man sich ebenso 
wie die „Lanterne“ Henri Rochefort’s im Jahre 
1869 buchstäblich aus den Händen riss. Der 
„Diable ä quatre“ Var eigentlich ein politisches 
Pamphlet und die von Lockroy geschriebenen und 
Mephistoföles gezeichneten Aufsätze wahre Muster- 
stücke eines heissenden Sarkasmus, einer zer- 
setzenden, bis aufs Blut verwundenden Ironie. 
Kaum waren drei Nummern dieser Zeitschrift er- 
schienen und schon fahndeten die Häscher und 
Schergen des III. Napoleon auf den geistreichen 
Spötter. Man machte ihm den Process und sperrte 
ihn in den Kerker. 

Die Strafanstalt betrat Lockroy als simpler 
Journalist, der erst einen Namen sich zu machen 
im Begriffe stand, als gemachter Mann verliess er 
drei Monate später den Kerker. Er war nunmehr 



Digitized by Google 



56 



Eduard Lockroy. 



ein politischer Märtyrer, dessen Haupt die Gloriole 
der für seine freisinnige Ueberzeugung allsgestan- 
denen Leiden verklärte. 

Während der Belagerung von Paris griff 
Lokroy neuerdings zum Gewehre, um als Chef 
des „Bataillon de l’Octroi“ an allen blutigen 
Affairen um Paris thätigen Antheil zu nehmen. 
Nach dem Waffenstillstände wurde er von den 
Parisern in die „Assemblee Nationale“ nach Bor- 
deaux entsendet. 

Lockroy war beim Ausbruch der Commune 
einer der thätigsten Unterhändler zwischen der 
Versailler Regierung und dem insurgirten Paris. 
Da jedoch seine friedlichen Bestrebungen keine 
Aussicht auf Erfolg hatten, so legte er am 23. März 
1871 sein Deputirten-Mandat »nieder. Er wurde 
sofort verhaftet. Bevor jedoch noch die militäri- 
schen Dictatoren darüber schlüssig werden konnten, 
welchen Verbrechens sie ihn eigentlich vor dem 
Kriegsgerichte anklagen sollen, wählten ihn die 
Marseiller neuerdings in die „Assemblee Nationale“. 

Lockroy zählt heute zu den populärsten 
Männern von Paris. Zu dieser seiner so allgemeinen 
Beliebtheit mag w ohl der Umstand viel beigetragen 
haben, dass er vor einigen Jahren die schöne Witwe 
des frühzeitig verstorbenen Sohnes des von den 
Franzosen vergötterten Victor Ilugo’s heiratete. 

Bei den letzten Wahlen in Frankreich ging 
Lockroy als „Erster“ aus der Pariser Wahlurne 



Digitized by Google 




Eduard Lockroy. 



57 



hervor. Der Ausgang dieser Wahlen schuf eine 
neue Situation, für die neue Männer unerlässlich 
waren. Alle Welt bezeichnete Lockroy als den be- 
rufensten von Allen, denen man die Geschicke 
der Republik anvertrauen kann. Da Lockroy bis 
4. October 1885 noch keinerlei officielle Stellung 
eingenommen und daher auch keinerlei Titel auf 
ein Ministerportefeuille geltend machen konnte, so 
übernahm das Volk von Paris die Sorge, ihm eine 
Titulatur zu verleihen, eine neue noch bis jetzt 
unbekannte Würde speciell für ihn zu schaffen. 
Man taufte ihn „Le Premier Elu“, wie man Louis 
Bonaparte seinerzeit nicht schlechthin Präsident 
der Republik, sondern „Prince President“ nannte. 
Als „Erstgewählter von Paris“ nahm nun Lockroy 
in der Deputirtenkammer eine präponderirende 
Stellung ein, ja so gross war und ist sein Ein- 
fluss im Parlamente, dass Freycinet ohne seine 
Mitwirkung ein Versöhnungs-Ministerium zu grün- 
den ausser Stande gewesen wäre. Lockroy Aveigerte 
sieb anfangs entschieden ein Portefeuille anzu- 
nehmen; selbst die Intervention Floquet’s und 
Clemenceau’s war nicht im Stande, ihn zur An- 
nahme zu bewegen. Er wich erst der dringenden 
Aufforderung Grevy’s, der an seinen Patriotismus 
appellirte. 

Im Auslande ist man allgemein gewillt, die 
französischen Radikalen nach den landläufigen An- 
sichten zu beurtheilen. Man stellt sich dieselben 



Digitized by Google 




58 



Eduard Lockrov. 



als eine Art von halbcivilisirten Menschenfressern 
vor, als wilde Demagogen, die durch den politi- 
schen Strom auf die Oberfläche geworfen wurden, 
um die erste Violine zu spielen. Diese Ansicht 
ist wohl ziemlich stark verbreitet, dessenungeachtet 
aber grundfalsch. Lockroy ist ebenso wie Floquet 
und Clemenceau ein Salonmensch reinsten Wassers, 
ein Demokrat in Glacehandschuhen, der hoch- 
aristokratische Manieren und Lebensgewohnheiten 
hat. Hochgebildet, ein seltener Kenner der Lite- 
ratur, eine feine und zartfühlende Künstlernatur, 
ist Lockroy daneben auch noch ein überzeugungs- 
treuer Politiker, sowie ein gefürchteter Redner, 
der stets den Nagel auf den Kopf zu treffen weiss. 
Sein kaustischer Witz, seine geistreiche Ironie, 
sowie seine feine Persiflage, die er seinen Reden 
einstreuungsweise einzuflechten weiss, sind allgemein 
bekannt und gefürchtet. Lockroy ist aber nicht nur 
ein ausgezeichneter Redner und glänzender De- 
batter, nicht nur ein genialer Journalist und 
geistreicher Schriftsteller — er ist auch ein un- 
ermüdlicher Mann der Arbeit. Der nothleidenden 
Industrie Frankreichs wurde da mit der Ernen- 
nung Lockroy’s zum Handels- und Industrie-Minister 
ein schönes Neujahrsgeschenk gemacht, denn dieser 
Mann nimmt es — wie seine bisherige Thätigkeit 
beweist — ernst mit dem im Munde Anderer zur 
Phrase gewordenen Schlagworte von der „Hebung 
des Handels und der Industrie.“ 



Digitized by Googlt 




Eduard Lockroy. 



59 



Beinen rastlosen Bemühungen hat Frankreich 
insbesondere Paris es zu verdanken, dass die Idee, 
die Säcularfeier der französischen Revolution durch 
eine Weltausstellung zu feiern, verwirklicht 
werden kann. 



#. 






Digitized by Google 



Dr. Georges Cl^m^nceau. 



Kaum dürfte in der zeitgenössischen Ge- 
schichte Frankreichs es einen Mann geben, der in 
so hohem Grade gleichzeitig die öffentliche Mei- 
nung, welche -nur nach dem augenblicklichen 
Scheine urtheilt, wie den ernsten Politiker und 
gründlichen Staatsmann interessirt — wie der 
jetzige Chef der äussersten Linken Dr. Georges 
Cleinenceau, der Nachfolger Gambetta’s, wie seine 
Freunde ihn nennen, der Dauphin der Republik, 
— wie seine Feinde und Gegner mit spöttischem 
Lächeln und den innerlich tobenden Groll nur 
mühsam verbeissend, urbi et orbi ausposaunen. 

Als Politiker ebenso wie als Mensch ist 
Clemenceau ein hochinteressanter Vorwurf für den 
Tagesschriftsteller und die aufsteigende Linie seiner 
politischen Laufbahn sollte in allen Staaten, in 
denen das Volk die constitutionelle Arena betreten 
darf, um für die Herrschaft des demokratischen 
Principes zu streiten, aufs eifrigste verfolgt, aufs 
eingehendste studirt werden. 



Digitized by Google 






Dr. Georges C16m($neeau. 61 

Ganz abgesehen von dem Umstande, dass 
Dr. Clemenceau in nächster Zukunft eine absolut 
ausschlaggebende, höchst wahrscheinlich die erste 
Rolle in seinem Yaterlande spielen wird, bietet 
seine zwar noch kurze, aber desto ereignissreichere 
bisherige Thätigkeit so viel des Interessanten und 
Lehrreichen, dass eine Studie über den Parlamen- 
tarier und Parteichef C14menceau, selbst wenn man 
in ihm nicht den zukünftigen Premierminister und 
Staatschef sehen will, den deutschen Leser in hohem 
Grade interessiren dürfte. Der Politiker und Partei- 
mann kann aus den Wechselfallen des politischen 
Glückes des geistreichen Arztes von Montmartre so 
manche Lehre ziehen, ja die Gewissheit sich ver- 
schaffen, dass Ueberzeugungstreue und Charakter- 
stärke, mit grosser Energie gepaart, genügend Kraft 
verleihen, um selbst gegen eine so allgemein wie 
ein Idol angebetete Persönlichkeit, wie Gambetta 
es war, mit Erfolg anzukämpfen. 

Vom Tage der Consolidirung der Republik 
angefangen, zur Zeit als Gambetta, im Zenithe der 
Macht stehend, Frankreich wie ein Triumphator 
nach allen Richtungen durchstreifte und durchzog, 
begann Clemenceau, früher ein begeisterter An- 
hänger des südlichen Volkstribuns, sein Karteiträger 
und Zeuge in der bekannten Duellaffaire mit Tour- 
tou, — dem allmächtigen Gambetta schüchtern und 
vereinzelt Opposition zu machen. Die Handvoll Ge- 
sinnungsgenossen, die dem jungen Dr. Clemenceau 



Digitized by Google 




62 Dr. Georges Climen ceau. 

sich anschlossen, um Gambetta’s Wirken als ein 
verderbliches zu bekämpfen, wuchs mit jeder Neu- 
wahl und heute sieben Jahre nach Gründung der 
politischen Partei, welcher Clemenceau vorsteht, 
ist diese Fraction die leitende in der französischen 
Kammer, ihr Einfluss auf die Staatsgeschäfte ein 
ausschlaggebender und entscheidender. 

Derartige Erfolge geradezu überraschender 
Natur, sind die sichersten Garantien dafür, dass 
der Mann, welcher diese politische Partei „Aeusserste 
Linke“ in Frankreich ins Leben rief und seit 
ihrer Constituirung leitete, ganz besondere staats- 
männische Eigenschaften besitzen, mit Talenten 
und Fähigkeiten ausgerüstet sein müsse, vermöge 
derer er hoch über die Masse durchschnittlicher 
Politiker und Parlamentarier emporragt. 

Es mag vielleicht paradox klingen, wenn die 
Behauptung aufgestellt wird, dass Clemenceau die 
„äusserste Linke“ geschaffen, — dessen ungeachtet 
wird jeder zutreffend urtheilende Historiker, welcher 
die Geschichte der dritten Republik eingehend 
studiert hat, dieselbe Meinung geltend machen, da 
in der That Clemenceau diejenige politische Partei, 
welche man mit dem längst existirenden Namen 
„äusserste Linke“ getauft, allein geschaffen hat. 

In Frankreich herrschten eben seit dem Kriege 
ganz anormale Verhältnisse, welche ähnliche Partei- 
unterschiede, wie sie bei uns existiren, nicht auf- 
kommen Hessen. Das Land war in zwei principiell 



Digitized by Google 




Dr. Georges Cl^raeneo au. 



63 



sich bekämpfende Tlieile geschieden und die Partei, 
welche thatsächlich die überwiegende Mehrheit 
besass, musste gegen die factiöse Minderheit, die 
Hüterin der Gewalt war, einen Kampf auf Leben 
und Tod ausfechten. In diesem Streite gegen einen 
verschwindend kleinen Bruchthoil der Kation, welche 
jedoch Männer anführten, denen kein Mittel zu 
schlecht war und die keineswegs vor Gewaltacten 
zurücksclireckten, — mussten die Republikaner 
eine eiserne Disciplin in ihren Reihen einführen, 
die eigene Individualität im Interesse der Ge- 
sammtheit verleugnen. 

Als schliesslich der gefährliche Gegner über- 
wältigt am Boden lag, als die berühmte Alternative : 
„se soumettre ou se demettre ,“ welche Gambetta 
dem reaktionären Staatschef zugerufen, den Mar- 
schall Mac Mahon zum Rücktritte zwang und in’s 
Elysee ein überzeugungstüchtiger Republikaner als 
Präsident einzog; — war Gambetta’s Popularität 
eine so gewaltige schon geworden, dass eine ihm 
gemachte Opposition ebenso in den Augen der 
Partei, wie auch in den Augen der republikanisch 
gesinnten Kation als Hochverrath galt. 

Unter solchen Verhältnissen eine frondirende 
Stellung einzunehmen, einen systematischen Oppo- 
sitionsfeldzug gegen eine Persönlichkeit einzuleiten, 
welche allgemein wie ein Halbgott verehrt wurde, 
dazu war Talent und grosse Befähigung allein 
nicht hinreichend ; der verwegene Sterbliche der 



Digitized by Google 




64 



Dr. Georges C16m6nceau. 



in den letzten Jahren des verflossenen oder zu 
Beginn des laufenden Jahrzehnts dem Exdictator 
zu trotzen wagte, musste ausser diesen Eigen- 
schaften, nebst Energie auch noch viel Muth und 
Kaltblütigkeit besitzen. 

Er musste im Vorhinein darauf gefasst sein, 
dass seine Freunde von gestern, seine Gesinnungs- 
genossen in principieller Hinsicht ihn als Abtrünni- 
gen behandeln, als gewissenlosen Streber brand- 
marken, ihn in der Kammer verhöhnen und ver- 
spotten, vor dem Volke als Verräther an der 
republikanischen Sache verleumden werden. Allen 
diesen Gefahren bot Clemenceau muthig die Stirne. 
— Er betrat allein den dornigen Pfad der Oppo- 
sition, welcher ihn zu der heutigen Stellung ge- 
führt. Und die Opposition, die er seit 1879 syste- 
matisch Gambetta gemacht, war gewiss eine be- 
rechtigte. 

Zum ersten Male in der Geschichte Frank- 
reichs, lautete seine Argumentation, ist es den 
Republikanern gelungen, auf legale Weise von 
der Volksgunst getragen, die Regierungsgewalt 
in die Hände zu bekommen. Nunmehr sei es 
Pflicht der Partei , die geschaffene Möglichkeit, 
die Republik mit republikanischen Institutionen 
einzurichten, auszunützen und mit den übrig ge- 
bliebenen Einrichtungen der früheren autoritären 
Regierungssysteme schleunigst aufzuräumen. Cle- 
menceau war der Erste, der an Gambetta die Auf- 



Digitized by Google 




Dr. Georges Cldmönceau. 



65 



forderung richtete, als anerkannter Chef der repu- 
blikanischen Partei das Ruder der Regierung zu 
ergreifen — um allen Ernstes an die Verwirk- 
lichung des demokratischen Programmes zu schreiten. 

Es kann nicht Aufgabe des Chronisten sein, 
der blos eine flüchtige Skizze des Menschen und 
Politikers Dr. Clömenceau zeichnen will, an der 
Hand der Geschichte der letzten Jahre die Gründe 
und Ursachen der Fehde zwischen Clemenceau 
und Gambetta zu erläutern, oder gar die einzelnen 
Phasen dieses hochinteressanten politischen und 
parlamentarischen Kampfes zu schildern. Zur Be- 
urtheilung Clemenceau’s genügt ja blos die ein- 
fache Constatirung, dass von dem Augenblicke des 
definitiven Triumphes der republikanischen Sache 
der Stern Gambetta’s langsam zu verblassen be- 
gann, während Clemenceau fast täglich an Grösse 
und Bedeutung zusehends wuchs. Und doch war 
Cldmenceau um diese Zeit eigentlich noch ein 
homo novus. 

Clemenceau ist Bretone. Im Jahre 1841 bei 
Foutenay-le-Comte im Herzen der urlegitimistischen 
Yendee geboren, hatte er schon in seiner zartesten 
Jugend Gelegenheit, politische Tugenden wie 
Ueberzeugungstreue, Gesinnungstüchtigkeit etc. etc. 
bei seinem eigenen Vater zu bewundern. Die Bre- 
tonen und insbesondere die Bretonen der Vendde 
haben wahre Feuersteinschädel. In dieser Bre- 
tagne, diesem gewaltigen Granitblocke, der wie 

Bcrnh. Froy, Pariser Loben 5 



Digitized by Google 



66 



Dr. Georges Cl^menccau. 



ein Zeigefinger in’s Meer hineinragt, wohnt ein 
Stamm, der, was Charaktereigenschaften anbelangt, 
mit allen anderen Stämmen Frankreichs auf s Leb- 
hafteste contrastirt. Die Bretonen sind eben die 
directen Sprösslinge der alten Celten und diese 
unvermischte Race besitzt wohl noch heute die 
meisten jener Eigenschaften, welche die Römer den 
Celten zuschrieben. Unerschütterliche Festigkeit, 
eine Kaltblütigkeit sondergleichen, felsenfeste Treue, 
sind die Hauptcharakter- Yorziige der Bretonen im 
Allgemeinen, des Dr. Clemenceau im Besonderen. 
In seinem Heimatlande können die Ideen nur 
langsam und successive eindringen, plötzliche Um- 
stürze, jähe Gesinnungswechsel sind in der Bre- 
tagne absolut unbekannt. Heute noch, ist nicht 
nur die Landbevölkerung, sondern selbst die kleine 
Bourgeoisie zum grossen Theile urlegitimistisch 
gesinnt. Clemenceau’s Yater, war einer der wenigen 
„Blauen“ der Yendee, ein Republikaner von echtem 
Schrot und Korn, ein Mann, der keinen Augen- 
blick zögerte, für seine politischen Ueberzeugun- 
gen selbst seinen Kopf auf s Spiel zu setzen. 

Als Louis Kapoleon den Staatsstreich ver- 
brochen, stellte der Yater des jetzigen Führers der 
„äussersten Linken“ sich an die Spitze der Un- 
zufriedenen der Yendee, um eine Gegenbewegung 
in Fluss zu bringen. Die Sache misslang — und 
der junge Georges war schon als Knabe Zeuge 
brutaler Scenen, w r elche eine entfesselte Soldateska 



Digitized by Google 




Dr. Georges Cl<5m4nceau. 67 

hei solcher Gelegenheit zu begehen nie unterlässt, 
hatte schon damals Gelegenheit, die bitteren Ge- 
fühle der Angehörigen Proscribirter kennen zu 
lernen, denen eine rücksichtslose Gewalt das 
Theuerste aus den Armen reisst. In sein Eltern- 
haus drangen nämlich bei Nacht Schergen, die sich 
■schon mit Blut bedeckt, berittene und unberittene 
Gendarmen, die seinen Vater aus dem Bette holten, 
um ihn als Feind des neuen Kaisers in den Kerker 
■zu werfen. 

Ein solcher Vater musste in das Gemüth 
seines Lieblingssohnes geradezu unerschütterliche 
republikanische Ueberzeugungen einpflanzen. Und 
in der That sahen wir auch den jungen Dr. Cle- 
menceau, sofort nach Absolvierung seiner medi- 
zinischen Studien Frankreich verlassen und nach 
Amerika auswandern. In Amerika verweilte er 
mehrere Jahre, nur seinen Studien lebend. Die 
neue Welt, dieses urfreie Land, in dem es keine 
Behörden gibt, welche jeden Menschen zu bevor- 
munden für ihre Pflicht halten, machte auf den 
jungen Mann, der aus politischen Gründen seinem 
Vaterlande den Rücken gekehrt, einen gar mächtigen 
Eindruck. Er studierte mit Eifer die sociale Schich- 
tengliederung dieser Welt und versucht heute, 
«,1s Mann und Parteiführer, in Frankreich dieselben 
demokratischen Grundsätze, welche die Gesell- 
schaft in den Vereinigten Staaten beherrschen, zur 
■Geltung zu bringen. 

5 * 



Digitized by Google 



68 



Dr. Georges Clemenceau. 



Als der Krieg mit Deutschland ausbrach, ver- 
liess Clemenceau , der mittlerweile in Amerika, 
schon geheiratet hatte, sofort New-York um als 
guter Patriot seine Dienste dem Yaterlande an- 
zubieten. 

Bald nach dem Sturze des Kaiserreichs — 
am 31. October 1870 — wurden die Pariser 
Wähler zur Wahl einer Gemeindevertretung be- 
rufen, welche unter dem Kaiserreiche bekanntlich 
von der Regierung stets ernannt wurde. C14menceau 
wurde zum Maire von Montmartre gewählt. Seine 
Popularität in seinem Wahlkreise war zu der Zeit 
schon eine so gewaltige, dass er mit einer über- 
wältigenden Majorität in die Assemblee nationale 
von Montmartre aus, entsendet wurde, wiewohl 
nicht weniger als 4 Mitbewerber um dieses Mandat 
sich bewarben. Als Maire von Montmartre war 
Clemenceau berufen, in dem erschütternden Trauer- 
spiel, welches man die „Commune von Paris“ 
nennt, eine thätige und bedeutende Rolle zu 
spielen. 

Die Regierung, respective die Militärbehörde, 
hatte eine Anzahl von Kanonen in dem Theile des 
Umkreises von Paris vergessen, den die Deutschen 
in Folge der Capitulations - Bedingungen be- 
treten sollten. Die Bevölkerung legte nun selber, 
knapp vor dem Einzuge der Sieger, Hand an und 
diese Kanonen wurden von den Bürgern auf den 
„Place des voyages“ geschleppt, von wo sie später 



Digitized by Google 




Dr. Georges Clemenceau. 



69 



auf die „Butte Montmartre“ transportirt wurden. 
Als nun die Regierung die Rückgabe der Ge- 
schütze forderte, begann die Bevölkerung, welche 
einen Handstreich der Orleanisten befürchtete, 
Widerstand zu leisten. Diese Befürchtung war 
übrigens nicht so unbegründet, denn die Majorität 
der ersten „assemblee nationale“ hat in der Wirk- 
lichkeit Alles, was in ihren Kräften stand, gethan, 
um die Orleans wieder auf den Thron zu bringen. 

Dr. Cldmenceau, Maire von Montmartre, in 
dessen Amtskreise die „Butte Montmartre“ gelegen 
waren, bot nun seine Dienste der Regierung an, 
welche übrigens von derselben ziemlich ungerne 
acceptirt wurden. Nach langwierigen Verhand- 
lungen erhielt Clemenceau schliesslich am 17. März 
1871 das bindende Versprechen, dass gegen die 
Bewohner von Montmartre seitens der Regierung 
keinerlei Schritte ohne vorherige Verständigung 
des Maire zur Durchführung gelangen werden. 
Dieses Versprechen versetzte Clemenceau in die 
Lage, die aufgeregte Bevölkerung, welche schon 
an den Barrikadenbau schreiten wollte, zu beruhi- 
gen und zum friedlichen Auseinandergehen zu 
veranlassen. 

In der Nacht vom 17. auf den 18. änderte 
jedoch die Regierung ihre Ansicht, sie zog Truppen 
zusammen, die unter dem Befehle des General 
Lecointe zwischen 2 und 3 Uhr Morgens die 
„Butte Montmartre“ erstiegen , die Schildwachen 



Digitized by Google 



70 t Dr. Georges Ciemeneeau. 

der Nationalgarde entwaffneten und der Kanonen* 
sich bemächtigten. Die Nachricht von dem „Treu- 
bruche“ der Regierung verbreitete eich wie ein 
Lauffeuer, die Bevölkerung von Montmartre ver- 
lies® die Betten und griff eilig zur Flinte, um der 
Wegführung der Geschütze sich zu widersetzen. 
Der commandirende General, der seine Truppen 
von der Bevölkerung umzingelt sah, eommnndirte 
nun Feuer. Allein die Soldaten wollten nicht auf 
das Yolk schiessen, sie kehrten die Gewehre mit 
dem Kolben nach oben um und begannen mit dem 
Volke gemeinschaftliche Sache zu machen. 

Ciemeneeau wurde nun von den Aufständischen 
der Yerrätherei beschuldigt, öffentlich beschimpft 
und verspottet und aus seinem Amtszimmer in der 
Mairie gewaltsam vertrieben ; ja das revolutionäre 
„Comite central“, welches des Stadthauses sich be- 
mächtigte, erliess gegen den Deputirten von Mont- 
martre einen Yerhaftsbefehl. 

Die Situation war eine grässliche. Der Bürger- 
krieg schien unausweichlich. 

Dr. Georges Ciemeneeau im Vereine mit den 
anderen Pariser Abgeordneten, wie : Floquet, 

Lockroy u. s. w r . zögerte keinen Augenblick, selbst 
auf die Gefahr hin, seine Popularität, eventuell 

— was in diesen Zeiten im handumdrehen geschah 

— auch seinen Kopf zu verlieren, als Friedens- 
apostel aufzutreten, um eine Verständigung 
zwischen Regierung und den Aufständischen her- 



Digitized by Google 




Dr. Georges Clämänccau. 



71 



beizuführen. Die Aufgabe, welche er sich ge- 
stellt, war aber leider eine Sisyphusarbeit, sie war 
absolut undurchführbar. Einerseits \yar die clerical- 
legitimistische Majorität der Assemblee auch der 
kleinsten Concession abhold, da die Reaktionäre 
und Clericale durch einen sogenannten „Autori- 
tätsact“ Frankreich einschüchtern wollten, um jed- 
weden Widerstand gegen die Einsetzung eines 
legitimen Königs im vornehinein unmöglich zu 
machen. Sie wollten dieses Paris, welches die 
adeligen Zwingburgen zerstört, die Bastille der 
Erde gleich gemacht und dem Bürgerthume Men- 
schenrechte erobert hatte, exemplarisch züchtigen. 
Andererseits waren die Pariser Gewalthaber dunkle 
Existenzen, von deren Dasein gestern noch Nie- 
mand Kenntniss hatte und die heute vom Erfolge 
berauscht, wie Wahnsinnige sich geberdeten. Mit 
diesen Leuten zu unterhandeln war eine pure Un- 
möglichkeit, da sie ihre Beschlüsse in einer Stunde 
wenigstens zehnmal änderten. Wenn des Morgens 
irgend ein Beschluss gefasst wurde, so konnte man 
mit apodictischer Gewissheit annehmen, dass des 
Nachmittags das pure Gegentheil zur Durchfüh- 
rung gelangen werde. 

Selbst als das erste Blut schon zu fliessen 
begann, warf Clemenceau die Flinte noch nicht 
ins Korn. Er legte sein Mandat als Pariser Depu- 
tirter nieder und gründete im Vereine mit Männern, 
die heute zu den Zierden der republikanischen 



Digitized by Google 




72 



Dr. Georges C16m(5neeau. 



Partei gezählt werden, die sogenannte „Ligue 
d’union pour les droits de Paris“, deren Zweck 
die friedliche Beilegung des drohenden Bürger- 
krieges war. Die Regierung Hess alle Emissäre, 
unter anderen die Deputirten Lockroy, Lafont, 
Floquet etc., welche die grossen Communen Frank- 
reichs bereisen sollten, um die Gemeinderäthe zur 
Intervention zwischen Regierung und Paris zu 
bewegen, verhaften. Nur Clemenceau allein konnte 
den Nachstellungen der Polizei entgehen und in 
Lyon und Marseille öffentlich zu Gunsten einer 
friedlichen Intervention agiren. 

Als Clemenceau nach Paris zurückzukehren 
im Begriffe stand, war die Hauptstadt schon der 
Schauplatz des grässlichen Blutbades, welches noch 
im Gedächtnisse aller Zeitgenossen sein dürfte. 

Wenige Monate später wählte das bezwungene 
Paris seinen „Conseil municipal“, dessen erster 
Präsident I)r. Clemenceau war. Clemenceau be- 
gann nun sofort eine umfassende Agitation zu 
Gunsten einer allgemeinen Amnestie, welcher im 
Jahre 1877 und 1878 bekanntlich Gambetta auf 
das Entschiedenste sich widersetzte. 

In dieser Frage beging Gambetta, wie er 
selber zugab, einen Fehler, der seiner Popularität 
gefährlich wurde. Die Amnestie war ungemein 
populär in Frankreich und als schliesslich Gam- 
betta, von der öffentlichen Meinung gedrängt, dio 
Amnestie gewährte, da war alle Welt der Ansicht, 



Digitized by Google 




Dr. Georges Clemenceau. 



73 



dass der Exdictator den günstigen Augenblick ver- 
passt und statt einer reifen Frucht eine schon 
verfaulte geerntet. 

Die Amnestiefrage war das Schwungbrett, 
welches Clemenceau zu einer präponderirenden 
Stellung emporschnellte. 

Clemenceau begann nun eine Politik auf 
eigene Hand zu treiben, welche dem Systeme 
Gambetta’s schnurstracks entgegenlief. Er wollte 
eine Republik mit demokratischen Einrichtungen, 
mit Institutionen, wie sie in Nordamerika bestehen. 
Seine weitere parlamentarische Thätigkeit ist zu 
bekannt, um hier geschildert zu werden. 

Dr. Clemenceau, der anerkannte Chef der 
radikalen Partei in Frankreich, ist als Privat- 
mensch ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. 
Peinlich ehrenhaft, durch und durch integer, den 
eigenen Yortheil stets dem allgemeinen Besten 
hintanzusetzen bereit, hat dieser Mann ebenso durch 
sein Talent als Parlamentsredner, wie durch seinen 
tadellosen Lebenswandel als Mensch in allen Be- 
völkerungkreisen des heutigen Frankreich sich 
Sympathien erworben. Selbst seine erbittertsten 
politischen Gegner verehren in ihm den Ehren- 
mann, den Patrioten und Politiker von felsen- 
fester Ueberzeugungstreue. Yon Freund und Feind 
hochgeschätzt, ist Clemenceau der erklärte Liebling 
des Parisers. Seine ziemlich schmächtige Gestalt 
mit diesem ernsten Gesichte, dem der herabhän- 



Digitized by Google 




74 



I)r. Georges Clömdnccau. 



gende, echt gallische, schwarze Schnurrbart, einen 
männlichen und beinahe streng zu nennenden An- 
strich verleiht, ist in Paris beinahe von Jedermann 
bekannt. 

Als Privatmensch ist Clemenceau durch 
und durch Salonmann mit exquisit feinen Um- 
gangsformen. Ziemlich verschlossenen Charakters, 
schweigsam und stets ernst, erzwingt er sich durch 
sein tadelloses Auftreten überall Achtung. Seine 
Feinde und Neider versuchten aus dem Umstande, 
dass Clemenceau als enragirter Musikfreund die 
meisten Abende in der Oper oder in der komischen 
Oper zubringt, Capital zu schlagen, indem sie die 
Verleumdung in die Welt lancirten, dass Choristin- 
nen und Ballettänzerinnen auf ihn als Mensch, ja 
selbst als Politiker einen grossen Einfluss ausüben. 

Clemenceau war aber zu allgemein als hoch- 
ernster Mann bekannt, als dass diese Legende 
irgend welchen Anklang finden konnte. Als Redner 
ist Clemenceau allerdings nicht in der Lage, der- 
artige Erfolge zu feiern wie Gambetta, weil ihm 
eben das südliche Temperament fehlt. Clemenceau 
ist ein positiver Redner, der nur das Wort ergreift, 
um irgend eine fassbare, discutirbare Idee zur 
Geltung zu bringen. Dieses glänzende oratorische 
Feuerwerk, welches die Redner aus dem Süden 
Frankreichs fast regelmässig beim Betreten der 
Tribüne abbrennen, ist ihm entschieden verhasst, 
weil dieser Mann ein geschworener Feind der hoch- 






Digitized by Google 



Dr. Goorges Clemenceau. 



75 



trabenden , wohlklingenden aber nichtssagenden 
Phrase ist. Seine Reden sind essentiel, sachlich und 
überaus logisch. Seine Argumentation klar und haar- 
scharf. Er zerstreut jeden Zweifel, untersucht jede 
Eventualität und Möglichkeit und zieht schliesslich 
wie ein Mathematiker aus allen diesen als Beweis- 
stücke angesammelten Elementen die Schlussformel. 
Dabei ist Clemenceau ein glänzender Debatter 
von ausserordentlicher Schlagfertigkeit. 

Kein Zwischenruf, auch nicht der wildeste 
Tumult, den nur zu oft seine rücksichtlos her- 
gesagten Wahrheiten entfesseln, ist im Stande, ihm 
seine Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit zu rauben. 
Wenn in der Kammer ein Sturm zum Ausbruch 
gelangt, bleibt er ruhig auf der Rednerbühne stehen 
und wartet geduldig, bis die Aufregung sich gelegt. 
Da zuckt keine Muskel in diesem ehernen Gesichte 
und wenn diesen kohlschwarzen Augen nicht 
solche feurige Blitze entströmten, wenn von Zeit zu 
Zeit kein spöttisches Lächeln die Mundwinkel um- 
spielen möchte — so wäre man beinahe zur An- 
nahme verleitet, dass auf der Tribüne eine Statue 
aufgestellt wurde. 



Louise Michel. 



Unter den vielen Berühmtheiten, die Paris 
beherbergt, finden wir auch 4 Frauengestalten, 
welche, über die Mittelmässigkeit weit hervor- 
ragend theils durch Talent oder geistige Gaben, 
theils durch Excentricität die allgemeine Aufmerk- 
samkeit auf sich lenken, die öffentliche Meinung 
beständig in Athem halten und ebenso von sich 
reden machen, wie die Männer, welche an der 
Spitze der Politik stehen, oder die zahlreichen 
Jünger der Kunst und Literatur anführen. Diese 
Frauen sind Madame Juliette Adam, deren politisch- 
literarischer Salon unter Gambetta eine hervor- 
ragende Rolle in der damaligen politischen Ge- 
schichte Frankreichs gespielt ; Sarah Bernhardt, 
die launenhafte Tragödin, deren Ruhm fast täglich 
von grossen und kleinen Blättern gesungen w r ird ; 
Hubertine Auclerc, die moderne Amazone, die 
statt des Schwertes die Feder schwingt und als 
Rednerin die Rolle eines weiblichen Tribuns spielt, 
die mit seltener Consequenz und Energie als An- 
walt der natürlichen von den scheusslichen Männern 



Digitized by Google 



Louise Michel. 



77 



geraubten und vorenthaltenen Rechte ihres Ge- 
schlechtes auftritt ; sowie Louise Michel, die „Illu- 
minirte“, die „Louise Lateau“ der Revolution, 
das Weib, welches, wie ihre Freunde und Be- 
wunderer behaupten, berufen sei, an der Spitze 
der Arbeiterbataillone, die uns verstockten „Bour- 
geois “mit der Zeit den „Garaus“ machen werden, 
als Generalissimus zu marschiren. In der letzten Zeit 
ist Louise Michel wiederum die Heldin des Tages 
geworden. Ihre Begnadigung, gegen welche sie 
sich mit Händen und Füssen gesträubt, ist end- 
lich, dank den Bemühungen der radicalen Partei, 
erlangt worden, und die der Freiheit wieder- 
gegebene „Louise“ konnte neuerdings zu ihrer 
Lieblingsbeschäftigung , der revolutionären und 
anarchistischen Propaganda, greifen. 

Louise Michel ist eine mittelgrosse, hagere Er- 
scheinung, die absolut nichts „Weibliches“ besitzt. 
Ihr Gesicht mit seinen harten männlichen Zügen ist 
gewiss nicht geeignet, Begeisterung zu erwecken, 
Männer zu fasciniren und ihrem Willen zu unterwer- 
fen. Ein längliches, knochiges Antlitz, aus dessen 
Mitte eine ungewöhnlich lange , fast senkrecht 
stehende Nase wie ein Yorgebirge hervorragt, dessen 
Haut einem alten, zerknitterten Pergamentblatte 
gleicht; die hohe, in unzählige Falten gekleidete 
Stirn, oberhalb des linken Auges durch einen tiefen 
Einschnitt, der beinahe der Narbe eines Säbelhiebes 
gleicht, verunstaltet; das grau melirte, in ver- 



Digitized by Google 




78 



Louise Michel. 



wilderten Strängen bis zum Nacken frei herab- 
fallende Haar, vorn glatt gescheitelt und zurück- 
gekämmt, tiefliegende graue Augen von beinahe 
buschig zu nennenden Brauen beschattet, die ein 
ganz eigenthümliches Feuer ausstrahlen, bald wild 
und dämonisch blitzen, Grausamkeit und unbe- 
zähmbaren Hass widerspiegelnd, bald wiederum 
feucht schimmernd von grosser Herzensgute und 
tiefgefühltem, wahrem Mitleide mit jedem Unglück- 
lichen zu erzählen wissen — so präsentirt sich 
Louise Michel den neugierigen Besuchern, die zu 
Hunderten herbeiströmen, um dieses revolutionäre 
Weib als Wunderding anzustaunen. 

Louise Michel macht unstreitig auf den ersten 
Blick den denkbar ungünstigsten Eindruck ; der un- 
endlich breite, fast das ganze Gesicht in zwei Hälften 
theilende Mund gibt ihr einen gewissen unheimlichen 
Anstrich, der unwillkürlich Unbehagen, vielleicht 
Gruseln erweckt. So mochte die rege Phantasie eines 
Shakespeare sich die Hexen vorgestellt haben, 
welche Macbeth die Zukunft weissagten. Wer 
jedoch, ich möchte sagen den Ekel, den dieses 
Antlitz hervorruft, zu überwinden im Stande ist, 
wer dieses sonderbare Geschöpf näher kennen zu 
lernen, die Gefühle und Empfindungen ihres Herzens 
zu enträthseln versucht, der wird gewiss sehr bald 
sein Urtheil über „Louise“ ändern und, abgesehen 
von ihren politischen Meinungen — für das Weib 
Louise Michel die grösste Hochachtung hegen. 



Digitized by Google 



Louise Michel. 



79 



Welch’ sonderbares Gemisch von Hochherzigkeit 
und eingewurzeltem Hasse gegen die Gesellschaft, 
von tiefer, wahrer, in Tkaten und nicht in W orten 
sich documentirender Herzensgute einerseits und 
rücksichtsloser Blutgier, beinahe kalter Grausam- 
keit andererseits bietet uns der Charakter dieses 
Weibes ? 

Exaltirt bis zum Wahnwitze, überspannt bis 
zu dem Grade, um für’s Tollhaus reif zu sein — 
ist sie gleichzeitig eine barmherzige Samaritanerin 
von so grenzenloser Hingebung und Opferwillig- 
keit, wie sie sonst auf unserem Erdenrunde nur 
überaus selten anzutreffen sind. Heute Raub und 
Plünderung predigend, wie Ilippokrates das Eisen 
und das Feuer als das probateste Mittel zur 
Verbesserung der corrumpirten Gesellschaft an- 
cmpfehlend, durch ihre packende, teuflisch wilde 
Beredtsamkeit die Männer aus dem Volke, die 
Arbeiter und Proletarier zum verzweifelten Auf- 
stande, zur blutigen Revolte hinzureissen suchend ; 
finden wir sie morgen als barmherzige Schwester 
an dem Krankenbette irgend eines auch ihr unbe- 
kannten Dulders, als mildthätigen, das letzte Hemd 
herzugeben bereiten Engel, der die Leiden und 
Qualen der darbenden Elenden lindert, die Ent- 
erbten tröstet, den Bettlern hilfreich beispringt. 
Wie oft hat sie schon gehungert, weil sie alles, 
was sie besass, an Bettler, die sie am Wege traf, 
vertheilte, wie oft vor Kälte gezittert, weil der 



Digitized by Google 




80 



Louise Michel. 



ganze mitunter nicht unbedeutende Ertrag ihrer 
literarischen Arbeiten von ihr sofort nach Erhalt 
an Arme und Unglückliche vertheilt wurde. 

Als politische Demagogin ist Louise gewiss ge- 
fährlicher, als alle übrigen sogenannten „Führer“ 
der revolutionären Partei, denn „Louise“ ist eine 
-„Ueberzeugte“, welche die wohlklingende Phrase 
verschmäht, die That den schallenden Worten 
vorzieht, weil sie nur das predigt, was sie wirk- 
lich fühlt und stets bereit ist, als Erste ihre 
Ueberzeugungen durch Thaten zum Ausdrucke zu 
bringen. 

Wie einst „Charlotte Corday“, der sie als poli- 
tische Fanatikerin in vielen Reziehungen gleicht, trug 
auch sie sich unter dem dritten Kaiserreich ernst- 
lich mit dem Gedanken, durch einen Mord ihr 
Vaterland vom Joche des Tyrannen zu befreien. 
Die „Justificirung“, so benannte sie den geplanten 
Mord Napoleons, war bei ihr zur fixen Jdee ge- 
worden, und wenn sie den Versuch nicht gewagt 
hat, so ist dies nur den Ereignissen zuzuschreiben, 
welche selber das Racheamt der Vorsehung über- 
nommen haben, den deutschen Kanonen, die am 
Tage von Sedan das Kartenhaus des napoleonischen 
Wüstlings so gründlich zerstörten. 

W ährend der Commune w r ar sie abwechselnd 
Krankenwärterin, welche ihrem müden Haupte keine 
Ruhe gönnte, um mehr Zeit den Verwundeten widmen 
zu können und fanatische Predigerin eines ver- 



Digitized by Google 



Louise Michel. 



81 



ruchten brudermörderischen Kreuzzuges, die in 
harten, aber packenden Worten des erbittertsten 
Hasses zu immer neuem Morden und Schlachten 
die ohnehin wie Tiger wirtschaftenden Communards 
anfeuerte. Vom Kriegsgerichte nach Neu-Caledonien 
gesendet, kennt sie nur eine Sorge, ein Bestreben 
— für das leibliche Wohlbefinden ihrer Leidens- 
genossen sich aufzuopfern. Diese rohen, unbändigen 
Männer, deren Sinn selbst die schwere Peitsche 
des zum Kerkermeister umgewandelten Unter- 
offiziers, welche das eiserne Regiment, das in 
Numea nach der Commune eingeführt wurde, die 
centnerschweren Ketten, das Fasten, die häufigen 
körperlichen Züchtigungen nicht zu ändern ver- 
mochten, folgen wie Kinder dem Worte dieses 
Weibes. Denn „Louise“ war auch in der That in 
Numea ihre Mutter, die sie wie eigene Kinder 
hütete und pflegte, und es gibt keinen aus Numea 
zurückgekehrten Communard, der nicht von ihm 
durch Louise Michel documentirter hingebender 
Aufopferung zu erzählen wüsste. 

Nach dem Sturze der Regierung der „morali- 
schen Ordnung,“ nachdem die 363, trotz eines 
Broglie und Mac Mahon, die dem Namen nach 
nur bestehende Republik zur Wahrheit machten, 
als conservative und radicale Republikaner den 
gemeinsamen Wunsch, über die Schauerereignisse 
der Commune einen Schleier der christlichen Liebe 
zu werfen, zu vergessen und zu verzeihen — zur 

Bernh. Frey, Pariser Loben ß 



Louise Michel. 




82 



That machten, kam „Louise“ mit den übrigen 
amnestirten Communards nach Paris zurück. Das 
Yolk von Paris, das an ihre blutige Thätigkeit 
sich nicht mehr entsinnen wollte, hatte ihre 
Herzensgüte, ihre Opferfreudigkeit für die Armen 
und Unglücklichen nicht vergessen. Man bereitete 
ihr einen königlichen Empfang. Sie war von so 
viel Liebe und Anhänglichkeit, die ihr gezeigt 
wurde, tief gerührt, und laut schluchzend sank 
sie am Platze vor dem St. Lazare Bahnhof in die 
Arme Clcmenceaus. 

Gesellschaft und Regierung hatten ihr wohl 
die Vergangenheit verziehen — allein sie, die 
Demagogin , hatte nichts vergessen , nichts ver- 
geben. Kaum zurückgekehrt , begann sie sofort 
neuerdings eine umfassende Thätigkeit für die 
sociale und anarchistische Revolution zu entfalten, 
Brandrede folgte auf Brandrede — bis schliesslich 
im Jahre 1883 — in einem Augenblicke der 
Geistesverwirrung sie neuerdings das Yolk zur be- 
waffneten Revolte haranguirte, auf dem Platze vor 
dem Invalidendome in einem unter freiem Himmel 
abgehaltenen Monstre-Meeting die hungernden Ar- 
beiter stürmisch aufforderte, sich Brod mit Gewalt 
zu verschaffen. In der That wurden auch an diesem 
Tage einige in der Nähe gelegene Bäckerläden, 
angeblich unter Anführung „Louises“, ausgeplün- 
dert. Sie wurde verhaftet und zu fünf Jahren Zucht- 
haus verurtheilt. 



Digitized by Google 



Louise Michel. 



83 



Louise Michel, welche ich seit ihrer Begnadi- 
gung zum ersten Male bei dem im Monate Januar 
abgehaltenem Meeting in der „Salle Rivoli“ zu 
sehen Gelegenheit hatte, verliess auch diesmal nicht 
gebessert den Kerker. Sie ist womöglich noch 
abschreckender als je und noch immer fest ent- 
schlossen, die Rolle eines „revolutionären Märty- 
rers“ zu spielen. 

Dieses revolutionäre Weib ist merkwürdiger 
Weise auch ein überaus pietätsvolles Kind, welches 
das Andenken ihrer Eltern, die eine Lehrerin aus 
ihr machen wollten, unbedingt hoch hält. 

Ihre Mutter, eine alte abergläubische Bäuerin, 
die Tage lang vor den Gnadenbildern der Pariser 
Kirchen auf den Knien sich wälzte , um Gottes 
Segen auf das Haupt der von ihr abgöttisch ge- 
liebten Tochter herabzuflehen, hat Louise wie eine 
Heilige verehrt. Um ihr Kummer zu ersparen, 
entsagte sie so manchem revolutionärem Unter- 
nehmen, ging sie — die Freidenkerin und Athei- 
stin , die fanatische Feindin des Klerus — jedem 
Conflicte mit der Kirche und ihren Dienern aus 
dem Wege. Als diese ihre Mutter sterbenskrank 
wurde und ihre Freunde ihr die Erlaubniss ver- 
schafften zur Pflege derselben unter Bewachung 
zweier Detectivs in die Wohnung der kranken 
Frau zu kommen, wich sie Tag und Nacht nicht 
von dem Krankenbette der bewusstlos daliegenden 
Bäuerin. Wahrlich es ist bewunderungswerth, 

6 * 



I 



Digitized by Google 




84 



Louise Michel. 



welche Energie, welche Hingebungskraft diesem 
Weihe innewohnt, die, aus dem Kerker kommend, 
acht Tage ohne Schlaf an dem Krankenbette einer 
bewusstlosen Mutter zubringt. 

Wie paradox es auch klingen mag — es 
ist dennoch wahr — Louise Michel, diese unbe- 
zähmbare Revolutionärin, dieses Weib, welches 
mit der Flinte in der Hand bis zuletzt auf der 
Barricade verblieb ; — ist im gewöhnlichen Leben 
wahrhaft bescheiden , beinahe furchtsam. Sie ist 
absolut nicht im Stande jemandem irgend etwas 
abzuschlagen. Als ihr dramatisches Erstlingswerk 
„Nadine“ aufgeführt werden sollte, kam zu ihr 
ein ihr gänzlich unbekannter Reporter eines mon- 
archisch gesinnten Blattes , um das geradezu un- 
verschämt zu nennende Ersuchen an sie zu stellen, 
dieses ihr Stück vor der Premiere dem Blatte zur 
Veröffentlichung zu übergeben. — Da sie nie „Nein“ 
sagen kann, willigte sie ein, und in der That er- 
schien zwei Tage vor der ersten Aufführung zum 
Entsetzen des Directors der Vorstadtbühne, welche 
„Nadine“ inscenirt hatte, zum Schrecken dieses 
famosen Revolutionärs Maxime Lissbonne , des 
jetzigen Besitzers der „Taverne du Bagne“, der 
damals gerade Theaterdirector war, „Nadine“ in. 
extenso in dem bezeichneten Blatte. 

Louise Michel ist — abgesehen von ihrer 
social-revolutionären Thätigkeit — eine Schrift- 
stellerin von sehr vielem Talente. In ihrem grossen 



Digitized by Google 



Louise Michel. 



85 



Romane „La Misere“ weiss sie das menschliche 
Elend in herzergreifender Weise zu schildern, Töne 
anzuschlagen, welche selbst abgehärtete Männer 
zu Thränen rühren. 

Wahrend ihres Aufenthaltes in Neu-Caledo- 
nien studirte sie eingehend die dortigen Eingebo- 
renen , welche sie wie eine Heilige verehrten, 
sie schrieb einen hochinteressanten Band über die 
„Kanaken“, ihre Lebensweise, ihre Gebräuche, 
ihre Sprache und ihre Sitten. Louise hat auch 
mehrere Romancen und andere kleine Dichtungen 
veröffentlicht , die unbedingt über das durch- 
schnittliche Mass alltäglicher Dichter hervorragen. 
Die meisten dieser Gedichte behandeln die Kindes- 
liebe. Ihr Band „Sagen und Erzählungen“ ist 
wunderschön geschrieben und bezaubert beinahe 
derart wie die Märchen vom „kleinen Däumling“ 
oder dem „Blaubart“. Ein einfacher aber wirkungs- 
voller Styl, ein schlichter, zum Herzen sprechender 
Erzählerton, eine geradezu ländlich einfache Nai- 
yetät sind die Haupteigenschaften dieser „Sagen 
und Erzählungen“ Louise Michels. 



Digitized by Google 




August Dumont 

der Gründer des „Gil Blas“' 

Paris, 5. Mai 1885. 

Einer der Kiihmelker des Journalismus, der das 
Handwerk am Längsten betrieben und am Besten 
verstanden hat, ist nicht mehr. Yon den Fenstern 
der niederen Belle-Etage am Boulevard des Capu- 
cines nächst dem Opernplatze sollte die Trauer- 
fahne wehen und die zinnerne Statue des spani- 
schen Abenteurers, welche als sprechendes Schild, 
den Eingang zur Zeitungs-Office des „Gil Blas 14 
bezeichnet, müsste in einen schwarzen Flor ge- 
hüllt sein. Herr August Dumont, der Principal 
des Blattes, welches das Lieblingsorgan des Pa- 
riser Cocottenthums ist, wurde von dem Schau- 
plätze seiner pornographisch-finanziellen Thätigkeit 
durch einen Schlaganfall abberufen. Somit ist 
Paris um eine Figur ärmer geworden, denn eine 
Rolle und eine nicht unbedeutende, hat der 69jäh- 
rige Hann unbestritten seit lange gespielt, haupt- 
sächlich aber in den letzten Jahren seit der 
Schöpfung des „Gil Blas“. 



Digitized by Google 



August Dumont, der Gründer des „Gil Blas“. 87 

Kurz vor Ausbruch des Krieges arbeitete 
Herr Dumont mit dem berühmten , oder wenn 
man’s gerade nehmen will, berüchtigten Y i 1 le- 
rn e s s a n t zusammen. Beide hatten den tägli- 
chen „Figaro“ ins Leben gerufen, der seit ge- 
raumer Zeit unter Yillemessant’s Leitung zweimal 
wöchentlich erschien. 

Damit waren der „Pariser Presse“ neue un- 
geahnte Horizonte eröffnet. Es war ein Bündniss 
zweier edler Seelen, welche den journalistischen 
Betrieb ungefähr auffassten, wie die Rhein- und 
Burggrafen der Faustrechtzeit ihr auf der Land- 
strasse betriebenes Handwerk. Alles musste ihnen 
tributpflichtig werden und der Umfang ihrer Hin- 
terlassenschaft beweist, dass ihre Auffassung der 
Dinge keine unpraktische war. Wenn die beiden 
Cumpane in dieser Hinsicht übereinstimmten, so 
harmonirte in mancher Beziehung ihr Wesen 
nicht. Yillemessant war cynisch - geistreich und 
literarisch befähigt. Wenn er zur Feder griff, "was 
nicht zu oft geschah, blamirte er sich mit seiner 
Prosa nicht neben den glänzenden Mitarbeitern, 
die seinem Redactionsstabe angehörten. Er wusste 
das Geld zusammen zu scharren, aber er brachte 
es wieder unter die Leute. Er lebte als „Grand- 
seigneur“ und liess die Anderen gerne leben. Er 
brüllte seine Mitarbeiter zuweilen an, aber er 
überhäufte sie mit Zulagen und Gratificationen. 
Nichts war leichter, als seinem Beutel beizukommen, 



Digitized by Google 







88 August Dumont, der Gründer dos „Gil Blas“. 

oder wie es im Boulevard- Jargon heisst, ihm eine 
„Carotte“ von gehöriger Länge zu ziehen, vor- 
ausgesetzt, dass man es verstand, ihm den Bären 
mit Humor aufzubinden und ihn zum Lachen zu 
bringen. Ein Saphir hätte sich bei Villemessant 
ein Vermögen erkalauert. Bei seinem Socius Du- 
mont wäre er nie auf die Kosten gekommen. 
Das war der dürre Geldmann, dem das „Geld- 
behalten“ ebenso ans Herz gewachsen war, als 
das Gelderwerben. Der Emporkömmling mit klein- 
lichen Anschauungen, ohne Bildung, ohne litera- 
rischen Firniss, aber mit dem richtigen Instinkte 
des journalistischen Ausbeutens, geschärft durch 
langjährige Erfahrung. 

Eines schönen Tages, im Herbste 1871, brauste 
der dicke Villemessant wie ein wilder Orkan durch 
die Bureaux des „Figaro“. Er speite Feuer und 
Flamme und hätte sich gerne die Haare ausgerissen, 
wenn er welche gehabt hätte. Geängstigt und 
bestürzt standen die Redacteure da und fragten 
die Götter, was das Unwetter zu bedeuten habe. 
Und da kam es heraus, dass dieser „Thunichtgut“, 
dieser „Schuft“, dieser „Hallunke“ von Dumont 
dem „Figaro“ ein Concurrenzblatt in die Räder 
werfen wollte. Und so war es. Herr Dumont 
hatte es verstanden, den Machthaber des Tages, 
Herrn Thiers, für einen republikanischen 
„Figaro“ zu begeistern. Das „Evenement“ war 
gegründet. 



Digitized by Google 



August Dumont, der Gründer des „Gil Blas“. 89 

An diesem Tage vergass der „biedere“ Ville- 
messant all’ seine skeptischen Grundsätze. Er fand 
nicht, dass der Streich seines Compagnons ein 
gelungener und „bien bonne“ wäre. Er strengte 
Processe an, berief General- Versammlungen von 
Actionären des „Figaro“ ein, welche mit feierlich 
protocollirten Beschlüssen den „Abtrünnigen“ ex- 
communicirten. 

Alles umsonst. Die Excommunication benutzte 
Herr Dumont als Fidibus und vor den Gerichten 
machte er mit Erfolg geltend, dass keine Bestimmung 
ihm verbiete, ein eigenes Blatt zu gründen. Das 
Resultat ? Nun der schlaue Faiseur verkaufte mit 
grossem Nutzen das von ihm gegründete „Evöne- 
ment“ an eine Actiengesellschafjt und strich jährlich 
den ihm beim „Figaro“ zukommenden Gewinnst- 
antheil, ungefähr 80 — 90.000 Francs ein. 

Dasselbe Spiel wiederholte er allerdings mit 
geringerem „Profit“ bei dem Abendblatte „Le The- 
legraphe“, wo ein römischer Monsignore sein Stroh- 
mann war, bis er das Blatt an ein Consortium 
ostfranzösischer Grossindustrieller verkaufte. Nun 
hätte Dumont in aller Ruhe und Behaglichkeit von 
seinen Renten fürstlich leben können. Aber der 
Drang zu neuen Thaten riss ihn fort. Die „Ferkel- 
Literatur“ des Herrn Zola und seiner Jünger feierte 
um die Zeit (1878) ihre ersten und bedeutendsten 
Erfolge. Da gab es für Dumont einen Acker zu 
düngen, der auch „goldene Früchte“ zu tragen nicht 



Digitized by Googl< 




90 August Dumont, der Gründer des „Gil Blas“. 

ermangelte. Das zu lösende Programm war, die 
Zoten, welche Zola einmal jährlich als Band ver- 
öffentlichte, täglich zu verzapfen. Der „Gil Blas“ mit 
seinen „Frauengeschichten“ Pedro Garcias, brachte 
die Lösung des bisher unbekannten journalistischen 
„X“. Diese verwegen modernisirten Bearbeitungen 
der Decamerons und „Eroticas“ aus dem vorigen 
Jahrhundert sorgten sicherer und rascher für die 
Verbreitung des neuen Journals, als die gediegen- 
sten politischen Aufsätze oder die hervorragend- 
sten literarischen Leistungen. 

Ein „gewisses“ Publikum, welches in Frank- 
reich sehr zahlreich ist und dem, was wohl die 
Hauptsache ist, es an Mitteln nicht fehlt, adop- 
tirte das neue Blatt. Jede Cocotte liess den „Gil 
Blas“ in ihrem Budoir offen aufliegen und jede 
„Cocodette“ versteckte ihn halb und halb zwischen 
ihrem Fächer und ihrem Gebetbuche. Allmählich 
wurde der „Gil Blas“ nicht nur von der Lebewelt 
gelesen, sondern er wurde zum Sprachrohre und 
zum Scandalecho derselben. Was die Herrschaften 
ihm selbst nicht mittheilten, das trugen ihm die 
Domestiken und Kammerzofen zu und da Indis- 
cretionen solcher Leute gefährlich sind , wurde 
das Dumont’sche Blatt in gewissen Kreisen wie 
der leibhaftige Satan gefürchtet. Zum Glück gilt 
der Teufel für einen zugänglichen Mann und lässt 
sich mit Vergnügen den Mund stopfen. Der grosse 
Erfolg seines journalistischen Benjamins hatte den 



Digitized by Google 



91 






August Dumont, der Gründer des „Gil Blas“. 

beinahe siebzigjährigen Dumont förmlich verjüngt. 
Er gönnte sich weder Ruhe noch Rast. Man traf 
ihn noch um 2 und 3 Uhr Morgens in dem kleinen, 
engen, zugigen oder dumpfen Directions-Cabinet 
sitzend, die Artikel prüfend, ob sie nicht gar zu 
züchtig und die Betheiligungs-Rechnungen ob sie 
nicht zu bescheiden seien. 



Digitized by Google 



Digitized by Google 



III. -A-"bsclinitt- 

Aus der Chronique scandaleuse. 



Digitized by Google 




Digitized by Go 



Aus dem Leben einer glänzenden 
Courtisane. 

Yor den Schranken des Pariser Civiltribu- 
nals gelangte jüngst eine Affaire zur Entschei- 
dung, die in Künstler- und Lebemänner-Kreisen 
die peinlichsten Reminiscenzen wachrief. 

Yor mehreren Monaten starb eine in den 
Kreisen des „Tout Paris“ allgemein bekannte Per- 
sönlichkeit so plötzlich und auf so räthselhafte 
Weise, dass alle Welt von der TJeberzeugung 
durchdrungen war, dass hier ein Selbstmord vor- 
liege. Dieser Mann hiess Landau, er war Gründer 
des „Cercle artistique de la Seine“, der allgemeiner 
unter dem Namen „Cercle Lepere“ bekannt war, 
und zwar so benannt, weil der gewesene Minister 
Lepere an der Spitze des Unternehmens stand. 

Landau galt überall für einen steinreichen 
Mann. In der Tliat warf auch die „Gagnotte“ 
des Cercle , in dem namhafte Künstler, bekannte 
Lebemänner, reiche Fremde etc. verkehrten, sehr 
bedeutende Beträge alljährlich ab und da Herr 



Digitized by Google 



96 



Aus dem Leben 



Landau von fünfundzwanzig Antheilen neunzehn 
sein eigen nennen konnte, so war er in der Lage ein 
fröhliches, sorgenloses Leben ü la grand seigneur 
zu führen. Uebrigens verstand Herr Landau — 
ein Mann deutschen Ursprungs, der sich als Fran- 
zose naturalisiren liess — seine grossen Revenüen 
mit sehr viel „Chic“ zu verzehren. Er war allge- 
mein beliebt und insbesondere in den Kreisen der 
Maler und Bildhauer zählte er zahlreiche Freunde. 
Herr Landau war nämlich eine Art von Mäcenas ; 
ein Liebhaber und Kunstfreund, der jährlich sehr 
bedeutende Beträge für Gemälde ausgab. Seine 
Privatgallerie in seinem glänzenden palastartigen. 
Hotel, galt für eine interessante Sehenswürdigkeit, 
welche, Dank der Liebenswürdigkeit des Eigen- 
thümers, zu besichtigen jedem gut empfohlenen 
Fremden möglich war. 

An der Spitze des Ueberwachungscomitds 
de9 Cercles stand der bekannte Maler Feyen-Perrin, 
dessen zwei Bilder „Remords“ und „Souvenir de 
Cancale“ im Salon dieses Jahres grosses Aufsehen 
machten. Herr Feyen-Perrin, der schon im Jahre 
1865 als blutjunger Anfänger den ersten Preis des 
Salons davontrug, wurde bald mit dem Eigenthümer 
des von ihm präsidirten Cercle intim befreundet 
und so gross war schliesslich die Freundschaft dieser 
beiden Unzertrennlichen, dass die Habituds des 
Cercle, sowie alle guten Bekannten sie nicht anders 
als „Kastor und Pollux“ benannten. 



Digitized by Google 




einer glänzenden Courtisane. 



97 



Als im Jahre 1878 Herr Feyen-Perrin für seine 
hervorragenden Leistungen als Maler vom Präsi- 
denten der Republik mit dem Ritterkreuz der 
Ehrenlegion ausgezeichnet wurde, begann Landau 
seinem Freunde zu Qemüthe zu führen, dass es 
absolut unzulässig sei, dass ein so grosser und 
so anerkannter Künstler in einem gemietheten 
nicht besonders geräumigen Atelier hause. Er, 
schlug dem Maler vor, mit ihm zusammen ein ge- 
räumiges, palastartiges Hotel erbauen zu lassen, 
welches sie gemeinschaftlich bewohnen sollten. Der 
Künstler machte Anfangs Schwierigkeiten, da jedoch 
Herr Landau ihm grossmüthiger Weise anheim- 
stellte, die Hälfte der Erbauungskosten durch Bil- 
der abzahlen zu dürfen, so entschloss sich Feyen- 
Perrin 100.000 Francs seinem Freunde in Baarem 
behufs Erbauens eines prachtvollen Hotels zur 
Verfügung zu stellen. 

Das Hotel wurde beinahe über Nacht aus der 
Erde hervorgezaubert und der talentvolle Künstler 
machte sich mit Feuereifer daran, die Wände, Pla- 
fonds etc. dieser seiner neuen glänzenden Behausung 
mit Werken seines eigenen Pinsels zu schmücken. 
Binnen wenigen Monaten war auch in der That 
dieses Hotel in ein glänzendes, hochinteressantes 
Künstlerheim umgewandelt, in welches alle Kunst- 
liebhaber mit Vergnügen pilgerten. Im Winter 
wurden in den hellen Räumen dieser Künstlerstätte 
glänzende Feste voll fideler Lustbarkeit gegeben, 

Bomb. Frey, Parisor Leben 7 



Digitized by Google 



98 



Aus dem Leben 



denen stets das ganze Paris der Künste, der Lite- 
ratur und der Theater beiwohnte. 

Bei einem dieser Feste lernte Herr Landau 
eine Künstlerin — eine dramatische Schauspielerin 
von vielem Talente — kennen, deren Kamen 
allerdings häufiger in der „Chronik scandaleuse“ 
als in Theaterreferaten oder Kritiken zu lesen 
war. Die Dame war Lina Munte. 

Wer ist Lina Munte? Lina Munte ist, wie 
jeder Boulevardier versichert, eine „femme fatale“, 
eine geradezu typische Gestalt einer frivolen Schau- 
spielerin. Die schöne Lina mit ihren diabolisch 
schwarzen Augen hat auch schon in der That un- 
endlich viel Unheil in dieser Welt angerichtet. 
Wenig Lebemänner gibt es wohl in Paris, die zu 
dieser Göttin noch nicht geschworen, die zu ihren 
Füssen noch nicht geschmachtet hatten. Und trotz- 
dem so manche Mücken, welche dem strahlenden 
Feuer dieser lodernden Kohlen gar zu nahe ge- 
kommen waren, mit verbrannten Flügeln ent- 
weichen mussten, findet diese frivole Priesterin 
der „Kunst“ stets neue Bewunderer, welche 
mit Enthusiasmus ihre Brieftaschen leeren, damit 
ihr Triumphwagen auf goldenem Untergründe rolle. 

Ist sie denn wirklich so berückend schön, 
diese Yerwüsterin der Herzen der Männerwelt? 
Diese Frage ist unbequem, sie bringt in Verlegenheit. 
Will man die Regelmässigkeit der Züge zum Kri- 
terium der Schönheit machen, so ist die glänzende 






Digitized by Google 



einer glänzenden Courtisane. 99 

Lina Munte das gerade Gegentheil von Schönheit. 
Ihr Gesicht ist die wildeste Unregelmässigkeit, die 
denkbar grösste Disproportion. Sind es die elasti- 
schen Glieder, der prächtige Wuchs, die schwel- 
lenden Conturen des Körpers, welche Lina Munte 
zu einer anziehenden und fesselnden, so viel um- 
worbenen Erscheinung machen ? Auch das wird 
man kaum behaupten können. Aber was ist es 
denn ? Es ist die „Beaute du diable“, dieser eigen- 
thümliche, unaussprechliche Reiz, der das unschöne 
Oesicht zum Verführerischten umgestalten kann, 
■es ist dieses unbeschreibliche helle Lachen, das 
von ihren Lippen ertönt; die halb züchtige, halb 
provocirende Gebärde, deren Geheimniss nur ihr 
eigen ist ; es ist der leuchtende, zündende Blitz 
ihrer Blicke, die dämonische Wildheit, die mit- 
unter in ihren Augen aufleuchtet ; es ist mit 
einem Worte das ganze eigenartige, fascinirende 
Wesen der Munte. 

Kaum betrat sie die Bretter und schon be- 
gann sie Unheil zu stiften. In das ausgeworfene 
Netz flog zuerst der unglückliche Director, der 
eie entdeckt hatte. Er hätte sie so gerne zu 
seinem Fixsterne gemacht, zu seiner Sonne, um 
die er ewig kreisen, an deren Gluthen er sich 
wärmen wollte. Sie aber ist ein Komet, ein ge- 
fährlicher Wanderstern, der so wie er am Hori- 
zonte erscheint, häuslichen Krieg, materiellen Ruin, 
frühzeitigen Tod bedeutet. Der arme Director 

7* 



Digitized by Google 




100 



Aus dein Leben 



wurde von dem strahlenden Glanze dieses Kometen 
geblendet, vor seinen Augen flimmerte es, er verlor 
das Bewusstsein. Weib, Kind und Geschäft ver- 
lassend, stürzte er sich kopfüber in den Abgrund,, 
von dem magischen Scheine des Irrlichtes ange- 
zogen. Zu erhaschen wusste er sie wohl, aber 
nicht festzuhalten und als die letzten tausend 
Francs verschwunden waren, kehrte sie dem armen 
Tropf hohnlachend den Rücken. Seine Frau wie» 
ihm die Thüre und — wenn ich nicht irre, so- 
büsst er in einem Soufleurkasten eines kleinen 
Vorstadttheaters sein wohlverdientes Fegefeuer ab. 

Das zweite Opfer war ein Baron aus dem 
Centrum Frankreichs, der Träger eines stolzen 
Namens aus dem „Limousin“. Er sah sie zum 
ersten Male im Assomoir Zola’s, in dem sie die 
Virginie gab. Diese Yirginie, welche ihre Part- 
nerin, die liebenswürdige „Petit“, die Gattin des 
Herrn Marais von der „Porte St. Martin“, die im 
selben Stücke die Gervaise spielte, mit einem 
Eimer eiskalten Wassers aus Eifersucht begoss 
und angeblich dadurch den Keim des Leidens 
schuf, das kurze Zeit später die sympathische 
Künstlerin hinwegraffte, — machte den schwachen 
Kopf des Barons schwindlich. Er legte ihr Alles 
zu Füssen ; er wollte sie sogar zum Altäre führen. 
Doch was sollte sie denn eigentlich mit einem 
Heirats-Candidaten anfangen? Konnte ihr ein 
Wappen imponiren? Sie zog es vor, die Vergol- 



Digitized by Google 



einer glänzenden Courtisane. 



101 



düng desselben für sich zu behalten und gab dem 
alten Narren gleichzeitig mit dem Abschiede das 
rostige Wappeneisen zurück. 

Dann kamen Andere, Bürgerliche und Adelige, 
■die der Reihe nach defilirten und stets neue 
Hekatomben von Bankbillets opferten. Schliesslich 
kam die Reihe an unseren Landau. Sein Freund, 
■der Maler, warnte ihn nachdrücklichst, hielt ihm 
vor, dass schon drei Personen, die mit der glänzen- 
den Lina tändelten, schliesslich nach dem com- 
pletem Ruin aus Verzweiflung durch einen wohl 
gezielten Revolverschuss ihrem nutzlosen Leben 
«in Ende machten. Umsonst! — Landau hatte zu 
tief in die dunklen Augen dieser Circe geschaut, 
ihr Sirenengesang riss ihn fort, er war dem Un- 
tergänge geweiht. 

Herr Feyen-Perrin widersetzte sich mit Eifer 
dieser unheilvollen Liaison. Landau hörte ihn nicht, 
Lina war seine souveräne Herrscherin, der er auf 
den Wink wie ein Sklave folgte. Um Linas Launen 
befriedigen zu können, müsste man mindestens ein 
Rothschild sein und Landau war blos der Director 
und Eigenthümer eines Spielcercle. Die nach 
vielen Hunderttausenden sich beziffernden Erspar- 
nisse langer Jahre, Hotel, Kunstsammlung und die 
Theilhaberscheine des Cercle — Alles war in 
kaum zwei Jahren dahin. 

Herr Feyen - Perrin , der das schreckliche 
Ende seines verblendeten Freundes klar voraussah, 



Digitized by Google 




102 



Aus dein Leben 



verliess aus Unmuth das gemeinschaftlich bewohnte 
Hotel. Er bezog seine alte Wohnung und sein 
altes Atelier, um nicht beim Zusammensturze 
Landau’s mit in den Abgrund gezogen zu werden. 
Nunmehr konnte Lina in dem glänzenden Hotel 
schalten und walten. Fest folgte auf Fest, bis 
schliesslich auch der hartgesottenste Manichäer 
nichts mehr hergeben wollte. Die Katastrophe war 
nun unvermeidlich. 

Lina nahm mit dem letzten Tausendfranc- 
scheine von Landau Abschied. Sie fuhr wohlgemuth 
nach dem fernen Norden, um an den Ufern der 
Neva den Klang der Rubel kennen zu lernen. 

Und Landau ? Nun, eines schönen Morgens 
fand man ihn todt in seinem Bette und bestattete 
ihn ohne viel Aufsehen zu machen. Die Gläubiger 
hatten aber mittlerweile das Hotel sammt der 
Einrichtung mit Beschlag belegt. Unter den ge- 
pfändeten Sachen befanden sich auch mehrere' 
Bilder, sowie zahlreiche Skizzen, Entwürfe u. s. w. 
des Künstlers, die derselbe bei seinem plötzlichen 
Uebersiedeln in dem glänzenden Hotel zurückge- 
lassen hatte. 

Diese Gegenstände sollten nun im Hotel 
Drouot versteigert werden. Der Maler erfuhr erst 
in der letzten Stunde von der bevorstehenden 
Licitation — und konnte, da zur Einholung eines 
Gerichtsbeschlusses keine Zeit mehr vorhanden 
war — blos durch einen Gerichtsvollzieher (huissier) 



Digitized by Google 




einer glänzenden Courtisane. 



103 



gegen die Versteigerung provisorischen Einspruch 
erheben. Der Gerichtshof verwandelte übrigens 
den provisorischen Einspruch in einen definitiven 
und Künstler, sowie Gläubiger führen nunmehr 
einen Rechtsstreit, dessen Ausgang die Malerkreise 
stark interessirt. 

Herr Feyen-Perrin behauptet nämlich, dass 
die von den Gläubigern gepfändeten Bilder — 
abgesehen davon, dass dieselben de facto sein 
Eigenthum seien — keinesfalls ohne seine Ein- 
willigung verkauft werden dürfen. Diese Bilder, 
behauptet der geachtete Künstler, wären blos 
Studien, Entwürfe, flüchtige Skizzen, welche für 
die Oeffentlichkeit nicht berechnet waren. Durch 
die öffentliche Versteigerung dieser Skizzen und 
Entwürfe komme er zu Schaden, da diese 
unvollendeten und für die Oeffentlichkeit keines- 
falls bestimmten Bilder, einmal öffentlich aus- 
gestellt , seinem künstlerischen Rufe Abbruch 
thäten. 

Auf das Erkenntniss des Civilgerichtes ist 
man in Künstlerkreisen — wie schon bemerkt — 
sehr gespannt. 

Und Lina Munte P 

Eine zeitlang blieb sie verschollen. Vor 
wenigen Monaten aber tauchte sie plötzlich im 
Süden Frankreichs mit einer Schauspielertruppe 
auf, welche mit dem „Hüttenmeister“ eine „tournee 
artistique“ machte. Als Escorte dient ihr ein 



Digitized by Google 




104 Aus dem Leben einer glänzenden Courtisanc. 



pustender und entsetzlich dicker Americaner, der 
in seiner Heimat mit „Talg“ Millionen verdient. 

Wie lange die feurigen Blitze der schwarzen 
Augen unserer Lina diesen Talgklumpen be- 
scheinen müssen, um ihn ganz zu zerschmelzen — 
bin ich vorläufig anzugeben ausser Stande. 



« 






Digitized by Google 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 

In der französischen Schriftsteller- und Jour- 
nalistenwelt ist seit einigen Jahren eine wahre 
Duellepidemie ausgebrochen, die von Tag zu Tag 
acuter auftritt und in Kreise dringt, in denen sonst 
der Zweikampf nur vom Hörensagen bekannt war. 
Das Duell ist in den letzten Jahren in Frankreich 
— oder zumindestens in Paris — zur Manie ge- 
worden und jeder halbwüchsige Schulknabe, der 
kaum den Gebrauch des Taschentuches gelernt hat, 
beeilt sich, so wie irgend Jemand ihm eine Unart 
verweist, zwei ebenso grünschnäblige Freunde auf- 
zusuchen, die mit komischem Ernste als Kartellträger 
sich präsentiren, um für die schwere Beleidigung, 
welche nur mit Blut abgewaschen werden kann, 
Rechenschaft zu fordern. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, über die 
Duelle im Allgemeinen die sattsam bekannten 
Yerdammungsurtheile wiederzukauen und den Nach- 
weis zum so und so viel tausendsten Male zu er- 



Digitized by Google 




106 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



bringen, dass der Zweikampf, dies Ueberbleibsel 
der Gottesgerichte des Mittelalters, in unseren 
Zeiten absolut keine Bedeutung haben und höch- 
stens nur den Beweis erbringen kann, dass die 
beiden Combattanten eine gewisse Portion Muth 
besitzen. Da ich aber nur von den modernen 
Duellen der Pariser Journalisten sprechen will, so 
brauche ich in der That nicht einmal darauf hinzu- 
weisen, dass im Duelle oft der unschuldige Theil 
seine Unschuld mit dem Tode bezahlt — denn 
diese modernen Duelle sind so harmloser Natur, 
dass eine ernste Verwundung zu den grössten 
Seltenheiten gehört. 

Allerdings geschieht es, dass von Zeit zu 
Zeit ein Duell einen tragischen Abschluss findet, 
dass ein Mann in der Blüthe der Jahre, wie etwa 
der anfangs 1. J. verstorbene Schriftsteller Casse 
am Terrain der Ehre eine gefährliche Stichwunde 
erhält, die ihn für längere Zeit aufs Krankenbett 
wirft — ja sein frühzeitiges Ende verschuldet. Allein 
auf den Eisenbahnen, wo man in unseren Zeiten 
gewiss die allergrösste Wachsamkeit entfaltet, 
kommen ja auch mitunter schreckliche Unglücksfalle 
vor, die kaum irgend einem von uns die Lust zum 
Reisen vergällen. 

Die tragischen Ausgänge der modernen Pariser 
Duelle gehören unbedingt in dieselbe Kategorie un- 
glücklicher Zufälle wie die Zusammenstösse oder 
Entgleisungen auf den Bahnen und sind gewiss 



Digitized by Googl 






Die Duelle der Pariser Journalisten. 



107 



nicht geeignet, unsere Journalisten zum Auf- 
geben ihrer unschuldigen Duellspielerei, die so 
prächtige Anlässe zu Gratis-Reclamen bietet, zu 
veranlassen. 

Unter solchen Verhältnissen, wie sie heute in 
Paris herrschen, wird das Duell binnen sehr kurzer 
Zeit zu einer Art von Volksbelustigung werden, 
auf die heranwachsende Jungens sich ebenso freuen 
werden, wie die Backfische auf den ersten Ball 
oder unsere heimischen Musensöhne auf die erste 
Mensur. Strenge genommen sind sogar heute schon 
die Pariser Journalisten-Duelle ebenso harmloser 
Natur wie die Paukereien unserer Studenten und 
die famose „epee de combat“ vielleicht ungefähr- 
licher als der Mensurschläger. 

Das Duell hat übrigens im allgemeinen in 
den letzten Jahrzehnten colossale Einbussen an 
dem eigenartigem Prestige, welches dem Begriffe 
„Zweikampf“ inne wohnte , sich gefallen lassen 
müssen, und während unsere Väter und Mütter 
noch schon bei der Nennung dieses Wortes er- 
blassten und zu zittern begannen, da „Duell“ mit 
dem Tode oder einer schweren Verwundung irgend 
eines Familienangehörigen so ziemlich gleichbe- 
deutend war, so lächeln wir heute schon skeptisch 
und boshaft, wenn man uns auf der Bühne etwa 
die Verzweiflung einer liebenden Frau darstellt, 
welche soeben erfährt, dass ihr Gatte oder Geliebter 
mit irgend einem Gegner sich duellire. 



Digitized by Google 



108 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



Die intime Privatgeschichte der diesjährigen 
Pariser Journalisten - Duelle vollends ist gewiss 
besonders geeignet, diesem einst so drohend klin- 
genden Worte „Duell“ nunmehr eine entschieden 
komische Bedeutung zu geben, bei dessen Nennung 
höchstwahrscheinlich in allernächster Zukunft selbst 
ernsthafte Männer in ein homerisches Gelächter 
ausbrechen werden. 

Wir wollen die Reihe unserer Duellgeschich- 
ten mit der grossen Duellserie beginnen, die zu 
Anfang und im Laufe dieses Jahres der Heraus- 
geber und Chef-Redacteur des republikanischen 
Boulevard-Blattes „Evenement“ durchzumachen 
hatte. Einige heissblütige Aristokraten, mit dem 
Grafen Drion an der Spitze, drangen in nächt- 
licher Stunde lärmend in die Bureaux des Jour- 
nales, um durch Poltern und allerlei Ungezogen- 
heiten ihre Missbilligung über eine die Vorgänge 
im Jockeyclub behandelnde Notiz in echt aristo- 
kratischer Weise zu manifestiren. Statt diese etwas 
ungezogenen hochgeborenen Herren einfach mit Hilfe 
der kräftigen Arme der Setzer den Ausgang finden 
zu lassen, wurden die Tumultanten mit allen Ehren 
ins Cabinet des Chef-Redacteurs geleitet, um da- 
selbst über die Art und Weise, in welcher diese 
imaginäre Beleidigung mit Blut abgewaschen werden 
soll, schlüssig zu werden. 

Zwei Tage später traf man sich im Bois de 
Vincennes, um diese Ehrensache in der üblichen 



Digitized by Google 



Dio Duelle der Pariser Journalisten. 



109 



Weise zu ordnen. Leider konnte man nicht so 
leicht einen entsprechenden Platz ausfindig machen, 
da gerade an diesem Tage — es war schönes Wetter 
viele Passanten ihren Weg durch das Hölzchen nah- 
men. Schliesslich, nachdem man über eine Stunde 
vergebens herumgesucht, fand man den geeigneten 
Platz und die beiden Gegner kreuzten ihre Degen. 

Nach einigen Minuten des Kampfes kehrte 
plötzlich der Chef - Redacteur des „Evenement“, 
Herr Magnier, seinem noblen Gegner den Rücken 
und begann aus allen Leibeskräften zu laufen, 
w'ährend Graf Drion, der anfangs die Fassung ver- 
loren hatte, sehr bald seine Geistesgegenwart 
zurückgewinnend, im Laufschritt die Verfolgung 
des Flüchtlings einleitete. 

Diesem Duelle wohnten einige Dutzend 
Neugieriger bei, welche das Geklirre der Säbel 
herbeigelockt hatte. Kann man sich nun etwa 
eine komischere Possenscene denken, als diese 
authentische Duellscene, wo zum Gaudium der 
umstehenden Schaulustigen der eine Duellant die 
Flucht ergreift, der Andere, den Degen in den 
Lüften schwingend, ihm im rasenden Tempo nach- 
setzt , während die dicken Secundanten , wie 
schlechte Rennpferde pustend und athemlos ihren 
beiden Duellanten nachlaufen, aus voller Kehle 
„arretez, arretez!“ schreiend? Schliesslich wurden 
die beiden Gegner zum Stehen gebracht, die 
Degen wurden neuerdings gekreuzt und Herr 



L 



Digitized by Google 




110 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



Magnier an der Hand geritzt. Diesmal war aller- 
dings ein Tropfen Blut geflossen und der Ehre 
war somit Genüge geleistet worden. 

Allein die Secundanten des Grafen Drion 
beeilten sieh in einem von ihnen gezeichneten 
Protokolle der Mitwelt kundzuthun, dass Herr 
Magnier die Flucht ergriffen und in sinnloser 
Angst einen Raum von über 50 Meter pfeilschnell 
zurückgelegt hatte. In Folge dieser Indiscretion 
entwickelte sich eine erbitterte Zeitungspolemik. 
Magnier führte zu seiner Vertheidigung an, dass 
die Secundanten den Kampfplatz schlecht gewählt 
hätten, dass man sich auf der Fahrstrasse schlug, 
dass irgend ein Zuschauer ihm „Vorsicht, ein 
Wagen !“ zugerufen habe , und dass er , um 
nicht überfahren zu w r erden, die Flucht ergriff. 
Das Facit dieser Polemik waren zwei weitere 
Duelle. Die Zeugen des Grafen Drion forderten 
nämlich ihrerseits den Chefredacteur des „Iilvöne- 
ment“. 

Herr Magnier wurde beim Duelle mit dem 
ersten Zeugen des Grafen Drion am Oberarme 
verwendet und musste etwa 14 Tage lang die 
Hand in einer Binde tragen. Das zweite Duell 
wurde natürlich vertagt. Mittlerweile überwarf 
sich Magnier mit einem seiner Mitarbeiter, der 
ihm beim famosen Duelle mit Fluchtintermezzo 
als Zeuge gedient hatte. Dieser Feuilletonist und 
Schriftsteller, Namens Tavernier, der trotz seiner 



Digitized by Google 




Die Duelle der Pariser Journalisten. 



111 



Jugend sich schon einen Namen in der Journalisten- 
welt gemacht hatte, verlangte die Regulirung der 
ihm als Honorar schuldigen Beträge, und da Herr 
Magnier zu zahlen ausser Stande war, so schickte 
unser Journalist zu dem Duellgegner Magnier’s 
einen Huissier — Gerichtsvollzieher — um gegen 
den projectirten Zweikampf Protest einzulegen, da 
im Falle eines tragischen Ausganges desselben die 
Forderung des Protesterhebers werthlos wäre. Nun 
ein Duell, gegen welches ein Gerichtsvollzieher 
Schulden halber Einspruch erhebt, dürfte nach 
meiner unmassgeblichen Ansicht — trotz Rabbi 
Akiba — noch nicht dagewesen sein. 

Kaum war diese Angelegenheit in Vergessen- 
heit gerathen, begann man auf den Boulevards 
sich zu erzählen, dass nunmehr auch die Frauen 
von der Duellepidemie ergriffen wären. In der 
That erfuhr man auch sehr bald, dass Madame 
Yalsayre, eine schon etwas reife Bewunderin 
der bekannten Yorkämpferin für die Fraueneman- 
cipation Hubertine Auclerc, mit einer Amerikanerin 
ein Säbelduell hatte, bei dem eine der beiden 
Damen eine leichte Schnittwunde am Oberarme 
erhielt. Die französische Duellantin war Siegerin, 
sie hatte ebenso wie ihre amerikanische Gegnerin 
sich mit Ruhm bedeckt und wurde bei ihrer 
Rückkehr von den Damen, die dem Frauenemanci- 
patio ns- Vereine angehören, wie ein Triumphator 
empfangen. 



Digitized by Google 




112 



Die Duelle dor Pariser Journalisten. 



Diese schon erworbenen Lorbeeren Hessen 
ihr nicht Ruh noch Rast. Sie brannte vor Begierde, 
einen zweiten Kampf auszufechten und liess zu 
diesem Zwecke von einigen Scandalblättern des 
Boulevai’ds einen offenen Brief an die Marschallin 
Booth — den jugendlichen und wie versichert wird 
reizenden Generalissimus der Heilsarmee — ab- 
drucken. In diesem Briefe stellte sie der Marschallin 
die Alternative, entweder Frankreich zu verlassen, 
und zwar sofort, oder mit ihr — •' der Madame 
Yalsayre — sich zu schlagen. Nun, wie drollig 
diese Herausforderung auch sein mag, würde man 
derselben kaum irgend welche Beachtung zu schen- 
ken brauchen, weil ja für’s Tollhaus Reife in allen 
Ländern zu finden sind, wenn nicht pflichteifrige 
Reporter sich beeilt hätten, die beiden Damen zu 
interviewen. Ein Redacteur des Blattes „Voltaire“, 
welches vor wenigen Monaten noch von Rane, 
dem journalistischen Generalstabchef Gambetta’s, 
geleitet wurde, präsentirte sich bei der Marschallin 
Booth, um in Erfahrung zu bringen, ob diese moderne 
Heilige auch zur Duellmartyrin werden wolle. 

Fast gleichzeitig mit diesem originellen 
Damen-Duelle begannen die Duelle, welche der 
Verfasser der „France juive“ Edouard Drumont 
sich auf den Hals geladen, die Oeffentlichkeit zu 
beschäftigen. 

Herr Drumont, ein Schriftsteller von grosser 
Begabung, der in seinem oben erwähnten Buche, 



Digitized by Google 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



113 



welches ebenso in Frankreich wie im Auslande 
sensationelles Aufsehen machte, gegen Juden und 
Protestanten eine ebenso glühende Hassessprache 
führt — in welcher etwa zur Zeit der Kreuzzüge 
Bernhard von Clairvaux oder die anderen wan- 
dernden Prediger-Mönche gegen die Sarazenen 
gedonnert haben mochten, — griff beinahe jeden, 
der im heutigen Paris einen Namen hat, in der 
gehässigsten Weise an. Der zweite Band dieses 
Pamphlets enthält so ziemlich alle Scandalaffairen, 
die in den letzten zehn Jahren sich abgespielt 
haben, den ganzen Boulevardtratsch, den man im 
Kaffeehause oder Club sich ins Ohr raunte, ohne 
die Verantwortung für das Erzählte zu übernehmen 
zu wagen. 

Herr Drumont sammelte mit wahrem Bienen- 
fleisse alle diese mitunter blöderfundenen Geschichten 
und Anecdoten, um dieselben als Evangelium in 
seinem famosen Buche zu predigen. So wie es 
sich, — ich will die jüdischen Persönlichkeiten 
bei Seite lassen, — um einen bekannten Prote- 
stanten oder um eine allgemein hochverehrte re- 
publikanische Persönlichkeit streng liberaler Rich- 
tung handelte, gewannen in den Augen Dru- 
mont’s die Erzählungen des Kutschers oder Greisslers 
von der Ecke eine hoch documentarische Bedeu- 
tung. Mit diesen Behelfen ausgerüstet , begann 
er Zeitgeschichte zu schreiben, in souveränerWeise 
über hervorragende Menschen abzuurtheilen , ja 

Bernh. Frey, Pariser Leben. 8 




Digitized by Google 




114 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



selbst Frauen, was in Frankreich eine Todsünde, 
in der Art aller eifernden Zeloten über die Häupter 
aller Welt glühende Kohlen zu sammeln. 

Zwar fanden sich sehr bald hartgesottene 
Zweifler, welche den glühenden Glaubenseifer, das 
felsenfeste katholische Bewusstsein des Verfassers 
der „France juive“ entschieden für Talmigold erklär- 
ten und den neuen Hassesapostel, der den Bruder- 
mord in ungeschminkter Weise im Namen eines 
Gottes zu predigen begann, welcher die Liebe zum 
Nächsten als leitendes Princip an die Spitze seiner 
Religion gestellt, daran erinnerten, dass er jahrelang 
Redacteur der streng liberalen Zeitung „Liberte“ 
gewesen, die Eigenthum der Pcreire’s ist. Zwar repli- 
cirte der in der gehässigsten Weise angegriffene 
Albert Wolff im Pariser „Figaro“ mit authentischen 
Documenten, die den Nachweis in unw iderlegbarer 
Weise erbrachten, dass Drumont intimer Freund 
und Mitarbeiter eines Gesellen gewesen, der unter 
dem Spitznamen : „Marchall von Buci“ eine trau- 
rige Berühmtheit unter dem Kaiserreiche erlangte, 
Polizeispitzel und Chef-Redacteur eines von Pietri 
mit den Geldern der Polizeipräfectur gegründeten, 
angeblich republikanischen Blattes gewesen, in 
allen Versammlungen als Agent provocateur auf- 
rührerische republikanische Reden gehalten und 
schliesslich diejenigen Tröpfe, welche durch sein 
Beispiel sich verleiten Hessen, sofort der Polizei 
anzeigte. 



Digitized by Google 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



115 



Allein dessenungeachtet glaubten einige Per- 
sonen ihrer Ehre es schuldig zu sein, von dem ge- 
wesenen Freunde und Secretär des sogenannten 
Marschalls von Buci, dieser verworfensten Species 
-der ganzen „Polizei-Spitzel-Familie“ Rechenschaft 
mit der Waffe in der Hand zu fordern. 

Den Reigen der Duellanten eröfifnete Herr 
Charles Laurent, Chef- Redacteur des gambettisti- 
schen Blattes „Paris“ , ein hervorragender und 
hochgeachteter Publicist, der übrigens, nebenbei 
bemerkt, ein Vollblutchrist ist. Dieser Zweikampf 
verlief ohne Zwischenfall. Herr Drumont wurde 
tim Oberarme verwundet und war schon acht Tage 
später in derartigem Masse hergestellt, dass er 
neuerdings das Terrain betreten konnte, um mit 
Arthur Meyer, dem Chef-Redacteur des orleanisti- 
schen „Gäulois“ sich zu schlagen. 

Arthur Meyer ist zwar jüdischer Abstammung, 
tiber gleichzeitig der erklärte publicistische Cham- 
pion der clerical-reactionär-monarchistischen Partei. 
Er ist der Hausjournalist der Familie Orleans und 
war obendrein eine persona gratissima beim ver- 
storbenen Erzbischof von Paris Cardinal Guibert, 
der Meyer fast jede Woche zu Tische lud. Meyer 
ist in Adelskreisen überaus beliebt und gilt all- 
gemein für eine Autorität in Eleganz, Sport etc. 
Drumont griff Arthur Meyer in geradezu läppischer 
Weise an, erinnerte ihn daran, dass sein Vater 
mit alten Zwickern handelte — als ob die frühere 

8 * 



Digitized by Google 




116 



Pie Duelle der Pariser Journalisten. 



Beschäftigung des Yaters der selbstgeschaffenen 
präpondirenden gesellschaftlichen Position des Soh- 
nes irgendwie Abbruch leisten konnte — dass er 
selber, der Salonheld Arthur Meyer, seinerzeit ein 
kleiner Reporter gewesen, die Namen der bei irgend 
einer Festlichkeit anwesenden Persönlichkeiten auf 
seiner Manchette zu notiren pflegte, dass er als 
Reporter von so und so viel Persönlichkeiten, die 
er als Interviewer belästigte, zur Thüre hinaus- 
geworfen wurde etc. etc. 

Meyer Hess nun Herrn Drumont fordern. 
Allein Meyer war nicht der Einzige, der von dem 
Yerfasser des „France juive“ blutige Rechenschaft 
zu fordern hatte. Eine ganze Reihe von Persön- 
lichkeiten, die Drumont angegriffen, wartete nur 
den Ausgang dieses Zweikampfes ab — um eben- 
falls dem Herrn Drumont Zeugen ins Haus zu 
schicken. Der Ausgang des Duelles Drumont- 
Meyer, welches ein Nachspiel beim Strafgerichte 
hatte, war nun für die oben erwähnten Persön- 
lichkeiten bestimmend. Sie gaben in Anbetracht 
der nicht unerheblichen Verwundung Drumont’s 
ihre Duellabsichten auf. Was den Verlauf des 
sensationellen Duelles Drumont-Meyer anbelangt, 
welches in ganz Europa Interesse hervorrief, so 
ist es ja allgemein bekannt, dass Herr Arthur 
Meyer mit der Linken einen Hieb des Gegners 
parirte oder vielmehr mit dem Zeigefinger und 
Daumen der Linken die Klinge des Gegners fest- 



Digitized by Google 




Die Duelle der Pariser Journalisten. 



117 



hielt — während die Rechte Herrn Drumont in 
■der Hüftengegend eine Verwundung beibrachte. 
In den ersten Tagen nach dem Duelle war wohl 
alle Welt darüber einig, dass Herr Meyer in ab- 
solut unloyalerWeise gehandelt habe, da die Ver- 
wendung der Linken beim Duelle absolut verpönt 
sei. Wenige Monate vorher war diese Frage durch 
ein hochtragisches Ereigniss, welches in Dunkerque 
sich zutrug, aufgerollt worden und fast alle be- 
rufenen Stimmen verurtheilten die Anwendung der 
Linken. Dieses soeben erwähnte hochtragische 
Ereigniss war das Duell des Kaufmannes Dekeirel 
mit dem Lieutenant Dupuis, bei welchem Dekei- 
rel mit der Linken die Degenspitze des Officiers 
festhielt und gleichzeitig mit der Rechten ihm 
eine lebensgefährliche Verwundung beibrachte. 
Dupuis starb nach zweitägigem qualvollem Leiden 
und Dekeirel wurde verhaftet und unter der An- 
klage des Mordes den Assissen vorgeführt. 

In der Affaire Drumont-Meyer blieb die Staats- 
anwaltschaft ebenfalls nicht unthätig. Da der Zustand 
des Verwundeten keinerlei Gefahren für sein Leben 
barg, so konnte Meyer nur des versuchten Tod- 
schlages beschuldigt und zur Verantwortung vor 
das Zuchtpolizeigericht citirt werden. Das Urtheil 
dieses Gerichtshofes, welches Meyer zu 100 Fr. 
verurtheilt, ist zugleich eine glänzende Rehabili- 
tirung Meyer’s. In demselben wird hervorgehoben, 
dass Meyer in unbewusstem Zustande der Linken 



Digitized by Google 




118 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



sich bediente — da in Folge des Verschuldens 
der Zeugen dieses Duell zu einem eigentlichen 
Messerkampfe ausartete. Die Zeugen duldeten das 
„eorp a corp“ und die Gegner kamen in der Folge 
einander so nahe, dass der Duell-Arzt vor Gericht 
allen Ernstes versicherte, bei ihm habe einen Augen- 
blicke die Ueberzeugung festgestanden, die beiden 
Gegner hätten sich die Nasen abgebissen. Der 
Gerichtshof hob in den Motiven zu seinem Urtheile 
hervor, dass unter solchen Umständen von einem 
Duelle, d. h. einer durch Convention geregelten 
Kampfesweise nicht mehr die Rede sein kann und 
dass man diesen Zweikampf höchstens nur als. 
einen Raufhandel (pugilat) auffassen könne. 

Zum Schlüsse will ich noch der merkwürdi- 
gen Duellaffaire Henri Rochefort’s gedenken, die- 
wohl eine Woche lang fast ausschliesslich den 
Gesprächsstoff des Boulevards bildete. Die „Candi- 
datur der Protestation“ des Yerurtheilten von 
Yillefranche, Ernest Roche, hat Rochefort veran- 
lasst, der radicalen, von Clemenceau geleiteten 
Partei den Krieg zu erklären und den Führer 
derselben, Clemenceau, in Acht und Bann zu thun, 
weil er es gewagt, dem Protestationscandidaten in 
der Person des Redacteurs des „ Rappel“, Gautier, 
einen Mitbewerber entgegenzustellen. Unter ande- 
ren Argumenten führte auch Rochefort den Um- 
stand ins Treffen, dass Clemenceau vollständig 
verjudet sei. „Ohne iin Entferntesten den Ver- 



Digitized by Googli 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



1 19 



fasser der „France juive“ zu billigen, muss ich 
hervorhcben,“ meinte der Laternenmann, „dass 
Clemenceau in einer jüdischen Umgebung lebe, 
deren Mitglieder schon als Schlauköpfe auf die 
Welt gekommen waren etc.“ Herr Camille Dreyfus, 
Herausgeber und Chef-Redacteur des radicalen 
Abendblattes „Nation“ hob den hingeworfenen 
Handschuh auf und erzählte in der nächsten 
Nummer seines Blattes, dass er mit einem seiner 
Mitarbeiter gewettet hätte, der grosse Revolutionär 
und Freiheitsapostel Rochefort werde ihn bei der 
ersten politischen Schwierigkeit oder Wahldifferenz 
daran erinnern, dass er Jude sei und zwar des- 
wegen, weil Rochefort eben den Juden nicht ver- 
zeihen könne, dass seine — Rochefort’s — Ahnen, 
die Marschälle von Frankreich gewesen, diese Juden 
in der unmenschlichsten Weise verfolgt haben. 
Der Hieb sass fest und Rochefort begann unwirsch 
zu werden. Die Folge war eine heftige Polemik, 
bei der Camille Dreyfus und nicht Rochefort die 
Lacher auf seiner Seite hatte. Und als schliesslich 
Dreyfus Rochefort daran erinnerte, dass seine 
Zähne schon ungefährlich wären, dass von seinem 
Bisse Niemand mehr stürbe, denn das allgemeine 
Stimmrecht habe die Andern gegen dieses Gift 
geimpft, während es ihn, vielleicht aus Mitleid 
und Dank seiner — Dreyfus’ und Clemenceau’s 
— Unterstützung als „Allerletzten“ aus der Wahl- 
urne hervorgehen Hess ; — da kannte Rochefort’s 



Digitized by Google 




120 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



Zorn keine Grenzen mehr und er entsendete flugs 
zwei Redacteure seines Blattes, um von Dreyfus 
Satisfaction zu fordern. Zwischen den beiderseiti- 
gen Zeugen entstand zuerst eine Differenz, als es 
sich darum handelte festzustellen, wer eigentlich 
der beleidigte Theil sei. Die Zeugen Rochefort’s 
proponirten Cassagnac oder einen andern Deputa- 
ten der Rechten als Schiedsrichter. Camille Dreyfus, 
jedoch auf seine republikanischen Ueberzeugungen 
sich berufend, erklärte sofort lieber nachzugeben, 
als einen Reactionär als Schiedsrichter zu accep- 
tiren. Die Zeugen Rochefort’s, dem also nun- 
mehr die Wahl der Waffen zustaud, stellten 
folgende Duellbedinguugen : 25 Schritte Distanz ; 
unbeschränkter Kugelwechsel, bis einer der beiden 
Duellanten in Folge eines erhaltenen Schusses 
kampfunfähig wird ; Erlaubnis vor dem Abdrücken 
zu zielen. Die Zeugen Dreyfus’ lehnten diese 
allerdings unerhört harten Bedingungen ab und 
zwar weil erstens Dreyfus kurzsichtig sei und auf 
eine Distanz von 25 Schritten weder sehen noch 
zielen könne, und weil andererseits ein Duell mit 
unbeschränktem Kugelwechsel absolut unstatthaft 
wäre. 

Herr Dreyfus betraute zwei andere Freunde, 
mit den Zeugen Rochefort’s zu unterhandeln und 
diese neuen Zeugen schlugen in der That ein 
Pistolenduell mit zweimaligem Kugelwechsel und 
Losdrücken auf Commando vor. Allein die Zeugen 



Digitized by Google 



Die Duelle der Pariser Journalisten. 



121 



Rochefort’s, respective er selber, beharrten bei 
ihren ersten Bedingungen und so fiel Mangels an 
Verständigung das ganze Duellproject ins Wasser. 
Ich für meinen Theil habe Rochefort, der bekannt- 
lich ein geistreicher Spassvogel ist, stark im Ver- 
dachte, in drastischer Weise den Beweis erbringen 
gewollt zu haben, dass die Duelle der Pariser 
Journalisten eigentlich nur geschickt inscenirte 
Veranlassungen seien, sich gegenseitig ausgiebig 
Reclame zu machen. So wie auch nur ein Schatten 
von Gefahr bei diesen Zweikämpfen vorherrscht, 
ist selbst die Reclamesucht ausser Stande, unsere 
Journalisten zum Betreten des Duellterrain zu 
bewegen. 



Digitized by Google 




Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



Seit vorgestern beschäftigt die klatschsüchtige 
Boulevardwelt eine pikante Scandalaffaire, deren 
Held ein radicaler Volksvertreter ist, in so aus- 
schliesslichem Masse, dass selbst die parlamen- 
tarischen Ereignisse ersten Ranges, die in dieser 
Woche sich abspielten, schon absolut in Vergessen- 
heit geriethen. An einem Mittwoch abend, etwa 
um die achte Stunde, begann man sich auf 
dem breiten Boulevard Sebastopol zusammenzu- 
rotten. Der Auflauf wuchs von Minute zu Minute 
und die nach Hunderten zählenden Neugierigen 
ermangelten nicht, den frisch Hinzugekommenen 
die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen. 
Wachleute kamen und gingen, von der Hausflur 
des Gebäudes, vor welchem die Menschenmassen 
sich stauten, ertönten kreischende Schreie, Hilfe- 
rufe, polterndes Fluchen und grollende Zornes- 
worte ; kurz, alles deutete darauf hin, dass sich 
hier ein bewegtes Strassendrama abspiele. Die 
Polizeimänner — 5 an der Zahl — welche in das 
ominöse Haus geeilt waren, hatten übrigens nicht 



Digitized by 



Mademoiselle Schneidor-Sombreuil. 



123 



die Absicht, die neugierige Menge auf eine starke 
Geduldprobe zu stellen, denn sie erschienen schon 
wenige Minuten später in der Strasse, auf ihren 
Schultern — eine elegant gekleidete Dame tragend. 
Die Dame, die man auf diese sonderbare Weise 
transportirte, sie war nicht etwa bewusstlos oder 
gar leblos. O nein! Sie hatte nur zu viel Leben 
in sich, denn sie schlug mit den Händen wie eine 
Besessene um sich, versuchte die Bärte oder das 
Haupthaar der sie Tragenden zu erhaschen und 
schrie und lärmte aus allen Leibeskräften so laut, 
dnss alle Passanten der um die Zeit überaus be- 
lebten Strasse, durch dieses Geschrei veranlasst, 
im Laufschritte dem Schauplatze dieses sonder- 
baren Ereignisses zueilten. Die Wachleute hatten 
alle Mühe, die scheinbar Tobsüchtige festzuhalten 
und wiewohl es durchwegs stramme und handfeste 
Gesellen waren, gelang es der Getragenen dennoch 
— nachdem sie mit ihren spitzen, schneeweissen 
Zähnen ihren zarten Händen zu Hilfe kam — den 
Fäusten und Armen dieser fünf Cerberusse in 
Uniform zu entwischen. 

Nunmehr begann die Jagd, die übrigens nicht 
lange dauerte, denn die Dame, wohl ein sehend, 
dass sie, was Schnelligkeit der Füsse anbelangt, 
mit ihren Verfolgern nicht wetteifern könne, — 
begnügte sich, die Strasse der Breite nach zu 
durchmessen und klammerte sich, auf der anderen 
Seite angelangt, an das eiserne Gitter der Garten- 



Digitized by Google 




124 



Mudemoisello Schneider-Sombreuil. 



anlage, die den Thurm St. Jaques umringt. Die 
5 Gesetzeswächter rangen mit dieser zarten Ver- 
treterin des schwachen Geschlechtes wohl eine 
Viertelstunde, dieselbe hatte nämlich so fest das 
Gitter umklammert, dass alle Bemühungen der 
starken Männer schier resultatlos blieben. Endlich 
gelang es dennoch, die nervös zusammengepressten 
Hände aufzumachen, die kreischende Gestalt wurde 
neuerdings auf die breiten Schultern geladen und 
man setzte sich in Bewegung, man trat den schon 
oben beschriebenen Marsch zum Polizei-Commis- 
sariate von neuem an. Um ganz wahrheitsgetreu zu 
berichten, wäre noch zu erwähnen, dass ein kleiner, 
hübsch gekleideter Knabe, der mit einer Hand 
an dem Mantel eines Wachmannes sich festhielt, 
weinend und lärmend dieser Cavalkade nachlief. 

Die Dame, w elche 5 Polizisten nur mit Mühe 
zu transportiren in der Lage waren, ist eine in 
Paris wmhlbekannte Persönlichkeit — sie zählte zu 
den Sternen der galanten Welt, wmlche nach Dumas 
ganz mit Unrecht „Halbe Welt“ benannt wird. 
Sie hat schon zu wiederholten Malen die öffentliche 
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und die „Chro- 
nique scandaleuse“ konnte nur zu häufig von 
ihren verblüffenden Excentricitäten erzählen. Fräu- 
lein Marie Schneider-Sombreuil ist unstreitig eine 
bildschöne Frau. Die üppige, mittelgrosse Gestalt, 
die elegante, mit den Fingern zu umspannende 
Taille, die langen dichten Wellen des goldig-blon- 



Digitized by Googli 



Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



125 



den Haarwuchses, die bald in langen Strängen 
bis zu den Knieen frei herabfallen, oder in zwei 
Zöpfen geflochten, der Eigenthümerin einen keuschen 
Ausdruck verleihen, die schwärmerischen Vergiss- 
meinnichtaugen, die von idealer Ueberschwäng- 
lichkeit zu erzählen wissen, sowie das rosige, oval 
geformte Antlitz, — geben ein Gesammtbild, dem 
wohl nur wenige Männer zu widerstehen vermögen. 
Diese allgemein anerkannte, zarte Schönheit der 
Mademoiselle Schneider-Sombreuil ist auch in der 
That der einzige Entschuldigungsgrund, den der 
unglückliche Deputirte , dessen Karne heute in 
aller Welt Munde ist, anrufen kann. 

Fräulein Schneider ist die Zieh-Tochter eines 
türkischen Paschas deutscher Abstammung, der 
vor Jahren als ganz simpler Sattler nach Constan- 
tinopel kam. Er wurde mit der Zeit Hofsattler, 
heiratete eine Russin und der entzückte Sultan, 
dem er einen kunstvoll gearbeiteten Sattel zum 
Geburtstagsgeschenk verehrte, verlieh ihm den 
Titel eines Pascha. 

Seine Tochter Marie kam vor etwa sieben 
Jahren als Anfängerin in der Kunst, galant zu 
sein, nach Paris. Ihre Lage war zwar keine glän- 
zende, denn sie bezog ein bescheidenes Zimmer 
in einem Vorstadthotel ,• und zwar obendrein noch 
auf Credit. Allein der Gott, der die Franzosen 
schuf, sorgt schon dafür, dass schöne Frauen in 
Paris keinen Mangel leiden und in der That finden 



Digitized by Google 






126 Mademoiselle Schnoider-Sombreuil. 

wir Fräulein Marie Schneider einige Zeit nach 
ihrer Ankunft in Paris in einem eleganten Hotel 
der Elyseischen Felder installirt, wo sie die Rolle 
der Egeria bei dem berüchtigten Generaldirector 
der „Union Generale“, Feder, spielte. 

Um diese Zeit, — es war im Jahre 1881, zur 
Zeit also, wo die Bäume der Gründer bis in den 
Himmel wuchsen, — lenkte Fräulein Schneider zum 
ersten Male die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. 
Launisch und aufgeregt von Natur, begann sie 
eines Tages mit ihrem Portier zu zanken. Von 
Wort kam es zu Wort und schliesslich zu Thaten, 
d. h. Fräulein Schneider versetzte dem Portier eine 
Ohrfeige, die derselbe durch Misshandlungen er- 
widerte. Die Hilferufe der jungen Dame ver- 
anlassten Herrn Feder, in die Hausflur hinabzu- 
steigen und in ritterlicher Weise die Vertheidi- 
gung seines Schützlings zu übernehmen. Das Facit 
w r ar eine grosse Prügelei, welcher der obligate 
Hinauswurf des Portier folgte. Allein unser Portier 
citirte Herrn Feder sowie Fräulein Schneider vor 
die Schranken des Zuchtpolizeigerichtshofes und die 
„Union Generale“ musste schliesslich, damit ihr 
Director nicht officiell als Besieger eines w T ackeren 
Portiers proclamirt werde — eine erklekliche 
Summe hergeben, um den drohenden Skandalprocess 
aus der Welt zu schaffen. 

Die Glanzperiode Bontoux und seiner Schöpf- 
ung, der „Union Generale“ war auch die Glanz- 



Digitized by Google 



Mademoiselle Sehneidor-Sombreuil. 



127 



periode des Fräulein Schneider. Bis zu jenem 
ominösen „schwarzen Sonntag“ fuhr sie vierspännig, 
liess sich von 5 bis 6 handfesten Bengeln in Livre 
bedienen, kurz sie lebte ä la grande Dame. Mit 
dem Zusammensturze dieses finanziellen Karten- 
hauses kam auch das Ende der glänzenden Tage, 
die Fräulein Schneider in Paris durchlebt. Aus 
den Elyseischen Feldern musste sie nach Belleville 
in ein Dachstübchen übersiedeln und froh sein, 
wenn irgend ein galanter Handlungsbeflissener sie 
des Sonntags per Omnibus oder Bahn in die Um- 
gebung ausführte. Einige Zeit erzählte man sich 
auf den Pariser Boulevards von dem Missgeschicke 
der schönen Schneider — und dann begann sie 
in Vergessenheit zu gerathen. 

Doch nicht lange. Etwa ein halbes Jahr nach 
dem Zusammensturze der „Union Generale“ war 
Mademoiselle Schneider neuerdings die Heldin des 
Tages. Bei ihrer Ankunft in Frankreich hatte sie 
nämlich die Bekanntschaft eines jungen und reichen 
Aristokraten, eines Sprossen aus historischer Fa- 
milie gemacht, dessen Name mit der Geschichte 
Frankreichs eng verwachsen ist. 

Der junge Graf von Sombreuil soll — wie 
Mademoiselle versicherte — der Räuber ihrer Un- 
schuld gewesen sein und Fräulein Schneider, auf 
ein angebliches Eheversprechen gestützt, legte sich 
den Titel Gräfin Sombreuil bei und machte dem 
jungen Grafen den Process auf Legitimirung ihres 



Digitized by Google 




128 



Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



Kindes. Dieser Process wurde zu Ungunsten der 
jungen Dame entschieden und Fräulein Schneider, 
nachdem sie noch vergeblich den Versuch, sich 
das Leben zu rauben, gemacht hatte, verschwend 
neuerdings von der Oberfläche. Sie ging nach 
Lyon, wo sie mit einem reichen Industriellen, 
einem Seidenfabrikanten, bald intim befreundet 
wurde. Diese Freundschaft sollte ein etwas ge- 
räuschvolles Ende haben. 

Yor etwa zwei Jahren lief durch die Zeitungen 
aller Länder die Notiz, dass eine junge und reizende 
Dame, welche ein ältlicher Herr mit Anwendung 
verschiedener teuflischer Künste zu Falle gebracht, 
aus Verzweiflung über ihre Schande etc. den Ver- 
führer zu tödten versucht und in einem der fre- 
quentirtesten Kaffeehäuser Lyons drei Revolver- 
schüsse auf denselben abgefeuert habe. Die Atten- 
täterin, die verführte Unschuld, w r ar Fräulein 
Schneider. — Da der Revolver nur blind geladen 
war — erwies sich der Zuchtpolizei-Gerichtshof 
milde und galant und verurtheilte Fräulein Schneider 
blos zu einem Monat Arrest und Landesver- 

i 

Weisung. 

Fräulein Schneider ging nach Wien. Allein 
in der einst lustig gewesenen Kaiserstadt an der 
blauen Donau geht es jetzt traurig zu und für 
ßlüthen und Gewächse wie Fräulein Schneider gibt 
es in Wien keinen Platz. Fräulein Schneider kam 
daher — allerdings dritter Classe — nach Paris 



Digitized by Google 




Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



129 



zurück, in der Hoffnung, hier einen reichen Be- 
schützer zu finden. 

Sie sollte sich nicht täuschen. — Sehr bald 
machte sie die Bekanntschaft eines hochgeachteten 
Waarencommissionärs, der ein glänzendes Geschäft 
und einen schweren Beutel besitzt. Ein Jahr un- 
gefähr lebte sie im tiefsten Frieden mit demselben 
und erst im December vorigen Jahres kam es zum 
Kriegsausbrüche. Die Ursachen desselben sind uns 
leider unbekannt, da um diese Zeit blos die nackte 
Thatsache, dass in einem Kaffeehause im galanten 
Viertel „Europe“ ein Herr und eine Dame einige 
Revolverschüsse wechselten, ohne Commentar in 
die Öffentlichkeit drang. 

Die Wächter der Gerechtigkeit haben zwar 
Argusaugen, dafür hingegen scheinen sie taub zu 
sein. Denn in der That, die in der Nähe postirten 
Wachleute scheinen von den Schüssen, die übri- 
gens nur einigen Spiegeln den Garaus machten, 
nichts gehört zu haben. Unser Commissionär, der 
um jeden Preis einen Scandal vermeiden wollte, 
bezahlte die mehr als unverschämte Rechnung von 
5000 Francs für zerbrochene Scheiben und begann 
nun allen Ernstes Schritte zu thun, um in Zu- 
kunft von den Zärtlichkeiten des Fräulein Schneider 
verschont zu bleiben. Er begab sich auf die 
Polizei-Präfectur und erlangte ohne Mühe ihre 
Ausweisung aus Frankreich. 

Beruh. Frey, Pariser Leben 9 



Digitized by Google 




130 



Mademoiselle Schneider-So mbrcuil. 



Fräulein Schneider, die Paris binnen 48 
Stunden zu verlassen hatte, wandte sich in ihrer 
Betrübniss an einen ihr bekannten Advokaten 
mit der Bitte , sie irgend einer einflussreichen 
Persönlichkeit zu empfehlen. Dieser Advocat lud 
einen neugebackenen Yolksvertreter, der durch 
mehrere Jahre als Staatsanwalt und General-Advo- 
cat - Substitut durch Sittenstrenge excellirte und 
als tadelloser Wächter der Moral gegolten haben 
soll, zu einer intimen Besprechung ein, stellte dem 
weisen und keuschen Gesetzgeber den weinenden 
Engel vor, der ad hoc Haltung und Miene einer 
büssenden Magdalena angenommen hatte und zog 
sich hierauf in seine Privaträume zurück. 

Was nun folgte, darüber sind die Geschichts- 
schreiber noch uneinig. Die bei Herrn Yergoin, 
dem radikalen Deputirten des Departement „Oise“, 
ihre Informationen einholten , behaupten , dass 
Mademoiselle Marie Schneider dem Deputirten sich 
weinend zu Füssen warf, sich als unschuldiges 
Opfer einer teuflischen Machination des verruchten 
Polizei-Präfecten darstellte etc. etc. Die Anderen 
sceptisch angelegten, zucken die Schultern und 
meinen, dass, wenn Fräulein Schneider dem Yolks- 
vertreter zu Füssen fiel, derselbe sich beeilt hätte, 
sie schleunigst vom Boden aufzuheben, um sie in 
seinen Armen weich zu betten. 

Wie dem auch sei, Eines steht fest, Fräulein 
Schneider verliess am Arme des Deputirten das 



Digitized by Googl 




Mademoiselle Schneider- Sombreuil. 131 

\ 

gastliche Haus des Advocaten, um mit ihrem neuen 
Schutzengel direct zur Polizei -Präfectur sich zu 
begeben, wo der Einfluss des radikalen Deputirten 
mächtig genug war, um die Rapportirung des Aus- 
weisungsbefehles durchzusetzen. 

Herr Yergoin ist aber leider ein Pechvogel 
und gehört zu jener Classe unglücklicher Menschen, 
in deren Händen selbst das lautere Gold in schmutzi- 
gen Koth sich zu verwandeln pflegt. So lange er als 
Staatsanwalt in der Provinz das Racheamt der 
blinden Madame Justitia ausübte, so lange hatte 
die Oeffentlichkeit mit ihm nichts zu schaffen. Aber 
kaum landete er als wohlbestallter Radikaler am Quai 
vor dem Palais Bourbon und schon wurde er zu 
einem Helden ersten Ranges der „Chronique scan- 
daleuse“, dessen Name jedem Boulevardier gerade 
so wie der Name Cora Pearl oder eines inter- 
nationalen Hochstaplers geläufig ist. 

Er begann seine legislatorische Thätigkeit 
als Präsident des famosen „Cercle Artistique“, 
den Landau, das Opfer der „femme fatale“ Lina 
Hunte, gründete. 

Unter seiner Präsidentschaft, die übrigens nur 
wenige Monate dauerte, wurden in diesem Cercle 
einige Gentlemen dabei erwischt, wie sie durch 
geschickte Bewegung des Daumens und Zeige- 
fingers der widerspenstigen Göttin Fortuna unter 
die Arme zu greifen versuchten. Die Sache machte 
grosses Aufsehen und man fand allgemein, dass 

9 * 



Digitized by Google 




132 



Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



ei» Deputirter eigentlich besser seine Zeit ver- 
werthen könne und schwerlich zum Zwecke , um 
Falschspielern zum Aushängschild zu dienen, nach 
Paris entsendet werde. Yergoin gab nun seine 
Demission — doch nicht etwa als Deputirter, 
sondern als Cercle-Präsident, um seine ganze Zeit, 
der schönen Marie Schneider zu widmen. 

Sein traditionelles Pech sollte jedoch auch 
diese harmlose und angenehme Beschäftigung ihm 
verbittern. Abgesehen von den beinahe chronischen 
Geldnöthen dieser launischen Schönen , begann 
plötzlich Mademoiselle Schneider ganz unmögliche- 
Einfälle zu haben. Sie wollte unbedingt am Arme 
ihres Volksvertreters die Salons der grossen Welt 
betreten. Insbesondere plagte sie ihren Beschützer 
mit dem Verlangen auf den grossen — absolut 
officiellen — Ball des Officierscorps, der im Hotel 
Continental unter dem Patronate der Gemahlin 
des Kriegsministers, der Madame Wilson, Adam 
etc. stattfand, geführt zu werden. Der Deputirte 
schlug dies Verlangen unwirsch ab, als er jedoch 
des Abends im Ballsaale erschien — da gewahrte 
er zu seinem Schrecken, dass Fräulein Schneider 
in einer bezaubernden Toilette schon seiner warte.. 
Um einen Scandal zu vermeiden, musste er, wenn 
auch widerwillig, ihr den Arm reichen. 

Am nächsten Tage sprach er beim Polizei- 
Präfecten vor, um diesen Staatsfunctionär diesmal 
allen Ernstes zu bitten, den in Folge seiner Inter- 



Digitized by Google 



Mademoiselle Schneider-Sombrcuil. 



133 



vention aufgehobenen Ausweisungsbefehl sofort 
ausführen zu lassen. Der Präfect willigte ein und 
Fräulein Schneider wurde unter Escorte nach Mar- 
seille geführt, um daselbst an Bord eines nach Con- 
stantinopel abgehenden Schiffes gebracht zu werden. 
Tn Marseille machte sie nun die Bekanntschaft 
•eines anderen, diesmal bonapartistischen Abgeord- 
neten — dem es gelang, einen Aufschub des Aus- 
weisungsbefehles von 4 Wochen zu erwirken. 
Nun wollte der Zufall, oder richtiger gesagt, das 
Pech unseres biederen Yergoin, dass er nach Mar- 
seille in seiner Eigenschaft als Advocat reisen 
musste, um bei Gericht zu plaidiren. Die erste 
Person, der er beim Betreten des Gerichtsaals 
unsichtig wurde, war Mademoiselle Schneider-Som- 
breuil. 

Die Situation war delicat und unser De- 
putate — ein geschworener Feind öffentlicher 
Auftritte — beeilte sich mit seiner Donna Frieden 
■zu schliessen. Seine Bemühungen, den neuerlichen 
Ausweisungsbefehl aufzuheben, waren von Erfolg 
gekrönt und Frl. Schneider führte im Triumphe 
ihre beiden Volksvertreter mit Eilzugsgeschwin- 
rligkeit nach Paris zurück. 

Die grossstädtische Idylle begann nun von 
neuem, allein sie sollte nicht von langer Dauer 
sein. Schon zwei Wochen später nämlich, sah 
sich Herr Yergoin neuerdings veranlasst, die Inter- 
vention der Polizei anzurufen. Tags darauf wurde 



Digitized by Google 




134 



Mademoiselle Schneider-Sombreuil. 



Fräulein Schneider zum vierten Male aufgefordert, 
binnen achtundvierzig Stunden Frankreich zu 
verlassen. Alle Versuche, den Deputirten in ihr 
Garn zurückzulocken, verblieben resultatlos und 
so entschloss sich denn die schöne Marie Schneider 
Herrn Vergoin inmitten seiner Familie aufzusuchen. 
Auf Befehl des Abgeordneten weigerte sich der 
Portier, sie in’s Haus hineinzulassen. So leichten 
Kaufes Hess sie sich jedoch nicht abweisen — 
sie wollte den Eintritt mit Gewalt erzwingen und 
begann mit dem Portier zu raufen. Sie schlug um 
sich, kratzte mit ihren spitzen Nägeln dem be- 
dauernswerthen Portier beinahe die Augen aus 
und begann im Vereine mit ihrem Jungen zu 
heulen, als ob man sie bei lebendigem Leibe ver- 
brennen wollte. Was nun folgte, haben wir eingangs 
beschrieben. 

Fräulein Marie Schneider - Sombreuil wurde 
durch die Polizei bis nach Marseille gebracht und 
in diesem Hafen auf den ersten nach Constantinopel 
abgehenden Dampfer zwangsweise eingeschifft, 
w ährend ihr Adonis, der galante Deputirte Vergoin 
— einer ganz unverbürgten Meldung gemäss — über 
die Zweckmässigkeit seiner Demission als Abge- 
ordneter noch nicht ins Klare gekommen sein soll. 

Seine Wähler würden ebenfalls schwerlich 
in ihn dringen, eine etwaige Demission zurück- 
zuziehen. 



Digitized by Googfc 




ITT", «A/bsclinitt. 



Strassenscenen und Skizzen. 



Digitized by Google 



Der Carneval in Paris. — Die natura- 
listische Quadrille. 

Paris, Aschermittwoch 1886. 

Heute wurde hier wie allerorten der Prinz 
Carneval bestattet. Allerdings geschieht diese Be- 
stattung im modernen Paris nur in den Spalten 
der Zeitungen, denn schon seit Jahren ist das 
Autodafe in effigie des Aschermittwochs ausser 
Mode. Der Carneval, den man sonst am Ascher- 
mittwoch alljährlich zu bestatten pflegte, iBt eben 
seit dem grossen Kriege, der nachfolgenden Com- 
mune, sowie des Schreckensregimentes der Kriegs- 
gerichte wirklich todt, und alle Versuche, seine 
Wiederaufstehung in’s Werk zu setzen, blieben 
erfolglos. Vor Jahren, als noch der Napoleonide 
in den Tuilerien das Scepter schwang, ging es in 
Paris während der Faschingswoche hoch her. 
Oeffentliche Aufzüge, glänzende Cavalcaden wurden 
da veranstaltet, farbenprächtige Gruppen zogen 
Strasse auf und Strasse ab, alle Welt war guter 
Laune und kreuzfidel, und selbst die ernstesten 
Männer verschmähten es nicht, an diesen Tagen zur 
falschen Nase oder zum falschen Bart zu greifen. 



Digitized by Google 




138 



Der Carnoval in Paris. 



In der feinen Welt, in den Salons des 
Faubourg St. Germain, in den Regierungspalästen, 
in denen ein Hausmann und Morny hausten, in 
den glänzenden Räumen der koketten Hotels des 
Quartiers des Parkes vonMonceau, wo neben den 
Grossspeculanten und Börsenpotentaten die Köni- 
ginnen der Mode und Galanterie ihren Sitz auf- 
geschlagen hatten, herrschte ebenfalls um diese 
Zeit die ungebundenste Fröhlichkeit, eine Lust- 
barkeit, welche mitunter bis zur Excentricität sich 
steigerte. Fest folgte auf Fest. Hier wurden gross- 
artige historische Abende veranstaltet, welche mit 
seltenem Gepränge und geradezu fabelhaftem Auf- 
wande inscenirt wurden. Man begnügte sich nicht 
mehr damit, im Costüme des Mittelalters, der Re- 
naissance oder „Rococo“ zu erscheinen, Meister- 
stücke der Schneiderkunst, die bald das Gefieder 
der Vögel, die Schuppen der Fische, bald die 
Borsten der Yierfüssler imitirten, als Vermummung 
zu benützen — man ging viel weiter und fuhr 
gewöhnlich bei dem Gastgeber in einer Equipage 
— einem historisch treuen Vehikel, aus der Zeit, 
deren Costum der Insasse des Wagens trug — 
aus dem 13. oder 14. Jahrhundert vor, welche ein 
ganzes Tross die Tracht von Anno dazumal an- 
habender Diener mit brennenden Fackeln begleitete, 
oder liess sich in den Tragsesseln, die zu Zeiten 
Ludwig XIV. Mode waren, zu den glänzend er- 
leuchteten Hotels tragen. Die Damen der hohen 



Digitized by Google 



Die naturalistische Quadrille. 



139 



Aristokratie mit der Fürstin Metternich — „Tant 
de chic“ benannt — und der Kaiserin Eugenie an 
der Spitze, gaben da gewöhnlich das Signal zu 
diesen Festen, und die Kaiserin selber verschmähte 
es nicht, von dem lncognito der Maske Gebrauch 
zu machen, um bald in der Verkleidung als Him- 
mel ihre Getreuen mit einem holden Lächeln als 
Sonnenschein zu beglücken, oder als Bienenkönigin 
mit dem spitzen Stachel ihres gerühmten Witzes 
ihre Gegner bis auf s Blut zu verwunden. 

In den öffentlichen Localen thronten und 
regierten andere Königinnen, die vielleicht noch 
glühender verehrt wurden, als die grossen Damen 
der feinen Gesellschaft, und deren Kamen auch 
noch heute auf die ergrauten Pariser von Anno 
dazumal eine gerade magische Wirkung üben, 
denn sie zaubern, kaum ausgesprochen, auf die 
in ernste Falten gekleideten Gesichter den Schein 
himmlischer Verklärung. In dem glänzenden Saale 
der alten Oper in der Rue le Pelletier regierten 
da in souveräner Weise die Königinnen des Tanzes 
Pomare und Bachanal — welche Eugene Sue 
portraitirt hat — von ihren Hofdamen, der himm- 
lisch schönen „Frisette“, der majestätischen Moga- 
dor und der imposanten Rosa „Royon d’or“ mit 
dem Madonnengesichte, würdig secundirt. Bei Ma- 
bille wieder waren es die Coeotten „de grande 
marque“, welche den Reigen führten, Cora Pearl, 
von deren Memoiren in den letzten Tagen so viel 



Digitized by Google 




140 



Der Carneval in Paris. 



gesprochen wurde, Madame Theresa, die schöne 
Marguerite, die Geliebte eines Kaisers, während 
die „La Louve“ und die unvergessliche Mimi eines 
Murger im lateinischen Yiertel die Jugend durch 
ihren Tanz in Exstase versetzten. 

Im heutigen Paris ist von all’ diesen Lust- 
barkeiten nicht die geringste Spur zu entdecken. 
Statt der glänzenden Cavalcaden, der farbenpräch- 
tigen Umzüge, des Fröhlichkeit ausstrahlenden 
Gefolges des Faschingsochsen, machen sich am 
Faschingsdienstag' die Reclamewagen einiger hyper- 
kluger Industrieller breit. Auf diesen Wagen- 
ungethümen aus Papier und Pappe hocken einige 
in zerfetzte Frauenkleider gesteckte Gesellen mit 
Leichenbittermienen, die unter das Publicum auf 
schlechtem Papier gedruckte Reclamenotizen streuen. 
In den Salons der feinen Welt geht es kaum 
lustiger zu. Die wunderschönen costümirten Feste, 
von denen ich soeben sprach, sind zur Mythe 
geworden ; die „Alten“ erzählen gelegentlich den 
„Jungen“ von denselben etwa in derselben Weise, 
wie die Ammen uns in unserem Kindesalter die 
Schicksale tugendsamer verzauberter Prinzessinnen 
erzählt haben. 

Diese Feste sind zur Legende längst ver- 
flossener Zeiten geworden. 

Die Jugend von heute lacht nicht und tanzt 
auch nicht mehr. Die einen, sie tummeln sich bei den 
Spieltischen, die anderen, welche mit gelangweilten 



Digitized by Google 



Dio naturalistische Quadrille. 



141 



Mienen, das Monocle in’s Auge gezwängt, die 
Hände in den Taschen vergraben, den Bewegungen 
der wenigen tanzende?* Paare theilnahmslos zu- 
schauen, erwidern den Hausfrauen, die an solchen 
Abenden förmlich Gendarmendienste verüben müs- 
sen, um Tänzer zu pressen, — dass sie Schopen- 
hauerianer geworden und jede Lustigkeit perhorres- 
ciren. In den öffentlichen Localen machen sich die 
verworfensten, rohesten und geradezu anekelnden 
Geschöpfe breit, und in dem blendend schönen 
Saale der grossen Oper wird während der Opern- 
bälle die naturalistische Quadrille getanzt. 

Diese „naturalistische Quadrille“ ist sozu- 
sagen das Charakteristiken der diesjährigen Winter- 
saison. Der industrielle Erfinder der modernen 
Ferkelliteratur, der grosse naturalistische Prophet 
des republikanischen Paris, Emile Zola, ist da 
durch diesen naturalistischen Tanz übertrumpft 
und in den Schatten gestellt worden, und das Ver- 
dienst, dieses vollbracht zu haben, gebührt niemand 
anderem, als der Tingel - Tangei - Diva mit der 
Dragonerstimme, der famosen Madame Theresa, 
die trotz ihrer wohlgezählten 50 Jahre noch all- 
abendlich den Sylphidengang eines jungen Mädchens 
nachzuahmen trachtet. Die Dame, welche eben 
einsah, dass ihre schon längst verblühten, wenn 
auch noch nicht vertrockneten Reize nicht mehr 
geeignet seien, das Publicum in die Hallen des 
ihr gehörenden Cafe chantant „Alcazar d’hiver“ 



Digitized by Google 



142 



Der Carneval in Paris. 



zu locken, machte sich auf die Suche nach einer 
„Great Attraction“, nach irgend einer neuen Tingel- 
Tangel-Specialität. 

„Wer sucht, der findet“, heisst es bekannt- 
lich in der heiligen Schrift. Und da nun Madame 
Theresa sehr gottesfürchtig ist — böse Zungen 
behaupten sogar, dass diese gewesene zügellose 
Priesterin der freien Liebe auf ihre alten Tage 
eine Betschwester geworden sei — so gelang es 
ihr, auch die gesuchte Specialität, welche ihre 
Kasse füllen sollte, zu finden. Sie fand, oder 
richtiger gesagt, erfand die naturalistische Quadrille 
„Le Quadrille naturaliste“ auch „realiste“, wie es 
auf den Anschlagzetteln der verschiedenen Un- 
terhaltungslocale heisst. 

Es ist schwer, dem deutschen Publicum auch 
nur annähernd diesen neuesten Pariser Kunstgriff 
zu definiren und wir glauben, dass die Benennung 
dieses Kunstgenres mit seinem wahren und rich- 
tigen Namen selbst bei den an starken Tabak 
gewöhnten Parisern gewaltigen Anstoss erregen 
würde. Die naturalistische Quadrille, die da all- 
abendlich in einigen Dutzend Localen getanzt 
wird, insbesondere aber auf der Bühne des Alcazar 
von neugebackenen Künstlern, welche auf die 
appetitlichen Zunahmen: „Grille d’Egout“, „La 
Goulue“, „Fricasse“, „Yol au vent“ hören, ist — um 
kurz und bündig zu sagen, — die reinste Apotheose 
der Trottoirheldinnen. Man denke sich zwei schlot- 



Digitized by Google 






Die naturalistische Quadrille. 143 

trige, hagere Gesellen mit besonders ausgewachse- 
nen Armen und Beinen , beide grimmig hässlich, 
wie etwa eine scheussliche Abart von Affen, beide 
so behändig wie diese Yierfüssler, in Gesellschaft 
zweier der Sittenpolizei wohlbekannter und nur 
in sehr zweifelhaftem Masse hübscher Dirnen, der 
famosen „Grille d’Egout“ und „La Goulue“ einen 
Contredanse aufführen, bei dessen Anblick selbst 
die Hexen vom Blocksberge vor Scham erröthen 
würden. Die Herren excelliren in convulsivischen 
Zuckungen und Gliederverrenkungen, wie wenn sic 
vom Yeitstanz befallen wären. Clowns sind im Ver- 
gleiche mit diesen Tänzern das reinste Kinderspiel. 

Und die Damen ? — nun die Damen be- 
gnügen sich nicht mehr mit der Allegorie, die aller- 
hand vermuthen lässt. Diese Damen sind ja natu- 
ralistische Tänzerinnen , die nichts , gar nichts zu 
verbergen haben. Mit der nacktesten Brutalität — 
in dem buchstäblichsten Sinne des Wortes • — 
tanzten diese Strassenheldinnen einen Cancan, den 
selbst die Hallen eines Bullier noch nicht erschaut. 
Die bauschigen Koben hoch aufgeschürzt, das 
Spitzenunterkleid bis zur Höhe des Gesichtes er- 
hoben und die Beine bis etwa zur Höhe der 
ersten Gallerie in die Luft werfend, tänzeln diese 
Künstlerinnen“ mit einem frech impertinenten 
Lächeln Bühne auf, Bühne ab. In Deutschland 
würde bei Aufführung eines ebenso obseönen, wie 
anwidernden Tanzes ein einziger Schrei der Ent- 



Digitized by Google 




144 Der Carneval in Paris. — Die naturalistische Quadrille. 

rüstung sich der Brust des Auditoriums entringen 
— hier zollt man Beifall , klatscht wie wüthend 
„ bravo“ und brüllt „da. capo“. Die „Quadrille na- • 
turaliste“ hat Furore gemacht. Industrielle Cafe- 
Chantant-Directoren und Inhaber von Ball-Localen 
haben eine ganze Legion von choreographischen 
„Künstlern“ entdeckt, die zumeist aus der "Welt 
der Strassendirnen und ihrer Zuhälter sich recru- 
tiren und mit mehr oder minder affenartigen Glieder- 
verrenkungen in einigen 20 Yergnügungslocalen 
allabendlich die tollsten und obseönsten Sprünge 
bei den Klängen Metra’sclier Musik executiren. 



Digitized by Google 



Unter Revolutionären. 

(Ein Gedenktag der Commune in Paris.) 



Der 18. März ist der Jahrestag des Aus- 
bruches der Commune und die überlebenden 
Anhänger der insurrcctionellen Bewegung vom 
Jahre 1871 beeilen sich alljährlich am Wieder- 
keliren dieses Tages, mit allem möglichem Eclat 
die Gedenkfeier der Schilderhebung der Pariser 
Autonomisten zu feiern und die aus Neu-Cale- 
donien zurückgekehrten „Märtyrer“ der socialistisch- 
revolutionären Bewegung im Triumphzuge die 
äusseren Boulevards entlang auf den Pere Lachaise 
zu führen, wo gewöhnlich bei der sogenannten 
„Mauer der Föderirten“, wo nach Niederwerfung 
der communistischen Bewegung eine ungeheure 
Menge von Nationalgardisten und Communards 
brevi manu rudelweise executirt wurden, revolu- 
tionäre Reden gehalten, Rachelieder gesungen und 
Verwünschungen gegen die todten Tyrannen, die 
da auf die Namen Thiers, Gambetta, Jules Favre etc. 
hören, ausgestossen werden. Diese meist grotesk 
zu nennenden Aufzüge, bei denen eine Unzahl 

Bernh. Frey, Pariser Leben. 10 




146 



Unter Revolutionären. 



rother Fahnen, Standarten, Bannieren u. s. w. ent- 
rollt werden, boten nur so lange Interesse, als 
eben eine reactionär angehauchte Regierung in der 
Einbildung lebte, die Mission einer imaginären 
Gesellschaftsrettung durch schwunghaftes Hand- 
haben von Präventivmassregeln sei die Quintessenz 
einer jeden guten Regierung. Man beeilte sich, die 
Truppen in Schlachtordnung auf allen angeblich 
bedrohten Punkten aufzustellen, Hunderte von 
Schutzleuten auf die grösseren Plätze zu dirigiren, 
ja sogar Artillerie in den Strassen campiren zu 
lassen. Die Journale kündeten schon zwei bis drei 
Tage vorher all’ die umfassenden Massregeln der 
vorsorglichen Regierung an und das Facit dieser 
ganzen officiellen Comödie war, dass Tausende, ja 
Zehntausende und abermals Zehntausende von 
Neugierigen vom frühen Morgen ab all’ diese 
Plätze, Avenuen und Boulevards, die zu dem Fried- 
hofe führten, sowie den Friedhof selber zu besetzen 
sich beeilten, wodurch erst der ganzen Bewegung 
ein Stempel von Wichtigkeit aufgedrängt und der 
Handvoll von Professionsrevolutionären ein gewisser 
ernst zu nehmender Anstrich verliehen wurde. 

Seitdem jedoch eine wirklich republikanische 
Regierung am Ruder ist, die sich wohlweislich 
hütet, durch Entfaltung eines unnöthigen Sicher- 
heitsapparates eine durch nichts gerechtfertigte 
Bewegung zu pro vociren, haben die revolutionären 
Promenaden derart vollständig ihren Credit ein- 



Digitized by Google 



Unter Revolutionären. 



147 



gebüsst, dass die gewöhnlichen Arrangeure derselben 
mit der rothen Jungfrau an der Spitze, einstimmig 
den Beschluss fassten, in diesem Jahre vollständig 
von dieser Procession Abstand zu nehmen, damit 
die Machtlosigkeit dieser berechnet hitzköpfigen 
»Streber, durch ein elendes Fiasco des arrangirten 
Aufzuges, nicht in unzweifelhafter Weise an den 
Tag gelegt werde. 

Und so kam es, dass am Jahrestage des 
Ausbruches der Commune, Paris absolut dieselbe 
Physiognomie bot, wie an jedem andern Wochen- 
tage und wenn nicht gerade die reactionären und 
monarchischen Zeitungen dieses Gedenktages Er- 
wähnung gethan und den Mittheilungen der „Führer“ 
eine Aufnahme in ihren Spalten gewährt hätten — 
so wäre dieser Tag beinahe unbemerkt vorüber- 
gegangen. 

Wohl hatte der „Cri du peuple“, der Moniteur 
aller Streber, die durch Ausbeutung der Un- 
erfahrenheit der unteren Schichten, zu fetten 
Pfründen gelangen möchten, eine Festnummer mit 
Illustrationen herausgegeben und die Spitze des 
Blattes mit einer misslungenen und verschwom- 
menen Zeichnung geziert, welche die Vorgänge der 
Nacht vom 17. auf den 18. März 1871 darstellen 
sollte. Wir sehen da eine Reihe Linientruppen, 
welche die Gewehre mit dem Kolben nach oben 
in der rechten Hand haltend, mit der Linken mit 
dem Volke, unter denen es an Frauen mit Kindern 

10 * 



Digitized by Google 




148 



Unter Revolutionären. 



auf dem Arme nicht fehlt, fraternisiren, während der 
unglückliche General Lecomte, der diese Truppen- 
Abtheilung befehligte, im Hintergründe hoch zu 
Ross aus Verzweiflung über die Meuterei seiner 
Untergebenen, sich die Haare ausrauft. Wohl be- 
eilte sich Henri Rochefort in seinem „Intransigeant* 
einen schwungvollen Artikel auf dieselbe Commune, 
die ihn als Reactionär verhaften wollte, zu veröffent- 
lichen ; — allein die ernst zu nehmenden ultra-radi- 
calen Blätter, wie z.B. die „ Justice“ Clemenceau’s be- 
grüssten den Gedenktag durch absolutes Schweigen. 
Nicht mit einer einzigen Zeile wird davon Erwäh- 
nung gethan, dass vor 15 Jahren Paris an diesem 
Tage sich erhoben. 

In Anbetracht dieser Indifferenz, selbst der 
Radicalen, verliert der 18. März für den Politiker 
jedwedes Intersse und es kann nur Sache des 
Feuilletonisten und Tages-Chronisten sein, zum 
Zwecke der Unterhaltung oder Belehrung ein 
Bild der zahlreichen kleinen revolutionären Fa- 
milienfeste zu entwerfen, die in den verschiedensten 
Winkeln von Paris gefeiert wurden Wir nehmen 
an, dass es im Auslande unbedingt interessiren 
dürfte, ein kleines Genrebild, das inan wohl „Pa- 
riser Revolutionäre im Schlafrocke“ betiteln könnte, 
mit Müsse zu betrachten, welches eine Idee davon 
gibt, wie diese an und für sich harmlosen, durch 
dieUebertreibungen einer sensationssüchtigen Presse 
zu einer socialen Gefahr aufgebauschten Zimmer- 

\ 



Digitized by Google j 




Unter Revolutionären. 



14 » 



und Yersammlungshelden sich unterhalten und Po- 
litik bei Gläserklang betreiben. 

Zu diesem Zwecke zögerte ich nicht, gestern 
einige dieser „Gedenkfeirer“ zu besuchen und 
mein Diner in revolutionärer Mitte in der „Salle 
Favie“ in Belleville einzunehmen. Ich will nun- 
mehr meine Erlebnisse schildern. 

Zuerst begab ich mich in die „Salle Prat“, 
wo der grimme Alphonse Humbert einem „Ehren- 
punsch“ präsidirte. Der Eintrittspreis von 75 Cen- 
times gab jedem Theilnehmer das Recht, ein Glas 
nach Fusel stark riechenden warmen Wassers, das 
euphemistisch „Punsch“ benannt wurde, sich zu 
Gennithe zu führen. Ein spärliches Auditorium 
drängte sich um Estrade und Rednertribüne, die 
mit rotlien Fahnen, Inschriften, Immortellenkrän- 
zen etc. geschmückt war , während im absolut 
leeren Hintergründe des mässig grossen Saales die 
Kellner mit gekreuzten Armen neugierig den unin- 
teressanten Vorgängen zuschauten. Eine Reihe von 
Rednern, die stets dasselbe Lied mit einigen Va- 
rianten sangen, folgte mit Eilzugsgeschwindigkeit 
einander. Nur Herr Mesureur, der Exsyndicus des 
Pariser Gemeinderaths, erging sich in etwas län- 
gerer Rede über die Vorgänge des Jahres 1871, 
um am Schlüsse uns die Versicherung zu erthei- 
len, dass die Commune zwar ein ausgezeichnetes 
Werk war, welches jedoch leider schlecht in An- 
griff genommen wurde. 



L 



Digitized by Google 




150 



Unter Revolutionären. 



Gegen Schluss der Versammlung rief da* 
Erscheinen des Dichters Clovis Hugues einige Be- 
wegung hervor. Der sympathische Sänger, der 
glückliche Gatte der blendendschönen „Rächerin 
ihrer Ehre“ zählt in allen Lagern — trotz seiner 
politischen TJeberspanntheit — als Freund. Di& 
charakteristische Gestalt des Deputirten von Mar- 
seille, sein stark durchfurchtes Gesicht, die grossen 
glänzenden Augen, der struppige schwarze Bart 
und der waldähnliche Haarwuchs, welche dem 
südländischen Politiker und Dichter einen Aus- 
druck, den man sobald nicht vergisst, ver- 
leihen, sind so oft beschrieben worden, dass wir 
uns der Mühe, sein Porträt zu entwerfen, ent- 
ziehen können. Seine idealistisch angehauchten 
Wotte wurden von dieser Versammlung zwar 
kaum verstanden, dessenungeachtet aber frene- 
tisch beklatscht. 

Von der „Salle Port“ fuhr ich in die „Salle 
Levis“, wo Louise Michel sprechen sollte. Hier 
hatte man zur Feier des Tages eine Art von 
Meeting-Concert arrangirt, um in melodramatischer 
Weise den Manen der grossen Communards zu 
huldigen. Als ich daselbst ankam, war „Louise* 1 
zwar schon fort, allein ich hatte dafür das Ver- 
gnügen, einen alten Bekannten, Verse eigener Fech- 
sung, natürlich revolutionären Inhaltes, declamiren 
zu hören. Dieser begeisterte Dichter und Sänger 
ist in seinen Mussestunden auch Rosselenker und 



Digitized by Google 




Unter Revolutionären. 



151 



brüstet sich mit dem Ehrentitel eines Exkutschers 
des verstorbenen Victor Hugo. 

Dieser Parnass und Bock-Insasse Namens 
„More“ ist in Paris eine bekannte Figur. Victor 
Hugo, der sonst selten eines Wagens sich bediente, 
stieg Vorjahren einmal zufällig in dessen Vehikel. 
Nach Beendigung der Fahrt weigerte sich der clas- 
sische Rosselenker allen Ernstes, den Preis der 
Fahrt zu acceptiren. Brüder in Apoll’ bezahlen 
sich ja gegenseitig nicht. — Es bedurfte der 
ganzen Ileberredungskunst des greisen Dichters, 
um seinen Collegen vom Kutscherbock dazu zu 
bewegen, wenigstens die polizeiliche Fahrtaxe 
anzunehmen. Schliesslich willigte er ein, unter der 
Bedingung, dass Hugo seines Wagens mit Vorzug 
sich bediene und ihm nie ein Trinkgeld anbiete. 

Der grosse Dichter, welcher an derartigen 
Käuzen seinen Gefallen hatte , lud nun seinen 
poetisirenden Automedon eines Tages zum Diner 
ein. Es war an seinem gewöhnlichen Empfangs- 
tage und an seiner Tafel speisten ausser Monsieur 
und Madame Lockroy eine ganze Reihe berühmter 
Schrifsteller und Dichter : der scharf anticlericale 
Gemeinderath Edgar Mouteil, der ewig junge und 
unvergänglich blonde Dichter und Wagnerprophet 
Catulle Mendes, der feine und geistreiche Armand 
Silvestre, Ernest Renan, Louis Ulbach etc. Unser 
Kutscher, dem der Wein zu Kopfe gestiegen war, 
begann nun beim Dessert, zum Entsetzen der 



Digitized by Googli 




152 



Unter Revolutionären. 



illustren Versammlung, aus seiner fast bodenlosen 
Brusttasche Manuscript auf Manuscript hervorzu- 
ziehen und seine eigenen Verse vorzudeclamiren. 
Hugo lachte nach Herzenslust und klatschte 
Beifall, während die anderen Tischgenossen zähne- 
fletschend die Ohren sich zuzustopfen versuchten. 

Von der Balle „Ldvis“ fuhr ich in’s eigent- 
liche Wespennest, nach Belle ville, dem classischen 
Boden der socialen Revolution, wo in der „Balle 
J'avier“ der Generalstab der Socialisten, Possi- 
bilisten, Blanquisten, Anarchisten, sowie noch 
anderer „isten“ zu einem solennen Banquette sich 
Rendezvous gegeben hatte. Der grosse Baal war 
mit langen, zierlich und kokett gedeckten Tischen 
garnirt, die in parallelen Linien von der Estrade 
gegen den Baaleingang liefen. Auf der Estrade, 
knapp hinter der Rednertribüne, befand sich der 
Ehrentisch, den eine mit rotlien Fahnen geschmückte 
Büste Marat’s verzierte. Hinter dem Lehnstuhle 
des Banquet-Vorsitzenden war eine grosse Pappen- 
deckeltafel mit der Inschrift: Ni Dieu, ni Maitre — 
A. Blanqui gezeichnet — angebracht. Der ganze 
Saal war in der Art ländlicher Wirthshäuser, in 
dem etwa ein „Kirchweihfest“ gefeiert wird, aus- 
geschmückt: Rothe Fahnen, Tannenbüschel, Wap- 
pen mit revolutionären Inschriften oder Namen 
bekannter Revolutionäre und Socialisten. Als ich 
ankam, wurde zwar noch Cercle gehalten, allein 
die Anwesenden, deren Magen knurrte — man 



Digitized by Googld 




Unter Revolutionären. 



153 




denke, es war beinahe 9 Uhr — ■ schenkten den 
Celebritäten keine Aufmerksamkeit. Man stampfte 
mit den Füssen, klimperte mit den Bestecken und 
begann schliesslich nach der bekannten Melodie 
des Lampencouplet’s „La soupe, la soupe“ ab- 
zusingen. 

Endlich setzte man sich zu Tische. Den Vor- 
sitz übernahm der behäbige Gemeinderath Yail- 
lant, vor dem alle erbgesessenen Pariser Kaufleute 
zittern. Herr Yaillant ist nämlich ein wüthender 
Apostel, der in der letzten Zeit im Gemeinderathe 
so beliebten Umtaufe der belebtesten Strassen. — 
Herr Yaillant ist eine untersetzte stämmige Ge- 
stalt. Sein aufgedunsenes röthliches Gesicht wird 
durch seine gewaltige carmoisinrothe Prachtnase 
derart beschattet, dass man von seinen Zügen nur 
sehr wenig zu sehen bekommt. Ihm zur Linken 
nahm der General „Eudes“, eine Art von anar- 
chistischem General Bum-Bum, Platz. General 
Eudes ist entschieden eine komische Figur, ein 
kleines, untersetztes und ziemlich fettes Männchen 
mit einem Schmeerbauche und Kürbisskopfe, der 
zu der kleinen Gestalt absolut nicht passen will. 
Rollende Augen, winziger Haarwuchs und ein ge- 
waltsam in ernste Falten gekleidetes Gesicht. 
Dazu ein enorm langer gewaltig breiter Schnurr- 
bart, der den ganzen Mund fast vollständig be- 
deckt. General „Eudes“ ist auf diese martialische 
Manneszierde nicht wenig eingebildet, man kann 



Digitized by Google 



154 



Unter Revolutionären. 



es an der imposanten Handbewegung erkennen, 
mit der er von Zeit zu Zeit seinen Schnurrbart zu 
glätten nie unterlässt. Während der Commune 
direct zum „General“ promovirt, ging er oft 
stundenlang auf den grossen Boulevards in 
einem geradezu possierlich zu nennenden Aufzuge 
spazieren, mit einem kolossalen Schleppsäbel, der 
ihm bis zur Brusthöhe reichte, umgürtet, um die 
Lenden vier bis fünf verschiedenfarbige, theils mit 
Gold- theils mit Silbertressen versehene Schärpen 
gewunden, an den Stiefeln riesige Reitersporen. 
Spottvögel behaupteten, dass er nur desswegen so 
häufig promenirte, damit seine Mitbürger seine 
Heldengestalt zu bewundern in der Lage seien. 
Neben Eudes nahm Rochefort Platz. Hierauf 
kam der revolutionäre Marquis „Marguerite“, das 
Pendant zum Anarchistenfürsten Krapotkin, Chabert, 
der Führer der Possibilisten und die anderen 
berühmten Redner der Yororteversammlungen. Zur 
Rechten des Präsidenten sass die schöne „Severine“, 
die Frau des Dr. Castelnau, der eigentliche 
Chefredacteur des „Cri du peuple“, welche den 
Gründer desselben, Jules Yalös, während seiner 
Krankheit so aufopferungsvoll pflegte. Neben ihr 
sass der gewesene Finanzminister der Commune 
und Metallknopfarbeiter, der jetzige Pariser Depu- 
tate Camelinat, Fortin der letzte noch lebende 
„Richter“ der ermordeten Geissei, des weiteren 
Yaughan, der hinkende Lisbonne, der Eigenthümer 



Digitized by Googli 



Unter Revolutionären. 



1.'5 



der „Taverne du Bagne“ u. s. w. u. s. w. Beim 
Dessert erschien endlich die längst erwartete 
„Louise“. Ich habe Louise erst kürzlich beschrieben, 
es ist daher überflüssig, zur Charakterisirung dieser 
„grossen Bürgerin“, die man in den letzten Tagen 
bei ihren Propaganda-Ausflügen in die Umgebung 
von Paris überall mit faulen Eiern bewarf, noch 
etwas zu sagen. Louise hielt zwar eine zündende 
Ansprache, allein das Gezwungene in ihrer Hal- 
tung, die Abwesenheit des flammenden Feuers 
ihrer Augen, sowie die merklich zitternde Stimme, 
waren für mich hinreichende Anzeichen, dass auch 
Louise schon der Ansicht sei, die ganze revolu- 
tionäre Comödie sei nicht einmal mehr Kinder zu 
erschrecken geeignet. Nach einigen kurzen An- 
sprachen confusen Inhaltes begann man Grup- 
pen zu bilden, Cigaretten zu rauchen und von 
gleichgiltigen Alltagsdingen zu plaudern. Wirklich, 
eine gemüthlichere revolutionäre Gedenkfeier kann 
man sich kaum denken. 



Digitized by Google 




Die Feste „du commerce et de l’industrie” 
und das militärische Caroussel auf dem 
Marsfelde. 

Der besonders harte Winter, dessen Unbil- 
den auch am Seine-Strande in sehr empfindlicher 
Weise verspürt worden waren, liess die wirt- 
schaftliche Ungunst der Zeiten auf der franzö- 
sischen, insbesondere Pariser Bevölkerung schwerer 
denn je lasten. Die Klagen über schlechte Zeiten 
und Greschiiftsstockung häuften sich von Tag zu 
Tag in geradezu erschreckender Weise und Yiele 
begannen in erster Linie direkt die Regierung 
und die republikanische Staatsform in zweiter 
Linie für den herrschenden Marasmus verantwort- 
lich zu machen. 

Paris lebt von den Fremden, hiess es, und 
die Regierung der Republik thut absolut nichts, 
um in die Hauptstadt die Fremden, dieses tägliche 
Brod der Stadt Paris, zu locken. Die Regierung 
gibt keine Festlichkeiten, arrangirt keine Lust- 
barkeiten, schrie man von allen Seiten ; Paris ist 
traurig, todt und deswegen fliehen die Fremden 



Digitized by Google 




Die Feste „du commerce et de l’industrie 



157 



aus seinen Mauern. Diese Klagen, welche übrigens 
nur sehr begründet waren, veranlassten eine Reihe 
bekannter Journalisten und Politiker, denen sich 
viele Kaufleute und Industrielle anschlossen, ein 
Comite in’s Leben zu rufen, welches die Arran- 
girung grosser Feste für das laufende Frühjahr 
in Angriff nahin. Anfangs plante man einen histo- 
rischen Festzug in den Strassen von Paris abzu- 
halten und diesen Strassen für diese Gelegenheit 
nach Thunliehkeit den Anstrich zu verleihen, den 
sie im Mittelalter hatten. Man wollte derart im 
Costüme der dargestellten Zeit die wichtigsten 
Momente aus der Geschichte der Stadt Paris, d. h. 
Frankreichs, den nach Hunderttausenden zählenden 
Zuschauern in lebendigen Bildern vorführen. Die 
Ausführung dieser Idee musste jedoch aus vielen 
Gründen, die hier umständlich zu erörtern für den 
verehrten Leser ermüdend wäre, aufgegeben werden, 
und das Journalisten- und Stadtväter-Comite — 
der Gemeinderath nahm sich natürlich der Sache 
an — welches auf stolzen Schiffen in’s Meer der 
Illusionen und imaginären Combinationen hinaus- 
gesegelt war, musste auf der winzigen Barke kaum 
über die Alltäglichkeit hervorragender Feste in’s 
Reich der Realität zurückkehren. 

Um nicht resultatlos auseinander zu gehen, 
veranstaltete man die Festlichkeiten, welche Mitte 
Mai im Tuilerien-G arten ihren Anfang nahmen und 
die di ei Wochen hindurch, den Versprechungen des 



Digitized by Google 




158 



Die Feste „du commerce et de l’industrie 



Comites gemäss, eine Fluth von Fremden nach 
Paris brachten. 

Diese Feste min , haben zwar in keiner 
Hinsicht die stolzen Tiraden gewisser chauvini- 
stischer Blätter auch nur im Entferntesten gerecht- 
fertigt ; denn das Hirngespinnst, das moderne Paris 
für einige Tage oder nur für Stunden in ein Paris 
des Mittelalters zu verwandeln, ist einfach un- 
durchführbar; allein dessen ungeachtet war das, 
was geboten wurde, in hohem Grade ergötzend 
und belustigend, ja gleichzeitig sogar belehrend. 
Trotz schlechten Wetters und rauhen Windes 
strömten die Pariser in hellen Schaaren in den 
Tuileriengarten, in dem das erste grosse Fest zur 
Hebung des Handels und Yerkehrs abgehalten 
wurde. 

Da es allgemein bekannt ist , dass Fran- 
zosen überaus geschickte Arrangeure von Fest- 
lichkeiten sind und andererseits die Mittheilung, 
dass für dieses Fest ungefähr 250.000 Francs ver- 
ausgabt wurden, ziemlich schnell sich verbreitet 
hatte, betrat man den, im Vorbeigehen gesagt, 
wundervoll decorirten Park mit hochgespannten 
Ansprüchen. Zur Ehre des Leiters des ganzen 
Unternehmens , des Directors des städtischen 
Bauamtes, Herrn Alphand, müssen wir sofort 
erwähnen, dass die gebotenen Ueberraschungen 
alle Welt, ohne Ausnahme, aufs Höchste ent- 
zückten. 



Digitized by Googli 




und das militärische Caroussel auf dem Marsfclde. 159 



Insbesondere war es der historische Theil 
der Festlichkeit, welcher das grösste und unge- 
teilte Interesse des Publikums wachrief. Im 
Centrum des Parkes wurde das alte „Hameau 
des Porcherons“, mit dem „Chateau des Porche- 
rons“ mit grosser historischer Treue wieder in’s 
Leben gerufen. „Ilameau und Chateau des Por- 
cherons“ heissen eigentlich Dorf und Schloss der 
Schweinehüter und diese Ausdrücke sind gewiss 
keineswegs geeignet bei Ausländern, die Paris nur 
oberflächlich kennen, irgend welche freudige Ge- 
fühle oder Erwartungen zu erwecken. Wer jedoch 
mit der Geschichte der Stadt Paris unter den 
Bourbonen eingehender sich befasst hat, der wird 
bei dem Worte „llameau des Porcherons“ freudig 
aufspringen und ein seliges, mitunter vielleicht 
sarkastisches Lächeln wird seine Lippen umspielen. 
Dieses Wort kennzeichnet eine ganze Welt, die 
schon längst verschollen, bedeutet eine Epoche, 
in welcher die Galanterie bis zu einer Perfection 
ausgebildot wurde, von der selbst wir moderne 
Pariser, die officiellen Sodomiten und Bewohner 
von Gomorrha, nur eine kaum vage Ahnung haben. 

Dort, wo jetzt der St. Lazarer Bahnhof steht, 
also im Ceutrum des jetzigen Paris etwa 1000 Schritte 
von der grossen Oper, auf den sanften Anhöhen 
des Quartiers der internationalen Galanterie, welches 
Pascha Hausmann in richtiger Vorahnung des in- 
ternationalen Ursprunges der schönen Sünderinnen, 



Digitized by Google 




160 



Die Feste „du commerce et de l’industrie 



die liier ihr Hauptquartier aufschlagen sollten, 
„Quartier l’Europe“ taufte, gab es vor etwa 200 
Jahren auch noch keine Spur von menschlichen 
Behausungen. Unbebaute, brachliegende Felder, 
mit üppig wucherndem Grase bedeckte Wiesen, 
hie und da kleine Gärtchen mit Landhäusern war 
Alles, was auf der Stätte eines der glänzendsten 
Stadttheile des modernen Paris vor kaum 200 
Jahren zu sehen war. Die Schafhirte und Schweine- 
hüter schlugen sehr bald hier ihr ambulantes 
Quartier auf und die oben erwähnten lieblichen 
Yierfüssler waren fast das einzige belebende Ele- 
ment in dieser kaum interessanten Scenerie. Mit 
der Zeit mochten wohl hier einige Schänken ent- 
standen sein, in welchen die seltenen Wanderer 
Erfrischungen suchten oder die durstigen Hirten 
Eins über den Durst tranken. 

Unter Ludwig XLV. kam dieser Theil der 
Umgebung von Paris plötzlich in Mode. 

Die galanten Hofdamen und berüchtigten 
Marquisen aus der Zeit Ludwigs XIY. und der 
Regentschaft begannen plötzlich das „Hameau 
des Porcherons“ zu besuchen. Dieses „Hameau“ 
(Weiler) zählte nur Schänken, von denen zwei 
einen historischen Weltruf erlangten. Diese zwei 
Kneipen hiessen : „Chateau des Porcherons“ und 
„Cabaret Ramponneau“, auch „au Tambour royal“. 
Insbesondere die Kneipe zum „Königlichen Tam- 
bour“ von „Messire Jean Ramponneau“ gehalten, 



Digitized by Google 



und das militärische Caroussol auf dem Marsfelde. 161 



spielte in der socialen Geschichte der Regentschaft 
eine grosse Rolle. Hier versammelten sich die 
wahren Trinker, denn nirgends gab es einen so 
köstlichen „petit vin clairet“ (kleiner Landwein, 
Naturwein) wie bei Ramponneau. Hie Literaten und 
aufgeweckten Geister schmauchten hier ihre Pfeifen, 
schlürften den alten Burgunder und trieben Bierbank- 
politik. In dieses „Cabaret Ramponneau“ eilten auch 
nur zu oft die schönen Marquisen und Gräfinnen des 
Hofes, als Grisetten verkleidet, um einen lustigen 
Menuet mitzuspringen, denn keine Capelle der Welt 
soll diesen Menuet in so melancholischer und 
gleichzeitig hinreissender Weise zu executiren ge- 
wusst haben, als die vier Musikanten des Capell- 
meisters „Maitre Gringoire“, die in Ermanglung 
von Stühlen auf leeren Fässern sassen und den 
ganzen Tag auf ihren Geigen loskratzten. Oft 
kamen auch die feinen Herren und feinen Damen 
in grosser Galatoilette, Fürstinnen, Herzoginnen 

— ja sogar Könige — sie mischten sich unter 
das gewöhnliche Volk der Trinker und tanzten 
ihr Menuet mit lvrethi und Plethi als Nachbar 
oder vis-ä-vis. 

Diese historische Schänke, so wie die anderen, 
welche um dieselbe Zeit rings um das Cabaret 
Ramponneau entstanden waren, grub nun Herr 
Alphand in geradezu meisterhafter Weise aus. 
Sceneric , Dccoration, Beleuchtung, Bedienung 

— alles war echt — nicht einmal die literarisch 

Beruh Frey, Pariser Leben 1 1 



Digitized by Google 




162 



Dio Feste „du commerce et de l’industrie 



verewigten vier Musikanten mit ihrem Meister 
Gringoire fehlten. Sie sassen auf wurmstichigen 
Fässern und „kratzten“ wacker zu, während rei- 
zende Ilococco-Marquisen in echten Costümen der 
damaligen Zeit am Arme galanter bepuderter Ca- 
valiere die symetri'schen und beinahe rhythmischen 
Evolutionen des Menuets ausführten. 

Diese so allgemein bekannten Kneipen des 
verflossenen Jahrhunderts waren selbstverständlich 
der Hauptanziehungspunkt des Festes, denen jeder 
Besucher in erster Linie zuströmte. Anstossend an 
die historischen Kueipen war das Theater aus 
der guten alten Zeit placirt worden, nämlich das 
„Theatre en plain air“. 

Auf dieser Bühne der früheren Jahrhunderte, 
die wie übrigens allgemein bekannt, herzlich pri- 
mitiv war, gab es keine hinteren Prospecte und 
die einzige Decoration des Hintergrundes der Bühne 
waren dichte grüne Hecken, während stämmige 
schattenspendende Bäume die Bolle der Coulissen 
ersetzten. Die Aeste dieser Bäume dienten natürlich 
im Bedarfsfälle als Soffiten. Diese Bühne im „Freien“ 
macht unstreitig auf uns raffinirte Theatermenschen 
der Grossstadt einen erbärmlichen Eindruck und 
wiewohl wir in der Regel bei solchen Gelegenheiten 
über die liebe Einfalt unserer Urgrossväter uns 
herzlich lustig machen, so folgen wir dennoch den 
Vorgängen auf dieser urprimitiven Scene mit viel 
mehr Aufmerksamkeit, als den Fluctuationen eines 



Digitized by Google 




und das militärische Caroussel auf dem Marsfclde. 163 



modernen Bühnenerzeugnisses auf einer — in 
technischer Beziehung — tadellosen Scene. Warum? 
W r eil dieses „Theater im Freien“, auch „Blumen- 
theater“ genannt, uns gar zu lebhaft an unsere 
Kinderjahre erinnert, an die Qualen und Kämpfe, 
-die wir mit hartherzigen Gouvernanten oder strengen 
Müttern zu bestehen hatten, um den Vorstellungen 
wandernder Comödianten, Seiltänzer etc., die streng 
genommen nur ein „Theater im Freien“ sind, bei- 
wohnen zu können ; — weil diese plumpe Naivität 
■der Scene und ihrer Vorgänge, diese bemitleidens- 
werthe Einfalt uns Städter denn doch gar zu sehr 
-entzückt und fesselt. Auf diesem primitiven The- 
ater wurde in entsprechenden Intervallen den 
ganzen Nachmittag und Abend hindurch ein Ballet 
aus der Rococcozeit : „La Manuba“ in geradezu 
vorzüglicher Weise executirt. 

Abgesehen von diesen Lustbarkeiten mit 
historischen Reminiscenzen, gab es im Tuilerien- 
garten in Hülle und Fülle Kurzweil hochmodern- 
ster Natur. Der ganze immense Garten w r ar in 
-eine echt pariserische Kirmesse verwandelt. Gaukler, 
Schlangenbändiger, Camelots aller Art, Thierbän- 
diger, Feuerfresser etc. priesen in der geräusch- 
vollsten Weise der Welt ihre Vorstellungen, 
respective Künste, an. An Schiessstätten, Ringel- 
spielen, Buden, in denen man seine Kraft erpro- 
ben, sich wiegen oder den Hitzegrad seines Blutes 
messen konnte, fehlte es ebenfalls nicht. 

11* 



Digitized by Google 



164 Die Feste „du commerce et de l’industrie“ 

Um 6 Uhr Abends wurde der Park geräumt,, 
um gegen 8 Uhr dem Publikum wieder eröffnet 
zu werden. Während dieser kurzen Intervalle von 
nur zw r ei Stunden, wurden in fieberhafter Hast 
alle Vorbereitungen zur glänzenden Illumination 
getroffen. In der That bot auch der k giorno be- 
leuchtete Park einen geradezu feenhaften Anblicke 
Das grelle eleetrische Licht, sowie das anscheinend 
wie mit einem Trauerflor umgebene, bei weitem 
dunklere Gaslicht wurde vom reichlichen Laub der 
uralten Kastanienbäume reflectirt und gebrochen. 

In den Alleen herrschte ein ganz eigen- 
tümliches Gemisch von Helle und Dunkelheit, 
welches zur Träumerei direct herausforderte. Ala 
schliesslich noch der Mond den Beleuchtungs- 
künstlern zu Hilfe kam und über die ganze Scenerie 
sein mildes silbernes Licht goss — da hätte man 
fast schwören können, dass man sich in einem 
Zauberlande befinde. 

Doch der Glanzpunkt aller dieser Feste w'ar 
das militärische Caroussel, welches am 21. und 
23. Mai auf dem Marsfelde ab gehalten wurde und 
zu dem man aus Afrika 2 Escadronen Spahia 
speciell bezogen hatte. Seit dem Sturze derNapoleo- 
niden hatte Paris ein derartiges Fest nicht ge- 
sehen, da die Republikaner eben keineswegs dem 
cäsarischen Spruche huldigen, dass man dem Volke 
blos „Brod und Spiele“ zu bieten brauche, um 
ihm widerstandslos die Freiheit zu rauben. Die 



Digitized by Google 



und das militärische Caroussel auf dem Marsfelde. 165 



Ankündigung, dass ausnahmsweise in diesem Jahre 
ein militärisches Caroussel auf dem Marsfelde ab- 
gehalten werden würde, rief daher in Jedermann 
die Sehnsucht wach, diesem Feste beiwohnen zu 
können. 

Das Marsfeld, dieser colossale, dem Trocadero- 
Palast gegenüberliegende Exercierplatz, auf dem 
im Jahre 1878 die Wunder der letzten Pariser 
Weltausstellung zu sehen waren, bildete daher an 
diesem Tagen den Wallfahrtsort, zu dem nicht nur 
das ganze elegante Paris des Boulogner Hölzchens 
und der Rennplätze, sondern auch das arbeitende 
und rastlos schaffende Bürgerthum in hellen Schaaren 
pilgerte. Als ich knapp vor Beginn des Festes, 
die der Presse reservirte Tribüne betrat, bot sich 
meinem Auge ein Bild dar, wie man es in der 
That nur bei ganz ausserordentlichen Gelegenheiten 
erblicken kann. Auf den immensen Tribünen, die 
zum Einsinken voll waren, eine compacte, festlich 
gekleidete Menschenmasse, unter der die Damen- 
welt unstreitig in der Majorität war. Yor uns das 
weite Exercierfeld mit seinem milchweissen Kiese, 
im Hintergründe die gigantischen Silhouetten der 
massiven Bauten, welche die Ecole militaire bilden, 
während dazwischen eine Unzahl schwarzer Punkte, 
welche in geschäftiger Geschwindigkeit vor der 
Front dieser langen grauen Bautenmassen hin- 
und herschiesseii, — die Rosse und Reiter, welche 
vor der Hand, in Anbetracht der grossen Entfer- 



Digitized by 



166 Die Feste „du commerce et de l’industrie“ 

nung, von den Zuschauern für massig grosse Yögel 
gehalten werden. 

Bei Weitem interessanter als der Hinter- 
grund dieses riesigen Gesammtbildes ist der An- 
blick der beiden Seitenflächen. Das ganze Mars- 
feld entlang, zu beiden Seiten des eigentlichen 
Exercierfeldes, wurden nämlich colossale Terrains 
dem kleinen Publikum, das blos einen Franc Entree 
bezahlte, zur Verfügung gestellt. Um besser sehen 
zu können, brachten die Meisten Bänke, Stühle, 
Tische etc. mit, auf welchen Männer, Frauen und 
Kinder trotz Staub und Hitze, unbequem stehend, 
über drei Stunden ausharrten. Speculative Ge- 
schäftsleute hatten eine grosse Anzahl Leiter 
herbeigeschleppt, deren einzelne Sprossen gegen 
theueres Geld als Aussichtspunkte vermiethet wur- 
den. Flüchtige, aus Bretter und Latten in Eile 
zusammengezimmerte, baufällige Tribünen waren 
von Menschen überfüllt, ja sogar die Bäume trugen 
zweifüssige lebende Früchte. Liess man das Auge 
seitwärts in die weite Ferne schweifen, so sah 
man die Dächer, Balcone und Fenster der breiten 
Avenuen, welche zu dem Marsfelde führen, von 
schaulustiger Menge buchstäblich schwarz. 

Sofort nach Erscheinen des Präsidenten der 
Republick wurde das Zeichen zum Beginne des 
Caroussells gegeben , und die ungeheuere Staub- 
wolke, die den Tribünen immer näher kam, das 
dumpfe Gebrause, welches die Luft erfüllte, waren 



Digitized by Googli 



und das militärische CarouRsel auf dem Marsfelde. 167 



die sicheren Vorboten, dass die Escadronen im 
Galopp henfnsprengen. Bald sah man auch ein- 
zelne Helme im Sonnenscheine glitzern, die Köpfe 
der Pferde und Reiter wurden auch mitunter an 
Stellen, wo der Staub weniger dicht war, wie eine 
flüchtige Vision sichtbar, und schliesslich konnte 
man die lange glänzende Linie der galoppirenden 
Cavalleristen bewundern, die mit sausender Ge- 
schwindigkeit den Tribünen zuflogen, um durch 
mehrmaliges Senken des erhobenen Säbels das 
Staatsoberhaupt zu begrüssen. 

Das Centrum der Cavalcade war durch 4 Es- 
cadronen Dragoner gebildet, die Flügel durch die 
Cavallerie-Cadettenschule von Saumur und die 
Militär- Akademie von St. Cyr. Hierauf nahmen 
die Dragoner an den Seiten der Arena Aufstel- 
lung, während die Cadetten unter Anführung des 
Oberstlieutenants Bellegarde ihre Evolutionen aus- 
zuführen begannen. Die verschiedenen Gangarten, 
das Nehmen der Hindernisse im Trab und Galopp, 
das Ansprengen ganzer Abtheilungen mit verhäng- 
ten Zügeln — und plötzliche Stillstehen, auf Com- 
mando, das Quadrillereiten — kurz alle Spiele 
eines militärischen Caroussels wurden mit seltener 
Präcision ausgeführt. Allerdings waren zu diesen 
Spielen eben die besten Reiter der Cavallerie- 
schulen commandirt worden, durchweg stramme, 
schlanke und schmucke Reitergestalten von seltener 
Behendigkeit und auserlesener Kraft. 



Digitized by Google 



168 Die Feste „du commerce et de l’industrie“ 

Zum Schlüsse führten die beiden Abtheilungen 
— Saumur und St. Cyr — eine Reiterschlacht auf. 
Den Säbel über dem Kopfe schwingend, sprengten 
die Gegner im tollsten Galopp gegeneinander an, 
die Reihen lockerten sich und die Reiter geriethen 
an einander. Man hörte ein schreckliches Geklirre 
der sich kreuzenden Säbel und schloss unwillkürlich 
die Augen. Als man dieselben wdeder öffnete, 
galoppirten schon die beiden feindlichen Abtheilun- 
gen in entgegengesetzten Richtungen, um sich zu 
einem neuen Angriffe zu formiren. 

Nach einer kurzen Zwischenpause ging ein 
„Ah“ des Entzückens durch die Menge. Die so 
heiss und sehnsüchtig erwarteten Spahis betraten 
die Arena. 

Die Spahis sind arabische Reiter, die zwar 
von französischen Officieren commandirt werden, 
aber keineswegs einer Disciplin, wie sie in mo- 
dernen Militärstaaten geübt wird, unterworfen sind. 
Diese arabische Reiterei ist ein Elite - Corps, 
zu dem nur die Aristokratie des Wüstenvolkes, 
die Söhne der mächtigen Feudalherren der Sand- 
steppe, Zutritt haben. Jeder Reiter muss beim 
Einreihen in eine Spahis-Escadron sein eigenes 
Pferd und die Ausrüstung mitbringen. Sie werden 
nicht kasernirt und garnisoniren auch nicht in den 
Städten. Sie wohnen an der Lisiere der Wüste 
in sogenannten Smalas — Dörfer, wie sie Nomaden- 
völker zu gründen pflegen — , treiben dort Land- 



Digitized by Googl 




und das militärische Caroussel auf dom Marsfelde. 169 

wirthschaft und Viehzucht, sind jedoch jederzeit 
bereit, unter den Befehlen der französischen 
Offiziere Räuber oder Rebellen bis in die ent- 
ferntesten Schlupfwinkel der heissen Wüste zu ver- 
folgen. Solch eine Smala besteht aus einem 
„Karavanserei“ benannten grösseren Gebäude, in 
welchem die Offiziere wohnen und aus einer Reihe 
luftiger Hütten, in denen die Spahis mit ihren 
Frauen und Kindern sich aufhalten. Jeder Spahi 
ist' ein geborener Reiter, wie der Zigeuner ein 
geborener Musikant ist. Die Hauptforce der Spahis 
besteht in einem tollen Ritte, den man „Fantasia“ 
nennt. Sie schiessen paarweise im sausenden 
Galopp einher, dass es dem Zuschauer vor den 
Augen flimmert. 

Diese „Fantasia“ ist eine Ehrenbezeugung. 
Knapp vor der auf diese Weise zu ehrenden Per- 
sönlichkeit werden, während des tollkühnsten Ga- 
loppes, die Büchsen abgefeuert, mit einem Auf- 
schrei hierauf hoch in die Lüfte geworfen und 
mit seltener Geschicklichkeit und sicherer Hand 
aufgefangen. Dabei richtet sich der Spahi, der 
beinahe vollständig in der Mähne seines pfeil- 
schnellen Renners verborgen war, beim Abschiessen 
stolz zu seiner ganzen Grösse in dem Bügel ste- 
hend auf ; ein Druck mit dem Knie noch und Ross 
und Reiter bleiben jählings, wie wenn sie plötzlich 
versteinert worden wären, knapp vor dem Fremdling 
stehen. 



Digitized by Google 




170 



Die Feste „du commerce et de l’industrie 



Hier führten die Spahis während der Exe- 
cution der „Fantasia“ die wunderbarsten und 
verblüffendsten Reiterstückchen aus. Bald hoben 
sie während des wahnsinnigen Galoppes ihre 
absichtlich nach vorne geworfenen Gurte im Vorbei- 
laufen von der Erde auf, bald führten sie die 
schwierigsten Jongleur - Kunststücke mit ihren 
Karabinern aus. 

Nach der „Fantasia“, die einen an Delirium 
grenzenden Beifall hervorrief, boten uns die 
Bpahis eine heimische Kriegsscene. Eine Proviant- 
Kolonne, die von einer Escadron Dragoner be- 
deckt war, wurde von diesen Spahis angegriffen. 
Während diese Kolonie im gestreckten Galopp 
herbeisauste, begannen zuerst einzelne Araber auf 
ihren schnellen Rossen, trotz des Schiessens der 
Dragoner, dem Konvoi sich zu nähern. Bald er- 
schienen ganze Schwärme arabischer Reiter am 
Horizonte, einzeln, mit fabelhafter Geschwindigkeit 
im Zick-Zack herumschiessend. Die schnaubenden 
Rosse sah man wohl deutlich, aber die Reiter 
waren nicht zu sehen. Bald in der Mähne des 
Pferdes versteckt, bald zur Hälfte unter dem Bauche 
desselben verborgen, blos mit einer Hand sich am 
Halse festhaltend, verstehen diese Spahis mit 
unglaublicher Geschicklichkeit ihre Pferde zu lenken. 
Schliesslich in entsprechender Nähe angelangt, 
richten sie sich hoch auf und feuern mit sicherer 
Hand ihre Büchsen ab. Dieser wilde, leidenschaft- 



Digitized by Google 



und das militärische Caroussel auf dem Marafelde. 171 



liehe und europäische Nerven erschütternde Angriff 
der braunen, wie Eschen schlanken Gesellen ver- 
setzte das Publikum in eine so hochgradige Auf- 
regung, dass dem dritten Theile des Programms 

— verschiedene Reiter-Evolutionen der Dragoner 

— absolut keine Aufmerksamkeit mehr gezollt 
wurde. 



Digitized by Google 



Der Grand Prix de Paris. 



Der Monat Juni hat für die Pariser Gesell- 
schaft in der Regel eine ganz besonders wichtige 
Bedeutung, da in diesem Monate die Saison des 
Winteraufenthaltes in der Stadt officiell und defi- 
nitiv geschlossen wird. Die letzten Tage vor Schluss 
werden noch dazu benutzt, um etwaige gesell- 
schaftliche Schulden nach links oder rechts in aller 
Eile zu tilgen. Madame veranstaltet öfter als sonst 
Diners und Soireen, macht des Nachmittags häufig 
Besuche, während sie den ganzen Vormittag mit 
eifrigen Verhandlungen mit den Couturieres und 
Modistinnen verbringt. Gibt es doch so viel noch 
zu richten, bevor man dem staubigen Paris für 
mehrere Monate den Rücken kehrt, dass wir uns 
in der That nicht wundern dürfen, wenn die ele- 
gante Modedame während der reizendsten Monate 
des Jahres, die da Mai und Juni heissen, und 
welche, in Parenthese bemerkt, im laufenden Jahre 
mit dem berüchtigten November eine ganz ver- 
zweifelte Äehnlichkeit hatten, — kaum Zeit findet, 



Digitized by Google 



Der Grand Prix de Paris. 



173 



gelegentlich in’s Bois zu fahren oder irgend ein 
Theater zu besuchen. 

In der Regel wird nun das Auflösungsdecret 
der Pariser 'Wintergesellschaft in einer feierlichen 
Schlusssitzung, die auf dem Hippodrome von Long- 
champs inmitten des Boulogner-Hölzchens abge- 
halten wird und der die ganze „Monde“, wie dio 
„Demimonde“ beiwohnt — unter der obligat ge- 
wordenen Begleitung von Pferdegetrappel und 
Wiehern alljährlich anfangs Juni verlesen. Die 
Schlusssitzung, in Sports-, sowie populären Kreisen, 
sonst „Grand-Prix de Paris“ genannt, übt eine 
so ausserordentliche Anziehungskraft auf Jung und 
Alt aus, dass schon in den ersten V ormittagsstunden 
dieses wichtigen Tages Paris seine gewohnte All- 
tagsphysiognomie abstreift. 

Der Grand-Prix ist eben trotz seines verhält- 
nissmässig noch jungen Alters — in diesem Jahre 
feierte man sein dreiundzwanzigjähriges Geburts- 
fest — schon zu einer Art von traditioneller Pro- 
menade geworden. Ganz Paris ist an diesem Tage 
auf den Beinen. Ist doch dieser Tag ein officielles 
Modefest par excellence, an dem man die Costüme, 
welche man auf die sandigen Gestaden der See- 
bäder, in den luftigen Salons der Curorte tragen 
wird, zum ersten Male in die Welt einführt, um 
von dieser mit Bewunderung oder Missbilligung 
zur Kenntniss genommen zu werden. Der Grand- 
Prix zählt ausserdem zu den grössten Feiertagen 



Digitized by Google 



174 



Der Grand Prix de Paris. 



im Leben der unteren Classenj welche sonst um 
Sonntage und andere Kirchenfeiertage sich wenig 
zu bekümmern pflegen. An diesem Tage wird der 
gewohnten Tretmühle Yalet gesagt, und Männlein 
und Weiblein ziehen gegen die saftig grünen Fluren 
des Boulogner-Hölzchens, um die „Gens chic“ zu 
sehen und zu bewundern, Bekanntschaften zu 
machen, Liebesintriguen zu spinnen und in den 
umliegenden Schänken und Cabarets, die ad hoc 
aufgerichtet werden, zum Ruhme des französischen 
Siegers zu poculiren oder bei zahllosen Bocks 
gegen das perfide Albion, dessen Ross die Sieges- 
palme davongetragen, weidlich zu schelten. 

Seit drei Jahren vollends hat der Grand-Prix 
für die unteren Classen noch bedeutend an Werth 
gewonnen, da das Syndicat der Pariser Presse an 
diesem Tage ein Volksfest zu Gunsten „der Opfer 
der Pflicht“ veranstaltet, welches in der hier be- 
liebten euphemistischen Sprache „Fete des fleurs“ 
oder „bataille des fleurs“ benannt wurde. Um den 
mässigen Eintrittspreis von nur 59 Cents betritt 
man nach dem Rennen den abgesperrten Theil 
des Hölzchens und hat die erwünschte Gelegen- 
heit einer grandiosen Kirmesse beizuwohnen, auf 
der für Jung und Alt allerlei Kurzweil zu finden ist. 

Prachtvolles Wetter ist selbstverständlicher 
Weise die erste Vorbedingung eines gelungenen 
Grand-Prix-Rennens. Wenn am Morgen eines 
solchen bedeutungsvollen Tages der Himmel zu 



Digitized by Google 



Der Grand Prix de Paris. 



175 



Ehren desselben sein schillernd blaues Gewand an- 
gelegt und der ängstlich prüfende Blick der schau- 
lustigen Pariser weit und breit keinen einzigen 
dunklen Punkt auf dem Horizonte entdeckt hat, 
beginnt in der Riesenstadt ein ganz eigenthüm- 
liches Leben zu herrschen; die Strasse und der 
öffentliche Platz bieten eben eine Ausnahmsphysiog- 
nomie. Schon in den ersten Vormittagsstunden 
sieht man ganze Karawanen kleiner Bürgersleute, 
die mit Kind und Kegel, mit Mundvorrath für den 
ganzen Tag versehen, gegen das Bois de Bologne 
pilgern. Was genirt den schaulustigen Pariser ver- 
sengender Sonnenbrand, wenn es zu „sehen“ heisst. 
Um der guten Plätze willen lassen sich ja die Leute 
stundenlang von der Sonne braten, athmen sie mit 
wahrer Todesverachtung den ganzen Tag hindurch 
Staubwolken auf Staubwolken ein. Der Anblick, 
den der Franc-Platz an einem von schönem Wetter 
begünstigten Tage des Grand-Prix etwa um die 
Mittagsstunde gewährt, ist ein im höchsten Grade 
pittoresker, und offen gestanden, wundert es uns, 
dass noch kein Maler sich gefunden, um dieses 
eigenartige Schauspiel auf Leinwand zu fixiren. 

Der ganze immense Platz ist mit Menschen 
halb und halb gefüllt, die in kleineren und grös- 
seren Gruppen auf dem Rasen lagern, mit lleiss- 
hunger ihr frugales Mal verzehrend. Um sich vor 
der Sonne theilweise zu schützen, werden die 
Röcke an den Stöcken befestigt und im inmgi- 



Digitized by Google 




170 



Der örand Prix de Paris. 



nären Schatten wird der Flasche lauwarmen 
W eines fleissig und munter zugesprochen. Dabei 
werden die Chancen des bevorstehenden Rennens 
von den Männern eitrigst discutirt, während die 
Frauen im Torgefühle der Toilettenwunder, die 
sie zu sehen bekommen werden, schwelgen. 

Der gegenüber dem ein Franc-Platz gelegene 
Sattelraum, die vornehme „enceinte du pesage“, 
welche nur kleine Millionäre, die diesen Luxus mit 
baaren 20 Francs bezahlen können, betreten dürfen, 
ist der Tummelplatz des ganzen eleganten %nd 
modernen Paris, des sogenannten „Tout Paris“. * 

Hier kreuzt sich die vornehme Standesdame 
mit ihrer natürlichen Todfeindin, der Priesterin der 
freien Liebe, hier ist das officielle Paris, von dem 
Präsidenten der Republik angefangen bis zu dem 
kleinsten und unbekanntesten Deputirten hinab, 
vollzählig versammelt. Presse, Literatur, Lebe- 
und Finanzwelt strömt in hellen Schaaren herbei, 
um mit Abenteurern aus aller Herren Länder, 
deren hochfahrende Adelstitel in keinem Almanach 
zu finden sind, die unzählige Male mit Orden, 
deren Provenienz Niemand kennt, decorirt wurden, 
kurz mit allen diesen Rittern der finanziellen 
Highway oder der industriellen Mausefallen, deren 
Namen, Herkunft, Stand und Beschäftigung unbe- 
kannt sind und die durch „Gimpelfängerei“ Mil- 
lionen erworben haben, sich zu vermengen. 

Diese ganze zweifelhafte Welt macht sich in 



Digltized by Google 



Der Grand Prix de Paris. 



177 



pfauenhafter Selbstgefälligkeit breit und entfaltet 
einen Reichthum, einen Glanz und eine Pracht, 
wie sie die phantasievollsten orientalischen Mär- 
ehendichter kaum zu ersinnen im Stande wären. 
Dem prosaischen Renngeschäfte wird hier anfangs 
— mit Ausnahme des zahlreichen englischen Con- 
tingentes — nur sehr wenig Aufmerksamkeit 
gewidmet und unter dem Yorwande, die edlen 
Vollbluts zu lorgnettiren , ruht das bewaffnete 
Auge minutenlang auf einer bestgehassten Rivalin, 
mit der eingehenden Analyse ihrer Toilette oder 
ihres künstlich präparirten Teints beschäftigt. 

Den drei ersten Rennen wird übrigens offi- 
ciell keine Aufmerksamkeit geschenkt und im 
tollen Tohuwabohu, den diese Welt erzeugt, 
gehen Signale, Pferdegetrappel, sowie Siegesrufe 
beinahe vollständig verloren. 

Zu Beginn des vierten Rennens, dessen Sieger 
den Grand Prix de Paris heimträgt, ändert sich 
das Schauspiel. Die Mode gebietet, dass jede ihrer 
Jüngerinnen irgend einem Bookmaker für das Ross 
ihrer Wahl einige Louis als Tribut entrichte. Die 
materielle Frage, die aufregende Alternative des 
Gewinnens oder des Yerlierens bringt die uner- 
müdlich plappernden Mündchen zum Schweigen, 
verscheucht alle Liebes- und Ilassesgedanken aus 
den reizenden Köpfchen. Die Conversation ver- 
stummt, das helle Lachen verklingt und lautlose 
Stille lagert auf dem ungeheueren Felde. Man er- 

Bernh Frey, Pariser Leben. 12 



Digitized by Google 





178 Der Grand Prix de Paris. 

hebt sich von den Sitzen, man beugt sich nach 
vorwärts ; die feinbehandschuhte Hand ballt sich 
zur Faust, das zierliche Füsschen stampft vor Auf- 
regung, und Kopf an Kopf gedrängt verfolgt die 
Menge mit einer ängstlichen Spannung, die das 
Herz schneller schlagen macht, die einzelnen Phasen 
des erbitterten Pferdekampfes, der für die Börsen 
der Zuschauer von capitaler Bedeutung ist. 

In diesem Jahre zog den Parisern ein 
unbarmherziger Gott, der Jupiter Pluvius sich 
nennt, einen argen Strich durch die Grand-Prix- 
Rechnung. Zwei Tage lang regnete es in Strömen 
und bei Anbruch des dritten, des Grand-Prix-Tages, 
war der Himmel hoch immer grau in grau. Allein 
dessen ungeachtet waren Tribünen und Sattelraum 
äusserst gut besucht, da in Anbetracht des oben 
erwähnten, fast ofliciellen Charakters dieses Tages 
kein rechter und echter Gesellschaftsmensch es 
wagen würde, ohne triftige Gründe eine solche 
schwere gesellschaftliche Unterlassungssünde, wie 
das Nichterscheinen beim Grand-Prix , sich zu 
Schulden kommen zu lassen. Selbst strömender 
Regen wäre in solch’ einem Falle kein triftiger, 
sondern höchstens ein „triefender“ Grund, und 
keine elegante Pariserin würde sich selber so weit 
erniedrigen, um ihr Fernebleiben vom Grand-Prix 
mit schlechtem Wetter zu entschuldigen. Einfach 
aus Furcht für ein verweichlichtes, durch und 
durch schwächliches Geschöpf gehalten zu w'erden. 



Digitized by Googlej 




Dor Grand Prix do Paris. 



179 



Seit einiger Zeit ist es nämlich hier unter dem 
schönen Geschlecht Mode geworden, dem altehr- 
würdigen Epitheton der Frauenwelt : „Schwaches 
Geschlecht“, den erbittertsten Krieg zu erklären. 
Die Pariserinnen gestatten es noch immer, dass 
man sie schön nenne, wollen aber keineswegs mehr 
zugeben, dass sie „schwach“ seien. Und um diese 
altersgraue, fest eingewurzelte irrige Annahme aus 
der Welt zu schaffen, beginnt man nunmehr mit 
einer w'ahren Wuth die Gewohnheiten und Allüren 
der Männer nachzuahmen. 

Dieses Emancipationsbedürfniss begann zuerst 
— wie übrigens auch in Deutschland — in reizenden 
und uns Männer belustigenden Unarten sich zu 
äussern. Die Damenwelt bemächtigte sich der Ciga- 
rette und rauchte trotz sich bald einstellenden Un- 
behagens lustig darauf los. Heute, w r o die Cigarette 
so zu sagen sich popularisirt hat und eine rauchende 
Frau kein Aufsehen mehr erregt, haben unsere 
Schönen schon ziemlich dem Rauchen entsagt, dafür 
aber zum Säbel und zur Pistole gegriffen. Es gehört 
hier zum besten Ton, Waffenunterricht zu nehmen, 
und binnen Kurzem werden wir gewiss von einer 
neuen Gilde, von weiblichen Fechtlehrern, zu er- 
zählen haben. 

Der Gedanke, die „Ritterlichkeit“ der Männer 
nachzuahmen und angethanen Schimpf oder Spott 
mit Blut abzuwaschen, hat in den Kreisen der 
eleganten Pariserinnen, die der guten Gesellschaft 

12 * 



Digitized by Google 




180 



Der Ctrand Prix de Paris. 



angehören, sich entschieden Bahn gebrochen, und 
heute ist es schon ein öffentliches Geheimniss, dass 
eine Reihe bekannter Standesdamen täglich Fecht- 
unterricht nimmt, und zwar in der Absicht, sofort 
nach erlangter Ausbildung in die Fussstapfen der 
modernen Pariser Walküre, Madame Astier de 
Valsayre, welche die hübsche Madame Booth, den 
Generalissimus der „Heilsarmee“, zum Zweikampfe 
forderte, zu treten und Männern wie Frauen Se- 
cundanten — natürlich weibliche — ins Haus zu 
schicken. 

Unter solchen Umständen wäre es geradezu 
lächerlich, Regenwetter als Entschuldigung ins 
Treffen zu führen — da ja Frauen, die vor Blut 
nicht zurückschrecken wollen , zum Mindesten 
„wasserdicht“ sein müssen. Wenn das schlechte 
Wetter nun im Grossen und Ganzen der Frequenz 
nur im beschränkten Masse geschadet, so hat es 
allerdings dem ganzen Scenarium des „Grand-Prix“ 
ein gründlich verändertes Aussehen verliehen. Die 
hellen Toiletten, die farbig schillernden Sonnen- 
schirme, die Wolken von Tüll und Mousseline, in 
welche sonst die schönen Sportswomen sich zu 
hüllen pflegen, mussten heute dem dunkelgrauen 
Regenmantel den Platz räumen und statt eines 
buntfarbigen, glitzernden und schimmernden Bildes, 
wie es sonst die Strahlen der Julisonne zu malen 
wissen, bot sich uns eine grau in grau gehaltene 
Ansicht, die einer Leinwand eines modern-realisti- 



Digitized by Google 



Der Grand Prix de Paris. 



181 



sehen Malers zum Verwechseln glich. Selbst der 
Francplatz war sehr gut besucht, wenn auch das 
überaus schlechte Wetter so manchen Sportjünger 
veranlassen mochte, in Gesellschaft seiner morga- 
natischen Ehehälfte die gastlichen Räume irgend 
eines Kaffeehauses statt der Wiese zu Longchamps 
aufzusuchen. Die Stadt selber bot allerdings nur 
ihre gewöhnliche Alltags-Physiognomie der Regen- 
tage, die Strasse und der öffentliche Platz ver- 
riethen keineswegs durch ihr Aussehen, dass heute 
um den Grand-Prix (100.000 Francs) der Stadt 
Paris französische und englische Rosse kämpfen. 

Allein in der Nähe der Elyseeischen Felder, 
in den breiten Avenuen des Bois de Boulogne, 
insbesondere bei den Stationen der Gürtelbahn 
und der Seinedampfer begegnete man compacten 
Menschenmassen , die eiligen Schrittes vorwärts 
eilten, mit dem Regenschirm, so gut es eben ging, 
vor dem feinen, aber ziemlich dicht herabfallenden 
Regen sich schützend. Alle diese Avenuen, deren 
Boden seit 48 Stunden strömender Regen benetzte, 
hatten sich in eine immense Kothlacke von lehmig 
gelber Farbe verwandelt, in eine Kothlacke, die 
jeder russischen oder polnischen Fahrstrasse gewiss 
zur hohen Ehre gereicht hätte. 

Und am Rennplatz erst ! — Dort hätte man 
wirklich mit Kähnen oder Gondeln viel leichter 
circuliren können, als in den so eleganten, dabei 
abqr leider so porösen Erzeugnissen Pariser Be- 



Digitized by Google 



182 



Der Grand Prix de Paris. 



schuhungskünstler, deren Kunstproducte die ver- 
hängnissvolle Absicht zu documentiren schienen, 
den Fuss zu verlassen, um im Kothe zur ewigen 
Ruhe sich zu betten. 

Das ominöse Viereck, in welchem die mehr 
als hundertköpfige moderne Rennhydra, „Book- 
maker“ genannt, haust, glich einem wahren Koth- 
meere, welches zu betreten nur Tollkühne wagen 
konnten. 

Bei solch’ einem Grand-Prix schiessen die 
Bookmakers wie Pilze aus der Erde. In diesem 
Jahre gab es ihrer zumindest dreihundert auf dem 
Francplatze allein. Den Raum, der ihnen zugewiesen 
wird, theilt man in förmliche Gassen ein, mit Holz- 
gerüsten als Häuser. Der Bookmaker steht auf 
diesem massig hohen Gerüste mit Kreide und 
Schwamm bewaffnet, um sofort bei jeder Fluctua- 
tion blitzschnell die vor dem Pferdenamen ange- 
brachte Ziffer — die „Cöte“ d. h. Wettkurszettel 
— wegzulöschen und durch eine andere ersetzen 
zu können. Hinter ihm hält sich seine Frau oder 
Geliebte, die bei solchen Gelegenheiten Buchhalter- 
dienste versieht und die Wetten notirt. Die Casse 
wird natürlich der Frau nie an vertraut, denn so 
ein Pariser Bookmaker der billigen Plätze muss 
unbedingt, was Schnelligkeit der Füsse anbelangt, 
mit den edlen Rennpferden concurriren können* 
Im kritischen Augenblicke, wenn ein Pferd, auf 
welches man allgemein wettete, den Sieg davon- 



Digitized by Googli 



Der Grand Prix de Paris. 183 

trägt, pflegen diese Ehrenmänner das von den 
Rössern schon aufgegebene Rennen wieder auf- 
zunehmen — sie brennen ganz einfach mit der 
Casse durch, ihre Frau und Buchhalterin mitsammt 
dem Wettbuch als Pfand zurücklassend. 

Gestern hatten die schnellfüssigen Bookmakers 
zunächst einen schlechten Tag, der Koth hing sich 
wie Blei an ihre beflügelten Füsse und in der That 
gelang es der Polizei, ausnahmsweise wenigstens 
drei dieser in voller Flucht befindlicher Ehren- 
männer zu Stande zu bringen. 

Doch soeben ertönt das bedeutungsvolle 
Glockenzeichen — die Kämpfer um den Grand 
Prix verlassen die Stallungen und alle Welt stürzt 
gegen die Barrieren, um in der Nähe die edlen 
Yierfüssler bewundern zu können. Was wir zu 
sehen bekommen, ist unstreitig ein hoch originelles 
Bild. Eine immense Reihe von Regenschirmen, 
links, rechts, vorne und hinten, nichts als auf- 
gespannte Regenschirme. Die Dächer der Tribünen, 
die Zelte des Sattelraumes, die colossale Wagen- 
burg des Francplatzes — Alles mit Menschen über- 
füllt — mit Leibern, die keine Köpfe zu haben 
scheinen, denn der Regenschirm wird als Schild 
benützt, um das Gesicht vor Nässe zu wahren. 
Die Menge ist wohlgelaunt, beinahe lustig. Die 
Hintenstehenden, welche die Schirme am Sehen ver- 
hindern, brüllen fortwährend zwar : „Paraplui, Para- 
plui“, während die Yornestehenden, die Glück- 



Digitized by Google 




184 



Der Grand Prix de Paris. 



liehen, welche gute Plätze erobert haben, lachend 
über die Barrieren sich beugen, um besser sehen 
zu können — ohne übrigens im Geringsten um 
das Geschrei der Hintermänner sich zu kümmern. 
Da ertönt plötzlich in weiter Ferne Triumph- 
geschrei und Händeklatschen. Die kämpfenden 
Rosse biegen um die Ecke und Polyeucte, der 
französiche Reimer, galoppirt an der Spitze. „Bravo, 
Polyeucte“, vive la France“ ertönt von allen Lip- 
pen und schon will man mit den gegenseitigen 
Beglückwünschungen beginnen, als plötzlich ein 
starkes anglicanisches Hipp, Hipp, Ilurrah ! den 
Enthusiasmus der Franzosen gründlicher, als der 
strömende Regen abkühlt. 

Der englische Renner Minting, der bisher in 
ganz nonchalanter Weise an der Queue seiner Mit- 
bewerber einhertrabte, hebt stolz den Kopf in die 
Höhe, seine Glieder dehnen und strecken sich und 
wie ein Wirbelwind saust er knapp vor dem Ziele 
an den Köpfen der schon ermattenden französischen 
Renner vorbei. Die Menge vernimmt murrend das 
Resultat des Hauptrennens — hatten doch die 
Meisten aus Patriotismus ihr Geld auf das franzö- 
sische Pferd gewagt. 

Die zwei folgenden Rennen boten natürlich 
nur geringes Interesse und die Yorsichtigen be- 
gannen schon, sich zum Aufbruch zu rüsten. Beim 
„Grand Prix“ ist es nämlich keine leichte Aufgabe, 
selbst bei schönem Wetter seinen Wagen oder 



Digitized by Google 




Der Grand Prix de Paris. 



185 



Omnibus zu finden und diesmal nun, wo man alle 
Kräfte aufbieten musste, um die Füsse aus der 
Kothmasse herauszuziehen, war das Auffinden des 
Wagens eine wahre Ilerculesleistung. 

Am meisten litt wohl der Corso — die Rück- 
kehr vom Rennen — vom schlechten Wetter, da 
die Majorität der eleganten Welt in geschlossenen 
Wagen zum Rennen gefahren war. Das sonst 
übliche Spazierenfahren in den Alleen des Bois de 
Boulogne musste diesmal unterbleiben und nur 
wenige Equipagen hielten es der Mühe >verth, auf 
der Rückfahrt im Tuileriengarten einen Abstecher 
zu machen, wo ausnahmsweise in diesem Jahre 
die „Fete des fleurs“ abgehalten werden sollte. Yon 
einem Blumenfeste war natürlich keine Spur. 




Die Blumen der Todtcn. 



Die Kenner der Verbrecher- und Gauner- 
welt grosser Städte sind wohl unablässig bemüht, 
ein genaues Verzeichniss der Existenzmittel 
des grossen Trosses catilinarischer Existenzen der 
verschiedenen europäischen Hauptstädte anzulegen 
und die Publieationen hervorragender Schrift- 
steller, wie Romanciers haben so manche ver- 
brecherische Erwerbsquelle an das Tageslicht ge- 
fördert, von der sorglose Hauptstädter auch nicht die 
geringste Ahnung hatten. — Selbst das ausge- 
zeichnete vierbändige Werk des Academikers 
Maxime du Camp über die Spelunken und Ver- 
brecher- wie Bettler-Herbergen der Seine-Metro- 
pole, in dem eine wahre Legion berufsmässig 
betriebener hochexotischer Erwerbsquellen nach- 
gewiesen wird, welche die nach Hunderttausenden 
zählende Taugenichts- Armee von Paris ernährt, 
weist in dieser Hinsicht Lücken auf, deren man 
erst gewahr wird, wenn durch Zufall irgend eine 
neue bisher unbekannte Erwerbsquelle dieser Art 
entdeckt wird. 



Digitized by 



Die Blumen der Todten. 



187 



Eine derartige „Entdeckung“, welche gewiss 
nicht ermangeln wird, in den weitesten Kreisen 
das peinlichste Aufsehen zu erwecken, machte 
zufällig vor Kurzem ein flanirender Pariser, dem 
wir sofort das Wort ertheilen wollen, behufs 
Nacherzählung seiner Erlebnisse: „Vorgestern“, 
erzählte mir mein Gewährsmann, «ging ich vor 
der Kirche Notre Dame de Lorette gerade in dem 
Augenblicke vorüber, als ein eleganter Leichen- 
wagen, dem zwei riesige mit Blumen buchstäblich 
überdeckte Chars folgten, sich in der Richtung 
nach dem Friedhof Montmartre in Bewegung zu 
setzen begann. Vor mir standen zwei zerlumpte 
Bettlergestalten, die mit merklichem Interesse allen 
Vorbereitungen folgten. Auch ich blieb stehen und 
zwar in ziemlicher Nähe der beiden Bettler. 
Unwillkürlich wurde ich da Zeuge ihrer Unter- 
redung — einer kurzen, flüchtigen, mehr mit Ge- 
berden als Worten geführten Unterredung, die 
jedoch meine Neugierde in einer ganz ausser- 
ordentlichen Weise erweckte. Als schliesslich der 
Zug schon in Bewegung war, sagte einer der 
Bettler zum anderen : 

„Folgen wir, hier wird ein gutes Geschäft 
zu machen sein.“ 

Diese Aeusserung steigerte meine Neugierde 
in ganz gewaltigem Masse und da ich gerade an 
diesem Vormittage Nichts zu thun hatte, beschloss 
ich dem Leichenwagen zu folgen, um meine beiden 



Digitized by Google 




188 



Die Blumen der Todten. 



Gesellen genau beobachten zu können. Auf dem 
Boulevard Clichy, in der nächsten Nähe des Fried- 
hofes Montmartre nähert sich einer der beiden 
Gesellen einem Leichenbitter, mit dem er nur 
wenige flüchtige Worte, begleitet von einer 
entsprechenden Geberde , wechselt und die 
beiden Strolche folgten in anscheinend theil- 
nahmsloser Weise dem Leichenzuge. Endlich 
gelangten wir auf den Friedhof. Die Ceremonie 
dauerte ungefähr eine halbe Stunde und nachdem 
dieselbe beendet war, entfernte ich mich anschei- 
nend wie die anderen Theilnehmer. Ich verbarg 
mich jedoch hinter einen mässig hohen Leichen- 
stein in einiger Entfernung von dem Grabe und 
wartete der Dinge, die da kommen sollten. Sehr 
bald gewahrte ich einen der beiden Bettler, näm- 
lich denjenigen, der mit dem Leichenbitter auf der 
Strasse gesprochen hatte. Der Mann schien Je- 
manden zu erwarten. So verfloss wohl eine gute 
Viertelstunde und ich wollte mich schon entfernen, 
da das Warten mich zu langweilen begann, da 
gewahrte ich plötzlich den Leichenbitter, der vom 
Eingänge her, im Laufschritt, dem frischen Grabe 
zueilte. Der Friedhof war absolut menschenleer. 
Pele mele durcheinander lagen die zahlreichen 
Blumenspenden auf dem frisch aufgeworfenen 
Grabhügel. So wie der wartende Bettler des 
Leichenbitters ansichtig wurde, begann auch er zu 
laufen — allein in der Richtung der Friedhofs- 



Digitized by Googld 




Die Blumen der Todten. 



189 



rnauer. Bei derselben angelangt, liess er einen 
langgezogenen schrillen Pfiff ertönen, einen jener 
Pfiffe, wie sie nur die Pariser Strolche mittelst 
der beiden in den Mund gesteckten Daumen er- 
schallen zu lassen verstehen. Yon der anderen 
Seite der Mauer — dort befindet sich ein grosses 
unbebautes Terrain — erscholl ein ähnlicher Pfiff 
und ich hörte deutlich einen augenscheinlich über 
die Mauer geworfenen Kieselstein prasselnd zu 
Boden fallen. Der Mann eilte zur Stelle, auf die 
der Stein gefallen war, legte daselbst seine Mütze 
nieder und kehrte sofort zum Grabe zurück. Hier 
hatte mittlerweile der Leichenbitter alle Bouquets 
aus frischen Blumen, die Kränze und Spenden aus 
Kunstblumen verächtlich mit dem Fusse weg- 
stossend, bei Seite gelegt. Er begann diese Sträusse 
aus natürlichen Blumen dem Bettler zu reichen. 

„Hier sind sechs Bouquets“, sagte der 
Leichenbitter. 

„Kein! es sind ihrer nur fünf“, meinte der 
Bettler und lief ohne dem andern Zeit zur Ant- 
wort zu lassen, zur Stelle, wo seine Mütze lag. 
Daselbst angelangt, warf er die Blumenspenden 
über die Umfassungsmauer. Auf diese Weise 
wurden alle Bouquets über die Mauer geschafft. 
Die ganze Manipulation wurde mit blitzartiger 
Schnelligkeit durchgeführt und schon wenige Mi- 
nuten nach dem Erscheinen des Leichenbitters am 
Friedhofe, befanden die beiden würdigen Genossen 



Digitized by Google 




190 



Die Blumen der Todten. 



sich auf dem Rückwege. Ich folgte ihnen in ziem- 
licher Nähe : 

„Nicht wahr, es waren 19 Bouquets?“ frug 
misstrauisch der Leichenhitter. 

„O nein ! Du hast schlecht gezählt, es waren 
nur 18“, erwiderte mit grosser Bestimmtheit der 
Bettler.“ „Uebrigens wirst Du ja nachzählen und 
Dich überzeugen können.“ 

Mittlerweile hatten wir den Friedhof schon 
verlassen. Weit und breit war kein Mensch zu 
sehen, von einem Sergeant de ville vollends schon 
keine Spur. Da ich nun die Leute nicht abfassen 
konnte, wollte ich zumindestens erfahren, in welcher 
Weise man diese gestohlenen Blumen verwerthet. 
Ich trat an sie heran : 

„Für wen sind die Blumen bestimmt, die 
ihr soeben am Friedhof gestohlen habt ?“ frug ich 
plötzlich den Leichenbitter. 

Der Mann begann am ganzen Leibe zu zittern 
und unzusammenhängende Worte zu stottern, 
während unter den buschigen Brauen seines 
Begleiters, der zerlumpten bassermanischen Gestalt, 
ein drohender mir zugedachter Blitz hervorzuckte. 

„Fürchtet nichts,“ fügte ich hinzu, „ich 
werde euch nicht anzeigen, aber wissen möchte 
ich, was mit diesen Blumen geschehen wird?“ 

„Ja, diese Blumen — diese Blumen“ — 
meinte zögernd, den Mund zu einem anwidernden 
Grinsen verziehend, der Bettler, „diese Blumen 



Digitized by Goog 




Die Blumen der Todten. 



191 



v erkaufen wir des Abends in den Kaffeehäusern 
und Brasserien.“ 

„Wie viel verdient man bei diesem Ge- 
schäfte ?“ 

„Wir bezahlen,“ lautete die Antwort, „dem 
Leichenbitter 5 Sous für den Strauss und ver- 
kaufen denselben für 2 bis 3 Franken, je nachdem 
es geht.“ 

„Wo werden diese Blumen verkauft?“ 

„Wir verkaufen die unsrigen,“ meinte der 
Strolch, in den Cafe’s des Faubourg Montmartre, 
unsere Collegen verkaufen die Bouquets, die sie 
sich verschaffen, theils im Quartier Latin, auf dem 
grossen Boulevard oder in den Nacht-Cafe’s in 
der Nähe der grossen Oper.“ 

„Nun wusste ich genug. Schon öfters war es 
mir aufgefallen, dass Nachts in Kaffeehäusern 
riesige Bouquets, die im Blumenladen gewiss mehr 
als 20 Francs gekostet hätten, um den Spottpreis 
von 2 bis 3 Francs von zerlumpten Gestalten feil- 
geboten wurden. Oefters frug ich wohl diese un- 
heimlichen Gestalten, wieso sie zu solchen Spott- 
preisen die Blumen verkaufen könnten ? Ich erhielt 
stets zur Antwort, dass diese Bouquets vom 
Theaterpersonale derjenigen Bühnen, wo des Abends 
Blumen zur Verwendung gelangten, um wahre 
Spottpreise nach der Vorstellung an Camelots 
(Marktschreier) verkauft werden. Ich wollte nie an 
diese Mähre glauben und heute seh’ ich ein, dass 



Digitized by Google 




192 



Die Blumen der Todton. 



ich Recht hatte, denn diese Blumen, welche man 
allabendlich auf den Pariser Boulevards feilbietet 
und welche Fremde mit Yorliebe — der Billigkeit 
wegen — kaufen, sind den Todten gestohlen wor- 
den — ' es sind die „Blumen der Todten.“ 



Digitized by Google 



Idylle und Cancan. 

Bilder au» der Umgebung von Paris. 

I. 

An den Ufern der Seine. 

Es ist wohl bei uns Deutschen eine alther- 
gebrachte Sitte, dass jeder, der wenigstens 24 Stun- 
den in der französischen Hauptstadt zugebracht, 
sich verpflichtet und berechtigt fühlt, seine An- 
sicht und Meinung über das Seine-Babel abzugeben 
und, sei es auf mechanischem Wege durch Druck 
oder auf mündlichem durch Tradition, dieser An- 
sicht die weiteste Yerbreitung zu verschaffen sucht. 
An Urtheilen über Paris, an Schilderungen und 
Skizzen seines weltstädtischen Strassenlebens haben 
wir also nur Ueberfluss , dafür aber einen 
umso grösseren Mangel an Schilderungen aus der 
reizenden Umgebung von Paris, wo in den Sommer- 
monaten das eigentliche Pariser Leben sich con- 
centrirt. 

Die meisten Ortschaften im Umkreise der 
Forts und Aussenwerke dieser Riesenfestung, in 

Beruh. Frey, Pariser Leben. 13 



Digitized by Google 



194 



Idylle und Cancan: 



denen die Pariser in toller Lustigkeit ihre Sonn- 
tage zubringen, sind dem deutschen Leser kaum 
dem Namen nach bekannt, wiewohl das ganz 
eigenartige Bild, welches sich in diesen Ortschaften 
vor dem Auge des Fremden entrollt, derart originell 
ist, dass es für Jahre dem Gedächtnisse eingeprägt 
bleibt. 

Paris ist eben die Stadt der frappirendsten 
Contraste, die Stätte, auf der die heterogensten 
Elemente sich täglich mit den Ellenbogen an- 
stos8en, trotzdem die Welten, denen sie angehö- 
ren , durch unüberbrückbare Klüfte geschieden 
sind. Wiewohl dieses Seine-Babel in der ganzen 
Welt als die frivolste und in puncto Sittenstrenge 
leichtfertigste Stadt verrufen und verschrieen ist, 
steht es dennoch fest, dass die hiesige Gesell- 
schaft, d. h. die „Monde“, Frauen gegenüber eine 
der exclusivsten ist und in der That bleiben, ab- 
gesehen von den Künstlerinnen, die Thüren aller 
Salons und gesellschaftlichen Cirkeln denjenigen 
Damen, von deren galanten Abenteuern die Fama 
zu erzählen wusste, auch für den Fall verschlossen, 
wenn dieselben in legalster Weise den Namen 
hochgeachteter Männer tragen. So exclusiv ist man 
aber nur in der Stadt, wo man die „Dehors“ zu 
wahren hat. Kaum beginnt jedoch die goldene 
Sonne in diesem bekannten Monate, in dem alle 
Knospen springen, warme oder versengende Strahlen 
auf Paris herabzusenden, so beginnt man auch 



Digitized by Google 



An den Ufern der Seine. 



195 



schon in die umliegenden kleinen Ortschaften, die 
Yilleggiaturen par excellence, auszuwandern, wo 
man gewöhnlich bis Mitte Juli verbleibt. Yor 
dem Grand Prix-Rennen, das in der ersten Hälfte 
des Monates Juni stattfindet, die Stadt oder ihre 
Umgebung zu verlassen, ist nach dem Gewohnheits- 
rechte der Pariser Gesellschaft absolut unzulässig, 
ebenso unzulässig ist es, vor Ende Juli ein See- 
bad aufzusuchen. Man verbringt daher diese V/ 2 
oder 2 Monate in den Sommerfrischen, die wie ein 
Kranz die Stadt umringen. 

Je zimperlicher und exclusiver man in der 
Stadt gewesen, desto ungebundener und aus- 
gelassener wird man in der Regel auf dem Lande. 
Hier lebt man sans gene und gestattet sich den 
Luxus Dinge zu treiben, deren Nennung allein 
im Wintersalon schon verpönt wäre. 

Unter der Herrschaft dieser soeben erwähn- 
ten actuellen Mode hat sich nun in den letzten 
Jahren in allen diesen Sommerfrischen und Yilleg- 
giaturen an der schmutzig-grauen Seine oder gras- 
grünen Marne eine Art von Pariser Sommerleben 
herausgebildet, welches nach meiner unmassgeb- 
lichen Anschauung am besten mit den Worten: 
„Idylle und Cancan“ gekennzeichnet werden kann. 
Auf Schritt und Tritt begegnen wir in diesen 
wunderschönen Yilleggiaturen dem klassischen Yir- 
gilius und modern-naturalistischen Zola, die nicht 
nur als friedfertige Nachbarn in bester Eintracht 

13 * 



Digitized by Google 




196 



Idylle und Cancan: 



nebeneinander leben, sondern sogar — und sehr 
häufig obendrein — sich gegenseitig Besuche ab- 
statten. Man ist eben auf dem Lande ! und dort 
ist, wie schon erwähnt, so Manches erlaubt, was 
in der Stadt mit den schwersten gesellschaftlichen 
Strafen, dem gesellschaftlichen Banne, Interdicte etc. 
bestraft wird. 

Hier lautet die Parole ganz wie in Madame 
Angot: „Ungenieret, ungezieret . . . . “ Wollen Sie 
einen Beweis für diese Behauptung? — so ent- 
fliehen Sie mit mir freundlichst an einem heissen 
Donnerstag auf den Flügeln der Westbahn nach 
dem binnen 25 Minuten zu erreichenden lieblichen 
Landsitz Chatou an der Seine. Schon das Treiben 
auf dem Bahnhofe — vorausgesetzt, dass man einen 
jener Abendschnellzüge, die nach Schluss der Bu- 
reaux, Redactionen und grossen Geschäfte ab- 
gehen, um knapp vor der Dinerstunde den hun- 
gerigen und mit Makadamstaub angefüllten Pariser 
in sein Sommerheim zu bringen — ist höchst in- 
teressant, vornehm und belebt. Gut situirte Schrift- 
steller, Finanzmatadore, reiche Kaufherren sind 
es, die mit Yorliebe ihre Villeggiatur in diesem 
lieblichen und gleichzeitig elegantesten Orte ge- 
messen. Die höchst chic gekleideten Ehefrauen, 
die puppenartig geputzten Kinder — mitunter auch 
eine sehr verführerisch ausstaffirte Dame aus einer 
anderen Sphäre — warten an dem braunangestri- 
chenen Bahngitter. Equipagen mit kostbarer Be- 



Digitized by Googlej 




An den Ufern der Seine. 



197 



Bpannung , leichte Tilburys , Boggeys oder von 
zarter Damenhand geleitete amerikanische Karren, 
mit einem blanken, niedlichen, sauberen, salon- 
fähigen Ponny als Bespannung, harren ihrer Eigen- 
tümer, wenn das Schloss oder die Yilla sich nicht 
unmittelbar am Bahnhofe befindet. Der Erwartete 
umarmt zärtlich Gattin oder Geliebte, springt mit 
einem freudigen Aufschrei in das leichte Gefährt, 
um, in seinem Heim angelangt, es sich bequem 
zu machen. Der schwarze Gehrock wird mit einer 
Flanelljacke schnell vertauscht, die Lackschuhe 
müssen den höchst comoden „bains de mer“- 
Schuhen aus Segeltuch — weichen, Kragen und Cra- 
vatte erhalten Abschied und mit einer Behaglich- 
keit, von der die Aermsten, welche in der Stadt 
w r eiter sieden und braten müssen, sich keine Vor- 
stellung machen, wird unter den Akazien oder 
Linden des Gartens der erste Löffel Suppe oder 
der erste Tropfen Bordeaux geschlürft, während 
muntere Singvögel in der Laube zwitschern. — 
Das ist Idylle. 

Aber im benachbarten Restaurant der „Mutter“ 
Fournaise, am Eingänge der Insel Croissy, zeigt 
sich bereits die Grenzmarke zwischen Yirgilius 
und Zola. Das Etablissement der „Mutter“ Four- 
naise hat nun auch in den letzten Jahren den Ver- 
feinerungsprocess durchgemacht, der in dem Zuge 
des dem Luxus nachgehenden Ende dieses Jahr- 
hunderts liegt. Yor 20 Jahren war die „Bude“ 



9 



Digitized by Googl 




198 



Idylle und Cancan : 



der Mutter Fournaise eine grosse ländlich erbaute 
und ländlich eingerichtete Hütte, so anspruchslos,, 
dass auf dem Schilde nicht einmal ein „Restaura- 
teur“, sondern nur ein „Pecheur“ (Fischer) em- 
pfohlen wurde, der gelegentlich mit selbstgefan- 
genen Backfischen aufzuwarten vermochte. Nur 
die Zeiten haben sich geändert, die Mutter Four- 
naise schaltet und waltet nach wie vor mit vor- 
gebundener Kattunschürze und mit der „guten“ 
Haube als Coiffure ; aber die Bauernhütte ist nie- 
dergerissen worden und an derselben Stelle erhebt 
sich ein casinoähnliches Hotel mit einer offenen 
Terrasse, auf der sehr appetitlich gedeckte kleine 
Tische aufgestellt sind. Am Donnerstag tafeln hier 
in der Regel die prickelndsten Schauspielerinnen 
und Tänzerinnen der kleinen Theater. Diese 
Damen verwenden dieselbe Kunst auf die Zusam- 
mensetzung ihres zwanglosen ländlichen Negliges 
wie auf jene Toiletten, welche im Winter den be- 
geisterten Recensenten zu vielen Spalten inspiriren 
und in den Berichten über Premieren ebenso aus- 
führlich und gründlich besprochen werden, wie die 
mühsam ersonnene Fabel des Stückes oder die 
Schwächen und Vorzüge der dramatischen Mache. 

Das blaurothe oder hellrothe Peignoir mit den 
ausgeschnittenen Schuhen und den mit aller erfor- 
derlichen Coketterie zur Schau getragenen Seiden- 
strümpfen ist auch auf Effect berechnet und hat 
den, seit der Enthüllung über das schwarze Register 



Digitized by Google 



An den Ufern der Seine. 



199 



80 berüchtigt gewordenen Couturier ebensoviel 
Kopfzerbrechen gekostet, wie der Trägerin dieser 
Bekleidungswerke das Einstudieren ihrer Glanz- 
rollen. Zu einer solchen Toilette passt kein Hut — 
oder er ist noch nicht erfunden worden. Das Haar 
muss sich in seiner ganzen natürlichen oder künst- 
lichen Ueppigkeit producieren, stets in einer Art, 
als wäre die suburbane Yenus dem nahen Wasser 
soeben entstiegen. Es wird da „entre camerades“ 
dinirt. Verfasser kurzgeschürzter Vaudevilles, Dichter 
von I’alais Royal-Possen, Schauspieler, über die 
wir uns im Sperrsitz so häufig vor Lachen wälzen 
müssen, spielen da die Cavaliere. Die Gesellschaft 
ist überaus zahlreich und trotzdem die versengende 
Glut des Sommergottes, sowie die herrschende 
Theater-Sommermode fast alle grossen Gestirne 
dieses Himmels in die Curorte getrieben, finden 
wir eine stattliche Anzahl kleiner , Berühmtheiten,“ 
die ebenso durch ihr Aeusseres, wie durch die 
Schicksale, unsere ganze Aufmerksamkeit in An- 
spruch zu nehmen geeignet sind. Allein nicht aus- 
schliesslich Künstler sind bei Mutter Fournaise 
anzutreffen, auch junge Geschäftsleute, Beamte, 
Handlungsbeflissene, die unter dem Kunstaus- 
drucke „Calicot“ bekannten Ellenritter, kehren be- 
sonders am Sonntag gerne ein. Diese Herrschaften 
huldigen meistens der neuesten aus England herüber- 
geholten Mode, sie erscheinen auf dem Lande in 
einer Kleidung, die — vom Gurt abwärts — an 



Digitized by Google 



200 



Idylle uud Cancan: 



die Rococco-Periode mahnt; in anschliessenden 
Kniehöschen und hohen seidenen Strümpfen und 
Schnallenschuhen. So erheischt es der moderne 
Chic zum Yortheile Jener, welche von der 
wunderspendenden Mutter Natur günstig bedacht 
wurden. Die stiefmütterlich Behandelten mögen 
zu Wollgarnituren Zuflucht oder mit den alltäg- 
lichen Pantalons vorlieb nehmen. 

Am Donnerstag Abend, von zehn Uhr bis nach 
Mitternacht, mengen sich die Villenbesitzer von 
Chaton und der umliegenden Orte Brugival und Rueil 
mit den theatralischen Stammgästen der Mutter 
Pournaise und einer gehörigen Anzahl zugereister 
Pariser und Pariserinnen verschiedener Qualität zu 
hochanimirten Tänzen auf der „Grenouilliere“ alias 
Frosch-Insel, jene sprungfähigen Morastbewohner, 
welche der englischen Fama zufolge den Franzosen 
ein Leibgericht sind, quaken dabei unaufhörlich. Am 
Tage ist die Grenouilliere eine Badeanstalt für beide 
Geschlechter. Herren und Damen dürfen da in 
adamitischem Costüm, welches durch die Schwimm- 
hose sittlich gemildert aber plastisch verschärft 
wird, gemeinsam plätschern. Das Floss, auf dem 
sich die Badenixen befinden, verwandelt sich am 
Donnerstag und Sonntag Abend in eine schwan- 
kende, von venetianischen Farbenlämpchen und 
papiernen Lampions beleuchteten Ballsaal, wo die 
legitime Angetraute mit der Theaterdame oder — 
einem ärgeren vis-ä-vis Contre tanzt, oder an dem- 



Digitized by Google 



An den Ufern der Seine. 



201 



selben Tische Erfrischungen einnimmt. Man ist ja ä la 
Campagne! Ausserdem ist auch die anständigste 
Pariserin neugierig genug, um sich „diese Demoi- 
sellen“ ein wenig in der Nähe zu besehen und 
vielleicht die Kniffe — honoris causa — abzu- 
lauschen, welche den Gemahl mitunter über Ge- 
bühr und zur Unrechten Zeit fesseln. 

Auch fremdländische Ehegatten, namentlich 
Deutsche, die alles Pariserhafte goutiren und nach- 
äffen wollen, haben ihre Ehehälften zu den unge- 
stümen, von Champagner und kaltem Punsch be- 
lebten Grenouillere-Donners tagen geführt, aber gleich 
nach der ersten Quadrille ergriff die angeborene 
Prüderie das Hasenpanier, und — benützte den 
letzten nach Paris abgehenden Eisenbahnzug. 



Digitized by Google 



Idyllo und Cancan: 



II. 

Am Matnestrands. 

Jedem in den Sommermonaten nach Paris 
kommenden Fremden, der die Eigentümlichkeiten 
dieser Riesenstadt genau kennen lernen möchte 
und der für das Getriebe und Gewoge einer lusti- 
gen, gut gelaunten, dabei aber ungeduldig geschäf- 
tigen und hastig drängenden Menge Sinn hat, 
würde ich rathen, an einem schönen Sonntags- 
Nachmittage einige Zeit in einer der vielen riesi- 
gen Bahnhofshallen zuzubringen, in denen das Yolk 
der „Sonntagsausflügler“ den Abgang der Züge zu 
erwarten pflegt. Der kleine Bürgersmann, der an 
die Scholle gekettete Beamte, der Börsianer, der 
Kaufmann, wie der Arbeiter — kurz alle diese 
Bedauernswerten, denen ihre tägliche Beschäfti- 
gung oder die Erwerbsverhältnisse es nicht ge- 
statten, während der heissen Sommermonate eine 
Landwohuung zu beziehen, kennen nur ein Ver- 
gnügen, nur eine Sehnsucht ! Des Sonntags im 



Digitized Öy Google, 



Am Marnestrande. 



203 



kühlen Schatten breitästiger Bäume zu lustwan- 
deln, im saftig grünen Grase sich zu wälzen und 
in vollen Zügen die köstlich reine, ozongeschwän- 
gerte Luft einzuathmen. Wer nie unter den ver- 
sengenden Strahlen einer Pariser Juni- oder Juli- * 

sonne Asphaltpflaster getreten, wer den brennenden 
Schmerz nicht kennt, den man in den Sohlen beim 
eiligen Dahinschreiten über die schwarze, klebrige 
und im Sommer beinahe flüssige Masse verspürt, 
in die der Schuh genau unterscheidbare Abdrücke 
presst, wessen Auge nie die schmutziggraue Farbe 
der Platanen- und Kastanienblätter der Boulevards 
geschaut, denen eine dicke Schicht Macadam- 
staubes die Naturfarbe geraubt, — der wird wohl 
schwerlich das Wonnegefühl nachempfinden, wel- 
ches in der Brust des Weltstädters das einzige 
Wörtchen „Land“ wachruft. Wie wird da in den 
kleinen Haushaltungen die ganze Woche hindurch 
gespart ; mit welcher Selbstverleugnung verringert 
der Mann die tägliche Ration seiner Pfeife, reducirt 
er die Anzahl der „Bocks“, die sich zu Gemüthe 
zu führen der Durst ihn sonst zwingt, um nur 
einige Francs an dem ordentlichen Wochenbudget 
abzusparen — die dann des Sonntags die Kosten 
der Landpartie decken sollen. 

In den dicht bevölkerten Stadttheilen, welche 
das eigentliche Pariser Yolk bewohnt, beginnt da 
schon in den ersten Morgenstunden eines jeden 
Sonntags, ein überaus emsiges Treiben, welches 



Digitized by Google 




204 



Idylle und Cancan: 



in den Nachmittagsstunden den Charakter einer 
regelrechten Völkerwanderung annimmt. Mit Kind 
und Kegel, das kalte Diner sorgsam in Papier 
gewickelt unter dem Arme tragend, mitunter, wenn 
die Familie zahlreicher ist, mit grossen Proviant- 
körben beladen, ziehen sie in hellen Scharen 
durch die eleganten Strassen der Stadttheile ä la 
mode ; an den sorgsam verschlossenen, durch Holz- 
läden vor den Sonnenstrahlen geschützten Fen- 
stern der Hotels und Paläste der Reichen vorbei, 
welche schon längst dem Pariser Dunstkreis den 
Rücken gekehrt. Sie pilgern den Bahnhöfen, der 
Gürtel- und den Localbahnen zu. Der Hauptstrom 
der Ausflügler ergiesst sich in die immense Halle 
des St. Lazarer-Bahnhofes, wiewohl die Ortschaften, 
welche die Localzüge der Westbahn berühren, 
keinesw r egs zu den schönsten der Pariser Um- 
gebung zählen. Allein dieser Bahnhof ist im Cen- 
trum der Stadt gelegen und vom nahen Opernplatz 
kann man mit den billigen Omnibussen bis in die 
entferntesten Winkel der Riesenstadt selbst noch 
nach Mitternacht gelangen. Die Bewohner des 
industriellsten Theiles von Paris, des sogenannten 
Marais-Quartiers, wo früher der „Temple“, der 
Kerker Ludwig XVL, sich befand, die Arbeiter- 
bevölkerung des St. Antoine- und Bastillenviertels, 
sowie alle diejenigen Pariser, welche gegebenen 
Falles die Rückkehr vom Bahnhofe mittels Droschke 
sich gönnen dürfen, ziehen in der Regel die an 



Digitized by Google 




Ara Marnestrande. 



205 



der Marne gelegenen Ortschaften vor, welche eine 
Secundärlinie der Ostbahn berührt. Der riesige 
Bastillenplatz, wo der Bahnhof der „Ligne de 
Vincennes“ gelegen ist, wimmelt buchstäblich von 
Menschen, die eiligen Schrittes das kleine Stations- 
gebäude zu gewinnen trachten ; allein die compacte 
Masse, die jeden Augenblick den Omnibussen und 
Tramways entströmt, macht ein schnelles Fort- 
kommen zur puren Unmöglichkeit. In der Halle 
selber, in welcher stundenlang ein nicht zu schil- 
derndes Gedränge herrscht, sind nicht weniger wie 
24 Billetschalter aufgestellt, die beständig von 
einer lebenden Mauer umgeben sind. Die Halle 
gewährt einen hoch pittoresken Anblick und eignet 
sich wie selten ein Ort zum Studium des wahren 
Y olkscharakters. 

Während der Mann im dichten Gedränge am 
Billetschalter „Queu“ macht, geduldig des Augen- 
blickes harrend, wo die Reisefahrkarten zu lösen 
an ihn die Reihe kommen wird, machen die Damen 
auf den mitgebrachten Feldsesseln es sich bequem, 
mustern die Proviantvorräthe, oder versuchen die 
in Unordnung gerathene Toilette ihrer hoffnungs- 
vollen Sprösslinge, welche der Gedanke, im Freien 
nach Herzenslust herumtoben zu dürfen, ausser 
Rand und Band gebracht, wieder in Ordnung zu 
bringen. Die meisten Pariser, welche des Sonntags 
aufs Land gehen, lassen ihre elegante Kleidung, 
welche sie sonst in der Stadt tragen, im Kasten 



I 



Digitized by Googl« 




206 



Idylle und Cancan: 






daheim zurück. Den Kopf bedeckt statt des sonst 
obligaten Cylinderhutes, ein breitkrempiger Yoko- 
hama für wenige Sou, während ein leichtes, zer- 
knittertes Sacco aus Leinwand oder Flanell die 
Stelle der anliegenden „Redingote“ einnimmt. Die 
Einen betreten die Halle mit riesigen Stöcken, 
wahre Stangen, an denen, einmal am Ufer der 
Marne angelangt, die Angel befestigt wird, während 
die Anderen in sogenannten Canotier -Costumen 
aufs Land gehen. 

An schönen Sonntagen ist der Fahrplan 
natürlich ausser Kraft gesetzt und statt jede 
Viertelstunde, w r ie an Wochentagen, geht da 
jede 5 Minuten ein schier unendlicher, aus einigen 
zwanzig oder dreissig W aggons gebildeter Zug ab. 
Diese Waggons sind womöglich noch unbequemer, 
als die anderen französischen Eisenbahnwag- 
gons, welche an Uncommodität alles sonst in 
Europa Existirende tief in den Schatten stellen. Um 
mehr Publikum befördern zu können, wurden die 
Waggons in zwei Hälften getheilt und so kommt 
es, dass ein gross gewachsener Mann ebenso unten 
in den gedeckten Coupes, wie oben auf den so- 
genannten Imperiales nur gebückt sitzen kann. 
Wenn man bedenkt, dass diese Linie an den 
beiden Pfingstfeiertagen, welche keines besonders 
schönen Wetters in diesem Jahre sich zu erfreuen 
hatten, beinahe 100,000 Personen beförderte, kann 
man sich eine Idee von dem Gew r ühle machen, 



Digitized by CyogleJ 




Am Marncstrande. 



207 



welches an schönen Sonntagen in den Ortschaf- 
ten Nogent sur Marne, Joinville-le-Pont, Parc 
St. Maur, Champigny etc. herrscht, denen aller- 
dings, was reizende Lage und Naturschönheit an- 
belangt, von allen Pariser Villeggiaturen die Sieges- 
palme gebührt. 

Bis Noget ist die Reise — welche übrigens 
nur 25 Minuten dauert — monoton, ja unbequem, 
da der Zug unzählige lange Tunnels passiren muss. 
Aber kaum hat man die Station Nogent verlassen, 
so entrollt sich vor dem entzückten Auge ein 
wunderbares Panorama. Rechts das bis an die 
Mauern von Paris reichende Yincenner Hölzchen 
mit seinem dunklen Grün, links die sanft Messende 
Marne mit ihren Inseln. In der blauen Ferne 
schliesst eine Kette kleiner Hügel überaus stim- 
mungsvoll den Horizont ab , während vor uns 
das Amphitheater von Nogent und Joinville-le- 
Pont erscheint. Man denke sich eine massig hohe, 
ziemlich breite, bewaldete Anhöhe, welche ter- 
rassenförmig gegen den Fluss verläuft. Aus dem 
Grün, das in allen Nuancen schillert, gucken wie 
neugierig, rothe Dächer in die Lüfte, welche stel- 
lenweise von stämmigen Baumriesen ganz dem 
Auge entzogen werden. Die zierlichen, weiss an- 
gestrichenen Häuser und Villen, zu denen diese 
rothen Dächer gehören, bilden mit ihrer grünen 
Umhüllung und Umgebung einen reizenden Con- 
trast, der Auge wie Herz entzückt. 



Digitized by Google 



208 



Idylle und Cancan: 



Lenkt man beim Verlassen des Bahnhofes 
seine Schritte dem Vincenner Gehölze zu, so be- 
findet man sich im ureigensten Lande der Idylle. 
Hier lagern gruppenweise oder paarweise die Aus- 
flügler im dichtesten Grase , von dem dunklen 
Laube der Bäume vor den Strahlen der Sonne ge- 
schützt. Die Buben spielen Ball ; die Mädchen 
springen über Schnüre, durch Reife hindurch ; bilden 
Rondeaux um irgend ein in der Mitte befindliches 
Aschenbrödel zu besingen, während die jungen 
Damen , die „Mesdemoiselles“ mit Reifenwerfen 
oder anderen Gesellschaftsspielen sich die Zeit ver- 
treiben. 

Entlang dem Ufer der Marne bietet sich ein 
ganz anderes, höchst eigenartiges Schauspiel un- 
serem Auge dar. Dieses Ufer von Noget bis 
Joinville-le-Pont und St. Maur bietet uns beinahe 
den Charakter eines Seegestades, einer veritablen 
„Plage“. Die Marne ist von Kähnen und Booten 
bedeckt , Dampfer , welche kaum 10 Personen 
fassen können, wechseln mit englischen Vierrie- 
mern, Seelentränkern, breiten, vorne zugespitzten 
Kähnen, welche man hier „Norvegiennes“ nennt, 
ab. Am Ufer eine gut gelaunte, fröhlich lachende 
und zu Ulk aufgelegte promenirende Menge, die 
bald die ungeschickten Sonntags-Ruderer verspot- 
tet oder den zusammen gekauert stundenlang am 
Ufer hockenden Anglern — wahre Engel, was Ge- 
duld anbelangt — insinuirende Witzworte zuruft, 



Digitized by Googlej 




Am Marnestrande. 



209 



sie belehrt, dass die „Goujons“, die hier so belieb- 
ten Gründlinge , einen Strilce veranstaltet, oder 
mitunter das Lachen beim Betrachten des leeren 
Fischtopfes nur mühsam verbeissend, um die An- 
zahl der schon gefangenen Fische bei den empör- 
ten Bonntagsfischern sich erkundigt. 

Die Damen finden es höchst „chic“, am Ufer 
des Wassers in allen erdenklichen Xüancen von 
Matrosencostümen und Canotiersuniformen einher- 
zuschreiten. Der dunkelblaue Rock mit weissen 
Streifen am Saume, die weite Blouse — natürlich 
nicht so weit, um die schlanken Formen zu ver- 
decken, ein breiter Matrosenkragen und die weiche 
runde Mütze sind jedenfalls geeignet, vorhandene 
. Vorzüge zu heben. Sehr pikant ist auch das weisse 
Flanelljacquet, vorn offen mit Revers und Taschen, 
aus denen manchmal ein buntrandiges Mouchoir 
hervorguckt ; dazu ist die Kopfbedeckung aus 
gleichem Stoffe und das Verstecken der Hände in 
den Seitentaschen de rigeur. Am meisten Phan- 
tasie verräth die Kopfbedeckung und die Chaussure. 
Blaue Schuhe mit gelbem Leder besetzt, graue 
Leinwandstiefelchen, braune Lederhalbschuhe, spitze 
Lackschuhe mit grossen Schleifen und Schnallen 
a la Louis XIV., welche die der Länge nach ge- 
streiften oder schwarzen Seidenstrümpfe enthüllen, 
lenken die Aufmerksamkeit auf alf die kleinen, 
schmalen Füsschen und zarten Knöchelchen, die 
der kurze Rock immer frei lässt. Auf blonden, 

Beruh. Frey, Pariser Leben, 14 



L 



Digitized by Google 



210 



Idylle und Cancan: 



sehr oft strohgelben oder glänzend dunklen Köpf- 
chen sieht man Canotierhüte (Regattahüte) aus 
lichtem Stroh, breite Florentiner Geflechte, auf 
denen sich zarte Feldblumen oder üppige Rosen- 
sträusse wiegen, und eine kleine, feine Blondine 
erschien neulich im Tanzlocale Convenr, wohin 
ich meine Leserin sofort führen will, mit einem 
veritablen türkischen Fez auf dem Kopfe. 

Die Pariserin hat die Eigenthümlichkeit, die 
Kopfbedeckung in einer Weise zu tragen, dass diese 
jeden Augenblick eine andere Form annimmt, 
dazu eignen sich nun die weichen Stoffcaquettes 
und billigen breitrandigen Strohhüte vorzüglich. 
Wie „ces dames“ es zu Wege bringen, dass 
auch jede neue Gestalt des Hutes kleidsam und 
becarre ist (der neueste Ausdruck für chic), bleibt, 
ein „Ateliergeheimniss“, in das einem Profanen 
zu dringen nicht möglich wäre. 

Das Tanzlocal Convenr — dessen ich oben 
erwähnte, ist am ganzen „Gestade“ der Marne 
hochberühmt. 

Alle Junggesellen oder Strohwitwer geben dem- 
selben vor allen anderen, die in Nogent und Joinville- 
le-Pont sich befinden, den Vorzug. Denn während 
es in den anderen so ziemlich „ländlich-sittlich“ 
beim Tanzen zugeht, tanzt man bei Convenr 
„ländlich-schändlich “ . Und somit wären wir wiederum 
auf das Gebiet des Cancans gelangt. 



Digitized by Google 




Am Marnestrande. 



211 



An Sonntagen geht es da regelmässig hoch 
her. In der geräumigen luftigen Halle, die einer 
Scheune eher, denn einem Ballsaale gleicht, herrseht 
ein Gedränge und Gewühle, das jeder Beschrei- 
bung spottet. Trotz tropischer Hitze und ersticken- 
der Staubwolken — wird da lustig den ganzen 
Nachmittag bis in die späte Nacht hinein getanzt. 
Die Lieblingstänze der männlichen, wie weib- 
lichen Habitues sind der volksthümliche Cancan — 
im Jargon der Vorstädte „Chahut“ genannt — 
sow r ie die „Ostendaise“, eine Art von Ländler mit 
abwechselndem Tanztempo. 



ized by Google 



■\7\ -A.'bsclinitt- 

Aus den Theatern. 



Digitized by Google 



Digitized by Go 



! 



Massenet’s neueste Oper der „Cid.“ 

Paris, 1. December. 

Die „Academie Nationale de Musique“ — 
wie der officiellc Titel der Pariser Oper lautet — 
hat heute mit grossem Aufwande von Kosten, mit 
einer wirklich seltenen Prachtentfaltung scenischer 
Hilfsmittel, das jüngste Tonwerk des beliebten 
Componisten von „Manen“ den nach dem spani- 
schen Drama „lluillem de Castro’s“ und der Tra- 
gödie Corneille’s, von d’Ennery’s fachgeübter Hand 
zugeschnittenen, von Gallet und Blau versificirten 
„Cid“, zur ersten Aufführung gebracht. Die neue 
Direction umgab diese sensationelle Premiere mit 
einer besonderen Solennität, weil sie die erste 
und zugleich glanzvollste Manifestation ihrer arti- 
stischen Aera bedeutet und darnach angethan sein 
sollte, den böswilligen Ausstreuungen der ewig ner- 
geluden Kritik, deren scharfe Pointe namentlich 
auf die Sparmeisterei der neuen Directoren ab- 
zielt, ein vernichtendes Dementi gegenüberzu- 
stellen. 



I 



Digitized by Google 




216 Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 

Die Herren Ritt und Gailhard, sagen wir es 
gleich, haben mit ihrer ersten Inscenirung dieses 
grossartigen Werkes den Yogel abgeschossen, und 
ganz Paris wird lange noch von all’ der Grossartig- 
keit, dem Reichthume decorativer und mechani- 
scher Effecte , von den vocalischen und choreo- 
graphischen Leistungen der Künstler, von den 
Massenwirkungen und blendenden Costümen zu 
erzählen wissen. 

Der „Cid“ ist vielleicht von allen heroischen 
und tragischen Stoffen derjenige, welcher von den 
Tondichtern seit nahezu zwei Jahrhunderten am 
meisten ausgebeutet wurde, und man zählt nicht 
weniger als 27 bekannte Partituren, deren erste 
schon im Jahre 1697 in Venedig zur Aufführung 
gelangte und einen gewissen Francisco Pollarapo 
zum Autor hatte. Der Letzte, welcher sich an 
dieses Thema wagte, ist der italienische Componist 
Coppola, der in Cremona im Jahre 1854 einen 
Achtungserfolg erzielte. Uebrigens wurde auch in 
Frankfurt im Jahre 1857 der „Cid“ vom Compo- 
nisten von Neel mit zweifelhaftem Erfolge gegeben. 

Den jüngsten Librettisten müssen wir das 
Zugeständniss machen, dass sie gut daran thaten, 
sich blos auf die geschickte Einwirkung der Le- 
gende für die lyrische Wirkung zu verlegen, ohne 
der Handlung bereichernde Details zu unterlegen, 
die man als eine Entheiligung der Corneille’schen 
Hinterlassenschaft hätte interpretiren können — 



Digitized by Google 




Massonet’s neueste Oper der „Cid“. 217 

und so blieb ihnen auch nur das Verdienst guter 
Bühnentechniker, indem sie es dem musikalischen 
Inhalt überliessen, das Relief zu ihrem Texte zu 
liefern. Sie haben überdies aus der Corneille'schen 
Tragödie alles Verwendbare in den Originalversen 
ihrem Texte eingeschoben und anscheinend sich 
den Bedürfnissen des Componisten zu unterordnen 
gesucht. 

Von der Voraussetzung ausgehend, dass die 
Legende des „Cid“ in so allgemeinem Masse be- 
kannt ist, dass wir füglich auf eine genaue Ana- 
lyse des historischen Hintergrundes der neuen 
Oper verzichten können, wollen wir in knappen 
Strichen blos den allgemeinen Gang der Handlung 
des Libretto’s skizziren. Der Held des Stückes, 
Don Rodrigo, der Sohn des spanischen Helden 
Don Diego, ist die Personification der spanischen 
Heldenepoche, des glorreichen Abschnittes der Ge- 
schichte dieses unglücklichen Landes, in welcher 
den hartbedrängten Spaniern es endlich gelang, 
ihre maurischen und sarazenischen Bedrücker zu 
besiegen. Der Vater des Don Rodrigo, der greise 
Don Diego, wurde von dem Grafen von Gormas 
tödtlich beleidigt. Der alte Mann, zu kraftlos, um 
die Waffen selber zu führen, ist ausser Stande, 
die Beleidigung im Blute seines Gegners zu waschen, 
und der Kummer, den ungerächte Schmach ihm 
bereitet, nagt an seinem Leben. Allein, wenn Don 
Diego auch zur Waffe nicht mehr greifen kann, 




Digitized by (j 



218 Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 

so soll die ihm angethane Beleidigung dennoch 
nicht ungerächt bleiben. In seinem Sohne, dem 
heldenmüthigen Jünglinge, den der Graf von Gor- 
mas selber zum Ritter geschlagen hatte, ist ihm 
ein Rächer erwachsen, der mit dem kaum erhal- 
tenen Schwerte den Schandfleck am Ehrenschilde 
seines Hauses wegwischen wird. Allein der Be- 
leidiger seines Taters, der Mann, dessen Blut ver- 
gossen werden muss, um die Ehre des Don Diego 
zu rächen, ist der Vater der Chimene, der holden 
Maid, die das Herz des Jünglings im Sturme er- 
obert hat. Er liebt sie, die schöne Tochter des 
Grafen von Gormas, mit all’ dem Feuer, welches 
die erste Liebe eines edlen Gemüthes kennzeichnet. 

Im Widerstreite zwischen Liebe und Pflicht, 
der harten Pflicht, welche die geschändete Ehre 
auferlegt, gebietet der junge Rodrigo seinem 
Herzen Schweigen. Der Jüngling lauert dem be- 
währten Kriegsmann in einer Strasse der guten 
Stadt Burgos auf und zwingt denselben zum Zwei- 
kampfe. Nach einigen Gängen fällt Dön Gormas, 
mitten ins Herz getroffen, todt zu Boden. Das 
Waffengeklirr hat die Schlossleute erweckt. Wachen, 
Gäste, sowie die Töchter des Grafen Gormas er- 
scheinen, man hebt den Leichnam auf, trägt ihn 
ins Schloss und die schöne in Thränen gebadete, 
über den Verlust ihres Vaters vor Schmerz fast 
sinnlose Chimene flucht dem feigen Meuchelmörder. 
Wie irrsinnig lässt sie ihre Augen in der Runde 



Digitized by Google 




*■ ' f» 



Massenet’» neueste Oper der „Cid“. 219 

schweifen, nach dem Mörder suchend. Endlich er- 
blickt sie ihren Geliebten, ihren Bräutigam, den 
Mann , den sie mit der ganzen Inbrunst ihres 
keuschen Herzens liebt. — Erfreut stürzt sie auf 
ihn zu, er wird ihren Yater rächen. 

Allein die verlegene Haltung Don Rodrigos 
belehrt sie sehr bald, dass ihr Yater von seiner 
Hand gefallen. Sie hält inne, ihre Schritte werden 
unsicher — es schwindelt ihr, Todtenblässe be- 
deckt ihre Wangen — sie ringt nach Fassung — 
nach Athem. O ! es ist schrecklich, er, der ange- 
betete, theuere Mann, ihr Ideal, die Heldengestalt, 
die sie in ihren süssen Träumen immer erschaut, 
hat seine Hände mit dem Blute ihres Yaters be- 
fleckt. Mit einem herzzerreissenden Aufschrei : „Er 
ist’s, er ist der Mörder“ sinkt sie bewusstlos zu 
Boden. 

Das folgende Bild zeigt uns ein spanisches 
Volksfest aus dem 11. Jahrhundert. Wir finden 
hier alle Stämme der hiberischen Halbinsel in 
ihren malerischen Nationalcostümen versammelt. 
Die Castilianer, Andalusier, Arragonier, Catalonier, 
die Bewohner von Madrid, von Navarra etc. sind 
mit ihren Guitarren herbeigeströmt um die Siege 
über die Mauren durch öffentliche Festlichkeiten 
zu feiern. Der König mit seinem Hofe, von dem 
Volke stürmisch acclamirt, erscheint auf der Bühne, 
um vor dem versammelten Volke nach alter Sitte 
und herkömmlichem Brauch, Recht zu sprechen. 



Digitized by Google 



220 



Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 



Da nähert sich Chimene mit ihrem Frauengefolge 
dem Throne, wirft sich dem Könige zu Füssen 
und fleht mit gefalteten Händen um Gerechtigkeit. 
Sie verlangt den Kopf des Mörders ihres Yaters 
als Sühne für das begangene Verbrechen, sie be- 
gehrt stürmisch und in leidenschaftlichen Worten 
die Verurtheilung zum Tode des Mannes , bei 
dessen Anblick ihr Herz in nie gekannter Wonne 
erzittert. 

' Die Scene ist wunderbar. Die gewaltigen 
Klänge der Musik Massenet’s, der die verschiede- 
nen Gefühle im Herzen Chimenens meisterhaft in 
Tönen zu interpretiren verstand, machte auf das 
Publikum eine ungeheuere Wirkung. Der König 
schwankt. In diesem Augenblicke kommt die Nach- 
richt, dass die Mauren mit frisch herbeigezogenen 
Truppen die Provinzen des Reiches überfluten. 
Das Urtheil wird vorderhand noch nicht gefällt 
und Rodrigo zieht an der Spitze der Armee dem 
Feinde entgegen. 

Das folgende Bild entrollt vor unseren Augen 
das Kriegslager der Spanier vor Cadix. Costüme, 
sowie Decorationsstücke sind geradezu feenhaft 
schön. Die spanische Armee ist in voller Auflösung 
begriffen und Rodrigo muss seinen Schutzpatron 
anrufen um die undisciplinirten Massen Zusam- 
menhalten zu können. Das Wunder geschieht, der 
heilige Jacob von Compostella erscheint, die wilden 
Gemüther der trotzigen Söldner lehnen sich gegen 



Digitized by Google 




Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 



221 



die militärische Zucht nicht mehr auf und die 
Mauren werden natürlicherweise aufs Haupt ge- 
schlagen. Mit dem Siege Rodrigo’s schliesst der 
3. Act. 

Das erste Bild des 4. Actes (neuntes Bild 
der Oper) spielt am Hofe des Königs in Granada. 
Das Gerücht über Rodrigo’s Tod hat sich plötzlich 
verbreitet , alle Welt beklagt den Helden und 
Chimene, bei der das Herz erwacht ist , macht 
ihrem Liebeskummer in einer reizenden Arie : 
„Eclats, mon amour, cesse de te contraindre“ Luft. 
Da erscheint der König als Ueberbringer der frohen 
Botschaft, dass Rodrigo, der grosse Held, den die 
von ihm in die Flucht geschlagenen Mauren „den 
Cid“ benannt haben, lebe. Chimene aber, da nun 
einmal ihr Liebesschmerz gestillt ist, erinnert sich 
des Todes ihres Täters, neuerdings bestürmt sie 
den König, über Rodrigo das Todesurtheil zu 
fällen. Der König, in die Enge getrieben, greift 
zu einer geschickten List und betraut Chimene, selbst 
über Rodrigos Schicksal zu entscheiden. 

Tunmehr erwacht in ihrem Herzen neuerdings 
die Liebe, erröthend fällt sie dem Helden um den 
Hals, mit leiser Stimme die Worte „Ich liebe Dich“ 
murmelnd, und die Oper endet in ziemlich banaler 
Weise mit einem llochzeitsfeste. 

Massenet hat sich in diesem Werke wieder 
als eine genial veranlagte Dichternatur geoffenbart. 
Er nähert sich im „Cid“ der Gleichheit des vokali- 



Dijjitized by Google 




222 



Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 



sehen Ausdruckes und der Klarheit melodischer 
Ideen in einer sehr präcisirten Weise, und das 
gewählte Auditorium dieser denkwürdigen Premiere 
hat diese von dem Componisten eingeschlagene 
Richtung durch einen überreichen Beifall sofort 
ratificirt, denn es hat verstanden, was er äussern 
wollte, wodurch auch unmittelbar ein intimer Con- 
takt des Werkes mit der modernen Geschmacks- 
richtung sich herausbilden konnte. 

Obschon wir in Massenet’s neuester Partitur 
noch zahlreiche Stellen rein declamatorischer Natur 
finden, die oft durch den Gang der Handlung be- 
dingt sind, finden wir andererseits, dass sein Accent 
im Recitativ bedeutend abgenommen und nur dort 
in Anwendung gebracht erscheint, wo es übel ge- 
passt hätte, gewisse Yerse des grossen Corneille 
in Cavatinen zu kleiden. 

Massenet lässt im „Cid“ die handelnden Per- 
sonen in den reinen Principien Gluck’s declamiren, 
ja oft in einem Stile des tragischen Vortrages, 
welcher der Harmonie keinen Abbruch thut. Im 
Ganzen betrachtet ist die Partitur des „Cid“ ein 
glänzendes Meteor auf dem zeitgenössischen Himmel 
der Kunst. So gut sich Massenet allererst als ein 
bedeutender Colorist, dann als beschreibender 
Autor manifestirte, entdeckt er uns im „Cid“ ein 
hochentwickeltes Temperament dramatischer Natur, 
das er, um es vor Uebertreibung zu schützen, 
häufig durch symphonistische Farben zu beruhigen 



Digitized by Google 




Massenet’s neueste Oper der „Cid“. 223 

sucht. — Wir finden im „Cid“ wohl nicht die 
herrliche orchestrale Malerei, die uns in seinem 
prächtigen „König von Lahore“ entzückte, hin- 
gegen sind wir durch das machtvolle Lamento der 
Chimene, der grossen Arie Rodrigo’s, der sich ein 
Mozart zu schämen nicht gebraucht hätte, und das 
Liebesduo voll süsser Empfindung und Schwärmerei 
reichlichst entschädigt. Sie allein genügten, ein 
Werk, eine Schule und den Meister zu ver- 
herrlichen. 

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle 
eine Analyse der bemerkenswerten Partitur vor- 
nehmen zu wollen ; andererseits wäre es auch eine 
Sünde, nicht alle jene Episoden des Werkes her- 
vorzuheben, die zumeist auf die andachtsvolle Ge- 
meinde wirkten, welche sich heute als ein in- 
appellabler Areopag in dem prächtigen Saale des 
Granier’schen Monumentes zusammenfand. Er- 
wähnen wir daher in aller Eile vor Allem der 
Ouvertüre, die der Tondichter in einer Art von 
Potpourri zusammenstellte, das uns gleich in rascher 
Aufeinanderfolge die Hauptmotive des Opus zu 
Gehör bringt. Ueberwältigend ist der Trompeter- 
Marsch, welcher im ersten Acte den Eid Rodrigo’s, 
sowie der grosse Satz, der das Duell begleitet. 
Als charakteristisches Thema, das auch als das 
Leitmotiv betrachtet werden darf, gilt die Liebe 
zwischen Rodrigo und Chimene, denn es kommt 
in den Gesangspartien ebenso oft, als in der 



Digilized by Google 




224 



Massenet’a neueste Oper der „Cid“. 



Orchester-Begleitung vor. Es ist dies eine lang- 
same, ausdrucksvolle Melodie im Dreiviertel-Takt, 
die von Ilarfenkliingen getragen im ersten Acte 
auf die Worte: „Ange ou femme“ componirt ist 
und in der Eidesscene in der gleichen Tonart, so- 
wie die träumende Chimene vor dem lamentiren- 
den liodrigo vorüberzieht, wieder hörbar wird. Das 
zwischen Chimene und der Infantin: „ah! parpitie 
ne l’aimez pas“ ist von einer schmiegsamen Grazie 
und einer reinen vollendeten Melodie. 

Häufig lehnen sich aber auch mehrere Num- 
mern, theils an Gounod, theils an Verdi an und 
gilt das vorzugsweise von den Partien, wo lärm- 
volle Effecte grosser Massen zum Ausdrucke kom- 
men sollen. 

Im Ballet ist Massenet bekanntlich ein Meister, 
was er aber an Klang und Zusammenspiel im „Cid“ 
geleistet, kann man füglich als eine „Art con- 
somme“ bezeichnen. Der Tanz ist voll Charakteristik 
im Pas sowohl, als in der wundervollen Ausstat- 
tung und gab der Prima ballerina, der sylphiden- 
haften Mauri, Gelegenheit zu einem durchschla- 
genden Erfolge. 



Digitized by Google 



„Georgette“ von Victoricn Sardou. 



Doccmber, 1885. 

Das Weihnachtsgeschenk, mit welchem Sardou 
die Parisar in diesem Jahre überraschte, ist von 
so absonderlicher Natur, dass ich erst nach langem 
Zögern mich dazu entschliessen konnte, an die 
Analyse dieses Werkes zu gehen. Ein Stück von 
Sardou darf nicht ä la legere behandelt werden, 
selbst wenn die Zusammensetzung des Stoffes, der 
in diesem Falle eigentlich nur in einer Situation 
gipfelt, den Kritiker in Verlegenheit setzt und ver- 
wirrt. Das neue Stück Sardou’s ist nach meiner 
Auffassung eigentlich weit eher eine dramatisirte 
Abhandlung über eine gesellschaftliche Frage, denn 
eine Comödie im modernen Sinne. Um Comödie 
zu sein, fehlen der „Georgette,“ wie ich sofort 
nachzuweisen bestrebt sein werde, fast alle Erfor- 
dernisse, die wir an ein Drama oder an ein Schau- 
spiel zu stellen gewöhnt sind. 

Sardou wirft in seiner „Georgette“ die uralte 
Frage, welche schon so oft behandelt wurde, neuer- 
dings auf; die Frage, die da lautet: „Darf ein 

Beruh. Frey, Pariser Leben. 15 



Qigitized by Google 




226 „Georgette“ von Victorien Surdou. 

Manu von Ehre, ein Mann, der auf Familientra- 
ditionen hält und als V ertheidiger der Gesellschafts- 
ordnung gilt, die Tochter einer Verlorenen als 
Gattin in seine Familie einführen?“ Diese Frage 
nun, welche schon im Buche wie auf den Brettern 
unzählige Male beleuchtet wurde, w r eiss Sardou im 
ersten Acte seines Stückes in einer, was drama- 
tische Technik anbelangt, geradezu glänzenden 
Weise zu exponiren, und mit den einfachsten 
Mitteln der Welt uns alle Elemente der Causa, 
sozusagen im Handumdrehen, mitzutheilen. Der 
erste Act, welcher diese Exposition enthält, ist in 
seiner Mache geradezu meisterhaft zu nennen. 
Capitän Chavel de Ohabreuil, aus Afghanistan 
zurückgekehrt, erhält von einer Milady O’Donnor, 
Herzogin von Carlington, eine Einladung zu einer 
gemüthlichen Plauderei. Er kennt die Dame nicht 
und erscheint voller Erwartung und Neugierde. Da 
kommt ihm eine Dame mit ausgestreckter Hand 
entgegen, die ihn als alten Bekannten begrüsst: 
„Ja, ich bin’s, deine alte Freundin Georgette. 
Dir, meinem ältesten Cameraden, dem erprobten 
Gefährten aus einer Zeit, die mir nur Unheil 
brachte, bin ich wohl verpflichtet, die Geschichte 
meiner Besserung zu erzählen.“ 

Die Herzogin ist Georgette, die übermüthige 
Sängerin des Tingl-Tangl’s „Alcazar phocien,“ die 
unter dem Spitznamen „Jojotte“ Marseille in Extase 
versetzte. Er, der Capitän, hat mit ihr viel ver- 



Digitized by 



„Georgette“ von Victorien Sardou. 227 

kehrt, war doch sein intimster Freund, der ebenso 
tapfere wie tadellos ehrenhafte Paul von Cardilhac 
ihr erklärter Geliebte. Georgette hat ihren Paul 
leidenschaftlich geliebt, die Liaison hatte Folgen 
gehabt, das wusste Chabreuil. Aber nach dem Tode 
seines Freundes, der an seiner Seite bei Grave- 
lotte für’s Vaterland den Heldentod starb, hatte 
■er Georgette nicht mehr gesehen — sie war ver- 
schollen. 

Georgette schüttet nun vor dem alten Freunde 
ihre Seele aus: Sie war Mutter. Die ganze Glut 
ihres leidenschaftlichen südlichen Temperamentes 
übertrug sie nach dem Tode des angebeteten 
Mannes auf seine Tochter, auf die kleine Paula, 
■die sie glücklich und geehrt wissen wollte. Sie 
schloss sich einem Abenteurer an, der einen faden- 
scheinigen und höchst precären Grafentitel besass, 
um ihrer Tochter einen Namen geben zu können. 
In Eile und Hast erzählt sie dem Krieger die 
schweren Kämpfe, die sie zu bestehen ha^te, die 
Leiden, welche sie ertragen musste, die Qualen 
und Bitternisse, mit welchen der schmale Pfad 
gepflastert war, den sie aus der Tabak geschwän- 
gerten Athmosphäre des Cafd Concert in die Kreise 
der guten Gesellschaft geführt. Sie musste nach 
Amerika wandern, in Cincinnati einem pustenden 
und dicken Industriellen, der Millionen besass, sich 
zu eigen geben. Als dieser nach kurzer Zeit starb 
und sie zur Universalerbin einsetzte, ging sie auf 



Digitized by Google 



228 



„Georgette“ von Yictorieu Sardou. 



die Suche nach einem authentischen Herzog und 
entschloss sich schliesslich, mit einem schrecklichen, 
halb blödsinnigen Manne ins Ehejoch sich spannen 
zu lassen. Sie that es — weil nur auf diese Weise 
es ihr möglich war, ihre Paula zu sich ins Haus 
zu nehmen. Fünfzehn Jahre lang hat sie Fegefeuer- 
qualen erduldet, um jetzt durch die Mutterfreuden 
entschädigt zu werden. — Der Capitän lobt ihr 
Yerfahren — ja er bewundert ihren Muth und 
geloht feierlich, über ihre Vergangenheit zu schwei- 
gen; er bietet ihr sogar seine Dienste zur Förde- 
rung ihrer Heiratspläne mit Paula an. 

Da erscheint Paula, die Tochter der Cour- 
tisane. Auf den ersten Blick erkennt Chabreuil in 
ihr seinen so früh heimgegangenen Freund. Ja! 
es ist dieselbe hohe, reine Stirne, dieselben glän- 
zenden Augen, dieselben edlen Züge, welche der 
Ausdruck der Offenheit und Rechtschaffenheit, der 
Herzensgüte und Ehrenhaftigkeit verklären. Das 
jung» Mädchen begrüsst den Krieger aufs Herz- 
lichste. 

„O ! Sie sind mir kein Unbekannter, wir 
sprechen oft von Ihnen, ich und meine Freundin, 
Ihre Nichte Aurora, mit der ich schon im Pen- 
sionate eng befreundet war.“ 

Die Stirne des Capitäns kleidet sich in häss- 
liche Falten, aus gepresster Brust ringt sich dumpf 
die Frage empor : 

„Sie kennen meine Nichte ?“ 



Digitized by Google 
- 




„Georgette“ von Yictorien Sardou. 229 

„„Ja gewiss“, betheuert ahnungslos Paula; 
„ich kenne auch Ihre Schwägerin, die Gräfin von 
Chabreuil , die Freundin meiner Mutter , auch 
Goutran, Ihren Neffen.“ 

Chavel von Chabreuil, der erst vor einem 
Augenblicke die Handlungsweise „Georgettens“ 
aufrichtig bewundert hat — ist nunmehr anderer 
Meinung. Er findet es natürlich, dass „Georgette“ 
auf Grund eines durch Contrabande erlangten 
Herzogstitels in die Gesellschaft sich einschmuggelt, 
dass sie jedoch auch die Freundin seiner Schwä- 
gerin wird, dass ihre Tochter mit seiner Nichte 
stets verkehren soll — oder sogar seinen Neffen 
. . . . Nein ! Nein ! Das darf nicht sein. Bis hieher 
und nicht weiter. 

In dürren Worten setzt er die Bedingungen 
seines Ultimatum’s der ehemaligen „Jojotte“ aus- 
einander. Alles will er ihr zu Gefallen thun — 
falls sie sofort den "Verkehr mit den Seinen 
abbricht , im entgegengesetzten Falle wird er 
sprechen. 

Wie aber den Bruch verbereiten? Von Paris 
fortgehen ? Unmöglich ! Der alte Lord ist sterbens- 
krank. Eine solche fluchtartige Abreise wird auf- 
fallen und Tags darauf wird ganz Paris erfahren, 
dass die Herzogin von Carlington „Jojotte“ hiess. 

Diese Exposition ist meisterhaft durchgeführt. 
Sie hat jedoch den einen Cardinalfehler, dass sie 



Digitized by Google 



230 „Georgette“ von Victorien Sardou. 

a priori jedwede friedliche Lösung der Verwicklung 
unmöglich macht. 

Bevor jedoch noch Georgette in die Lage 
kommt einen diesbezüglichen Entschluss zu fassen, 
zwingen die Verhältnisse Chabreuil das Schweigen 
zu brechen. Seine Schwiigerin hat nämlich immer 
seine Rückkehr abgewartet , um an die Ver- 
heiratung ihres sechsundzwanzigjährigen Sohnes 
Goutran zu denken und fragt nunmehr den jungen 
Lieutenant in Gegenwart seines Onkels, ob er 
nicht heiraten wolle. Goutran antwortet zustimmend 
und gesteht, seine Liebe zur Comtesse Paula 
d’Albeot — ein Geständnis«, auf welches übrigens 
seine Mutter gefasst war. Beide ersuchen nun den 
Capitän von Chabreuil, die Herzogin von Char- 
lington, die er ja seit zwanzig Jahren kennt, zu 
sondiren — ob diese Verbindung ihr Zusage. 

Capitäi; Chabreuil enthüllt nunmehr die Ver- 
gangenheit der Herzogin. Die Gräfin ist entsetzt 
und will jeden Verkehr abbrechen. Allein ihr 
Sohn beginnt mildernde Umstände zu plaidiren 
und das Argument ins Treffen zu führen, dass die 
unschuldige Tochter für die Vergangenheit ihrer 
Mutter keinesfalls verantwortlich sei. Diese Scene 
in der die Gräfin von Chabreuil — die tadellose 
und sittenstrenge Frau — im Namen der Moral 
und der Gesellschaft ihren Sohn zur Verzichtleistung 
auf Paula zu bewegen sucht — - während Goutran, von 
der Leidenschaft getrieben, durch Vernunftgründe 



Digitized by Googl« 



„Georgette“ von Victorien Sarilou. 231 

die Einwilligung seiner Mutter zu erlangen strebt, 
ist meisterhaft geschrieben. Der Zuschauer kommt 
nicht zu Athem, er folgt mit fieberhaftem Interesse 
den Phasen des Dialoges. Die Gräfin, durch den 
Widerstand ihres Sohnes in die Enge getrieben, 
wendet sich schliesslich an ihren Schwager, mit 
der Frage : — „Ob es denn zulässig sei, dass 
eine von den Geschäften zurückgezogene Courti- 
sane die Grossmutter der Kinder eines Grafen von 
Chabreuil sei und fügt zu ihrem Sohne gewendet 
hinzu : 

„Und Du, mein Sohn, kannst Du es wollen, 
dass ich in eine Linie mit einer Georgette Couval 
gestellt werde, dass wenn Deine Kinder Gross- 
raama lallen, man im Zweifel sei, ob sie die Gräfin 
von Chabreuil oder eine „Jojotte“ meinen? Die 
Antwort, welche der Capitän von Chabreuil seiner 
Schwägerin ertheilt, gibt uns eine Vorahnung der 
Lösung des gesellschaftlichen Problemes, welches 
Sardou in seiner „Georgette“ aufgeworfen: 

„Sie haben unbedingt Recht, meine Liebe; 
— aber er, Ihr Sohn, hat ebenfalls Recht. Ich 
billige unbedingt, dass Sie Ihr Haus einer so Com- 
promittirten versperren, andererseits kann ich aber 
Goutran nur beglückwünschen, dass er die reine 
und sittenstrenge Tochter in dieses Haus einzu- 
führen gedenkt. S i e vertheidigen die Familie, — 
e r spricht im Kamen der Humanität. S i e reden 
die Sprache der kalten Vernunft, — er antwortet 



Digitized by Google 




232 „Georgotto“ von Yictorien Sardou. 

mit dem Herzen. (Nach einigem Nach- 

denken) Und die Lösung? — Es gibt eben, — 
wie bei den meisten Problemen ähnlicher Natur 

— keine Lösung. — Aus dieser ganzen Streit- 

frage lässt sich eben leider keine andere Moral 
ziehen, — als die, dass eine galante Frau ihre 
Tochter nicht tugendhaft erziehen darf. (Gräfin 
Chabreuil protestirt durch Hand- und Kopfbewe- 
gung). Diese Lösung sagt Ihnen nicht zu ? 

Finden Sie doch eine andere! — “ 

Gräfin Chabreuil: „Würden etwa Sie, mein 
Schwager, den Entschluss fassen können, dieses 
Mädchen zu heiraten ? — “ 

Capitän von Chabreuil: „Ich? Mit Freuden! 

— Aber ich bin eben ein alter Junggeselle. Ich 
bin unabhängig, schulde Niemandem Rechenschaft 
über meine Handlungen und kümmere mich um das: 
„man sagt“ blutwenig. (Gegen Goutran gewendet, 
ernst) : Du hast Pflichten gegen Andere, insbe- 
sondere gegen Deine Mutter, der Du eine Ver- 
bindung, die ihr widerstrebt, nicht aufdringen, der 
Du die Adoption einer Tochter, die ihrem Herzen 
fremd bleiben wird, nicht vorschlagen darfst.“ 

Die Gräfin bleibt unerbittlich — sie verweigert 
ihre Einwilligung, macht aber den Sohn aufmerk- 
sam, dass er auch ohne mütterliche Einwilligung 
heiraten kann. Allein Goutran ist ein pflichteif- 
riger Sohn — er erklärt, ohne Einwilligung seiner 
Mutter keinesfalls heiraten zu wollen. Die Gräfin 



Digitized by Googtcj 




„ Georgette“ von Yictorien Sardou. 233 

nimmt diese Erklärung gerührt zur Kentniss und 
beschliesst, sofort alle Beziehungen mit der „Her- 
zogin“ abzubrechen. Sie hat Paula zum Diner ge- 
laden und ersucht nun ihren Schwager, Paula zu 
empfangen und unter irgend einem Vorwände zur 
Mutter zurückzugeleitcn. Die Freundin Paula’s, 
— Aurora, die Nichte der Gräfin von Chabreuil, 
welche Goutran liebt und aus Herzenskummer, 
da der Mann ihrer Ideale um ihre Freundin sich 
bewirbt, ins Kloster gehen will — erzählt nun in 
ihrer Naivetät der ahnungslosen Paula, dass es 
zwischen der Gräfin von Chabreuil und ihrem 
Sohne zu einem Wortstreite kam, bei dem — wie 
sie zufällig hörte — die Worte Heirat, Paula etc. 
gefallen sind. Diese Andeutungen, einige dunkle 
Erinnerungen, die verlegenen Antworten ihrer 
Gouvernante Miss Burton, die früher Gesellschafts- 
dame der „Jojotte“ gewesen, welche Paula über 
die Vergangenheit ihrer Mutter befragte, öffnen 
dem ahnungslosen Mädchen die Augen. Sie erräth 
die Vergangenheit ihrer Mutter. — Da erscheint 
Georgette — sie merkt, dass im Geiste ihrer 
Tochter irgend ein Process vorgehe und der Ge- 
danke, dass Paula ihre Vergangenheit ahne, 
macht sie erbeben. Und Paula? Sie fallt schluch- 
zend ihrer Mutter um den Hals und drückt sie 
leidenschaftlich an ihr Herz. 

Mittlerweile ist es den vereinten Bemühungen 
Goutran’s und des Capitäns gelungen, die Gräfin 



Digitized by Google 




234 



Georgette“ von Yictorien Sardou. 



von Chabreuil zu Concessionen zu bewegen. Sie 
will in die Verbindung willigen — vorausgesetzt, 
dass die Mutter Paula’s vom Schauplatze ver- 
schwinde. 

Goutran überbringt diese Botschaft seiner 
Geliebten und bittet sie um Herz und Hand. Als 
Antwort stellt Paula an ihn die Anfrage, ob er 
ohne Einwilligung seiner Mutter sie geheiratet 
hätte? Goutran antwortet offenherzig: 

„Nein.“ 

„Und Sie verlangen von mir“, gibt sie ihm 
zur Antwort, „dass ich meine Mutter opfern soll, 
um Ihr Haus betreten zu können? Gestehen wir 
uns doch, dass diese Heirat unmöglich ist.“ 

Der Hauptvorwurf, der Sardou mit Hecht 
gemacht werden kann, lautet: „Georgette“ gehört 
nicht auf die Bühne. Jedes Bühnenstück muss 
eine befriedigende Lösxing haben. In „Georgette“ 
finden wir aber auch nicht die Spur einer Lösung. 
Sardou wagt es nicht, der aufgeworfenen Frage an 
den Leib zu gehen. Er entwickelt sie, führt mit be- 
wunderungswürdiger Logik alle Argumente für und 
wider in seinem zweiten Acte ins Treffen, traut 
sich aber nicht in dieser Streitfrage, ein end- 
giltiges Urtheil zu fallen. Es ist kaum anzunehmen, 
dass Sardou ein Stück schreiben wollte, dem eine 
Pointe fehlt. Der geniale Dramatiker wollte ge. 
wiss irgend eine Behauptung — eine These — in 
seinem Stücke erhärten. Welche? wollte er etwa 



Digitized by Googli 



Georgette“ von Yictorien Sardou. 



235 



beweisen, dass es heute schwieriger ist, die Toch- 
ter einer Courtisane unter die Haube zu bringen, 
als die Tochter einer anständigen Familie ? Nun, 
diese Wahrheit kennt ja alle Welt. Uebrigens, es 
ist ja geradezu im Interesse der gesellschaftlichen 
Moral gelegen, dass dem so sei. Wollte Sardou — 
um mich einer landläufigen Phrase zu bedienen 

— etwas Anderes beweisen? Es ist wahrschein- 
lich ! Allein es ist nicht leicht möglich, seine Inten- 
tionen zu errathen. Er frägt, ob ein Ehrenmann 
die Tochter einer Courtisane heiraten darf, sub- 
sidiär wirft er auch die Frage auf, was eigentlich 
aus diesen Töchtern werden soll, falls ein Ehren- 
mann dieselben nicht heiraten darf; — allein er 
bleibt uns leider auf diese beiden Fragen die 
bündige und klare Antwort schuldig. Die Tochter 
der Georgette kann den Mann, den sie liebt, nicht 
heiraten! Wohlan! Wird sie in ein Kloster gehen? 

— wird sie an gebrochenem Herzen sterben? 
Nein ! — Sardou deutet an, dass sie vielleicht einen 
anderen reiferen Ehrenmann wird heiraten können, 
den Capitän Chabreuil nämlich, in dessen Herzen 
die reizende Paula den Johannestrieb wachruft. 

Wäre Paula arm, so hätte Sardou gewiss 
nicht gezögert, sie mit ihrem Geliebten Goutran 
zu vereinen. Aber die Millionen, die ihre Mutter 
schändlicher Weise erworben — stehen, nach 
Sardou’s Ansicht, dieser Verbindung im Wege. 
Soll man etwa aus dieser Argumentation den 




236 „Goorgotte“ von Yictorien Sardou. 

Schluss ziehen, dass es den Courtisanen verboten 
sei, für ihre Töchter Mitgiften zu sammeln? 

Offen gestanden, es ist mir unmöglich, in 
diesem neuen Stücke Sardou’s mich zurecht zu 
finden. Nach der Ausführung Sardou’s ist anzu- 
nehmen, dass Paula und ihr zukünftiger Gatte 
Chavel von Chabreuil glücklich sein werden. Der 
einzige „Unglückliche“ wird Goutran sein, der 
Paula leidenschaftlich liebt. Allein Goutran ist 
absolut unschuldig, ihm fallt auch nicht ein Atom 
der dramatischen Schuld zu. Dafür fliegen dem 
Capitän Chavel die gebratenen Tauben direkt in 
den Mund? Warum soll er denn diese Paula — 
das Sinnbild der Tugend und Unschuld heim- 
führen ? Er, der Mann, der nie gelitten, nie um 
ihren Besitz gekämpft hat ? Ich glaube, dass alle 
diese aus dem Stücke nicht zu beantwortenden 
Fragen deutlich und klar uns beweisen, dass 
Sardou die Frage, welche er aufgeworfen, weder 
theoretisch noch praktisch zu lösen im Stande 
gewesen. 

Nunmehr wollen wir vom Standpunkte des 
reinen Theatermenschen „Georgette“ in’s Auge 
fassen. — Die erste Voraussetzung jedes modernen 
Drama’s — ist das Aneinanderprallen zweier sich 
bekämpfender Leidenschaften. Finden wir in 
„Georgette“ diesen Kampf der Empfindungen ? 
Nein ! Georgette hat Alles gethan, was sie thun 
konnte. Sie hat ihre Tochter sittsam erzogen. 



Digitized by Cooglel 




Georgette“ von Victorien Sardou. 



337 



Ihre Aufgabe ist erfüllt. Paula , ihre Tochter, 
erfahrt allerdings, dass ihre Mutter eine „Gefallene“ 
war. Der Augenblick, in dem sie diese Wahrheit 
errätli, ist von Sardou meisterhaft gezeichnet. — 
D i e Scene dürfte eine der schönsten des modernen 
Repertoires sein. — Allein diese Scene kann ganz 
gut gestrichen werden. Sie ist nur Episode und 
das Stück könnte auch ohne diese Scene bestehen, 
d. h. nach der Mache Sardou’s ist es eigentlich 
überflüssig, dass Paula die Vergangenheit ihrer 
Mutter erführt. Paula ist eben nicht die handelnde 
Person des Stückes. Alle Gestalten drehen sich 
um sie — und sie allein bleibt an der Scholle 
hängen. Nur am Schlüsse spricht sie das definitive 
„Nein.“ 

Nur zwischen Goutran und seiner Mutter 
kommt es zu einem Aneinanderprallen der Leiden- 
schaften. Die Mutter sagt „Nein“ und versucht, 
bei ihrem „Nein“ zu beharren. Der Sohn will 
zwar — allein er beschliesst, sich dem Willen der 
Mutter zu unterwerfen. Und als schliesslich die 
Mutter ihre Ansicht ändert und ein halbes „Ja“ 
sagt, bleibt der Sohn stille und Paula lässt ein 
lautes „Nein“ erschallen. 

Jeder andere Dramatiker wäre mit einer vor- 
gefassten Ansicht an die Bearbeitung des Stoffes 
gegangen. Goutran konnte ja gegen den Willen 
der Mutter heiraten. Er hätte auch als gehorsamer 
Sohn vor dem Willen seiner Mutter sich beugen 



D'igitized by Google 



238 „Georgette“ von Victorien Sardou. 

und seinem zwecklosen Leben einen jähen Ab- 
schluss bereiten können. 

Das Thema ist, wie ich schon bemerkte, 
wiederholt bearbeitet w T orden. Mallefille beschäftigt 
sich in seinen „Reuigen Weibern“ ebenfalls mit 
dieser Frage : Er lässt die schuldige Mutter in die 
Gew r alt des dem Trünke ergebenen Kalmuken 
zurückfallen, der sie in die Ukraine entführt. Sardou 
hat diesen Schluss schon in seiner Exposition eli- 
minirt. Delpit führt uns in seinem „Fils de Coralie“ 
einen ehrenhaften Officier vor, der die Vergangen- 
heit seiner Mutter zufällig erfährt. Allein Delpit’s 
Held handelt — er drängt seinen Willen auf. Er 
umarmt seine schuldige Mutter, über die zu Gericht 
zu sitzen ihm nicht zusteht, — aber er verzichtet 
auf die Millionen. Duma’s bietet uns in seinem 
Stücke „Idees de Mme. Ausbray“, sowie in Denise 
in ähnlichen Fragen Lösungen, die kaum als 
acceptabel betrachtet werden können. Allein er 
entwickelt ohne Zagen seine Anschauungen, sagt 
uns offen, was er will, die Richtigkeit seiner An- 
schauungen zu erhärten suchend. In „Georgette“ 
hingegen rafft keine der handelnden Personen sich 
zu einem Entschlüsse auf. 

In „Odette“ hat zwar Sardou uns eine Art 
von Lösung einer ähnlichen Frage angedeutet. Die 
Mutter der Odette verschwindet um ihrer unschul- 
digen Tochter, die ihre Vergangenheit nicht kennt, 
das Erröthen über ihre Mutter zu ersparen. In 






„Georgette“ von Yictorien Sardou. 239 

„Georgette“ weiss aber Paula Alles — und sie 
fallt ihrer Mutter um den Hals, drückt sie an’s 
Ilerz und bedeckt sie mit leidenschaftlichen Küssen. 
Die Scene ist von grossartiger Wirkung — leider 
ist diese momentane blitzartige Handlung — dieser 
reizend geschilderte oder richtiger gesagt, ange- 
deutete Process im Kopfe und im Herzen Paula’ s — 
die einzige wirkliche Handlung, die im Stücke vor- 
kommt, der einzige Entschluss, zu dem die han- 
delnden Personen sich aufraffen. 

Hätte Sardou etwa seine Paula Alles früher 
schon errathen lassen, wäre diese Paula, ohne 
dass ihre Mutter es ahnt, im Klaren über ihren 
Ursprung und würde sic selber die Werbung des 
Grafen mit einem entschiedenen „Nein“ beantworten, 
so hätte Sardou alle Elemente zu einer tragischen 
oder dramatischen Lösung, so wäre er im Stande 
gewesen, seinem Stücke ein pulsirendes Leben ein- 
zuflössen. Allein „Georgette“ als Stück genommen, 
ist todt — absolut todt — in dramatischer Hin- 
sicht — was Handlung und Spannung anbelangt — 
absolut langweilig. Obendrein sind auch die Per- 
sonen Sardou’s gewiss nicht geeignet, den Zuschauer 
zu erwärmen. Diese Mutter, die mit ihrem Körper 
Handel trieb, lässt uns ganz kalt. Wir können sie 
nicht verachten, denn sie hat Alles gethan, um ihre 
Tochter wieder gut zu machen. Sympathie für sie 
hegen? — Nun, das wäre zu stark. Paula ist 
gewiss die Unschuld und Tugendhaftigkeit selbst — 






Digitized by Google 




240 „Georgotte“ von Yictorien Sardou. 

allein ßie ist keine Heldin — sie ist kalt wie 
Stahl — ihr Herz regt sich kaum und ihr Wille 
genügt, um ohne Anstrengungen diese beginnende 
Regung zu ersticken. Yon Kampf zwischen Liebe 
und Pflichtgefühl keine Spur. Ich glaube sogar, 
dass diese Paula Sardou’s eine jener hochanstän- 
digen Frauen ist, die tugendhaft bleiben, weil sie 
— wie die „Schöne“ im Märchen — ein Marmor- 
herz im Leibe tragen. Die Gräfin, die harte, hoch- 
müthige Aristokratin, ist ebenfalls schlecht charak- 
terisirt. Sie wird plötzlich wankelmüthig, sie ent- 
schliesst sich zu halben Concessionen. Und ihr 
Sohn Goutran ist eine Wachsfigur, eine moderne 
Zierpuppe, die keinen Willen besitzt. Ihm gelüstet 
nach einem Spielzeuge, die Mutter legt ihr Ver- 
bot ein — der Junge versucht zu rebelliren — 
wirft seinen Ahnen einige Unartigkeiten an den 
Kopf — und beschliesst — weinend — zu ge- 
horchen. Au 8 diesem Holze werden keine drama- 
tischen Helden geschnitzt. 

Wir wollen zum Schlüsse «och mit der Frage 
uns beschäftigen, ob die These Sardou’s überhaupt 
Interesse einzuflössen geeignet sei ? Wir sehen, dass 
in Paris nur zu häufig Leute mit hochtrabenden 
Titeln, nicht etwa die tugendhaften Töchter, sondern 
vielmehr die sündhaften Mütter selbst glänzende 
Partien machen. Und die Welt? Selbst die exelu- 
sivste Gesellschaft öffnet mitunter auch diesen 
Eindringlingen die Flügelthüren ihrer Salons. - 



Marion Delorrae. 



257 



abgesehen von ihren Schattenseiten und Vorzügen 
als Bühnenerzeugniss, auf die Entwicklung des 
modernen französischen Dramas sowie des Romans 
einen bestimmenden Einfluss ausübte; ja die mit- 
telbare Veranlassung dieser ganzen Reihe litera- 
rischer Producte war, in der das „gefallene Weib“ 
die Hauptrolle spielt. 

In Marion Delorme finden wir diesen famosen 
Vers, den alle Apostel, Vertlieidiger und Physi- 
ologen der Courtisane, welche wahrhaft liebt, in den 
verschiedensten Weisen uns schon vorgeführt haben, 
bald als gesellschaftliche These mit mehr oder 
minder befriedigender Lösung, bald als herzzerreis- 
sende Leidensgeschichte, oder moderne Schäfer- 
idylle; diesen Vers, der so viel Contro versen her- 
aufbeschworen, so heftig und leidenschaftlich von 
den Moralisten angegriffen und verurtheilt, von 
andern wieder mit so viel Verve vertheidigt wurde. 
Ich meine den Vers: 

„Et ton ftmour m’a refait une virginitd“. 

Da nun in den letzten Zeiten, die mittlerweile 
ausser Mode gekommene Passion, mit den Gefühlen 
der „Freudenstöchter“ sich zu beschäftigen wiede 
in Schwung zu kommen scheint und Dramaturgen 
von so unbestrittenem Werthe wie Sardou und 
Dumas — von Daudet’s und Belot’s Sapho ganz 
abgesehen — neuerdings die Courtisane auf die 
Bretter stellen, um für die alten Thesen in moder- 

Bernb. Frey, Parlier Leben. 17 



D« 



1 by Google 



258 



Marion Dclorme. 



nisirter Fassung uns zu erwärmen; so ist es gewiss 
gerechtfertigt, wenn wir dieser Marion Delorme, 
diesem Stücke, welches angeblich die sonderbare 
romantische Aera der Rehabilitirung der Courtisane 
durch die wahre und echte Liebe, die sie em- 
pfindet, inaugurirt hat, neuerdings einige Auf- 
merksamkeit schenken. 

Diese Liebe, welche die Unschuld wieder- 
giebt, ist seit 50 Jahren zu mindestens schon in 
einer Million verschiedener Lesarten uns in der 
französischen Literatur vorgeführt worden. Es hat 
sich da eine eigene Tradition gebildet und mit 
einer, ich möchte sagen seltenen Unverfrorenheit 
wird uns da im Romane, wie auf der Bühne der 
Grundsatz eingeprägt, dass die ganze noch so ver- 
worfene, noch so ausgelassene Vergangenheit einer 
Frau, durch eine echte und wahre Leidenschaft 
vollständig weggewischt werden kann. Alles was 
früher geschah — nämlich bevor die grosse reini- 
gende Leidenschaft sich einstellte, zählt nicht mit, 
darf nicht in Betracht gezogen werden, wirft keinen 
Makel auf die liebende Courtisane. Wie bei neuen 
Häusern die ersten Mietparteien um jeden Preis 
acceptirt werden, damit sie die neue Wohnung 
trocken machen sollen, die dann der langjährige 
ernst zu nehmende Mieter beziehen wird, so 
wollen diese Dramaturgen und Romanciers uns 
überzeugen, dass auch beim Weibe die ersten Ver- 
suche auf der Bahn des Genusses, des sträflichen 



Digitized by Googlej 




Marion Delorme. 



259 



Genusses nämlich, nicht mitzuzählen haben, falls 
dieses Weib nicht echt und wahr geliebt hat. Wo- 
hin diese in jeder Hinsicht verwerfliche, unseren 
moralischen Grundsätzen Hohn sprechende Theorie 
fuhrt, haben wir ja gesehen, wir wissen ja jetzt, 
nachdem wir den Gesellschaftszustand dieses Frank- 
reichs während der letzten Jahre des dritten napo- 
leonischen Regimes studirt, in welch’ erschrecken- 
dem Masse die gute Gesellschaft, der täglich im 
Buch und im Theater gepredigt wird, dass eine 
wahre und grosse Leidenschaft, alle Ausschweifun- 
gen wie durch einen Zauber wegwischt, corrumpirt 
werden kann. 

Diese sonderbare literarische Verirrung, dieser 
so schädliche Auswuchs der romantischen Schule, 
beginnt nunmehr neuerdings zu treiben und zu 
sprossen und in diesem Augenblicke haben wir, 
falls wir „Denise“ mitzählen, in den vier ersten 
Theatern von Paris Stücke auf den Brettern, in 
denen gefallene Frauen die Hauptrolle spielen und 
uns als mustergiltige Heldinnen dargestellt werden. 
Und da diese Stücke, trotz aller geheuchelten Ent- 
r ü.stung, der Gunst des Publikums sich erfreuen, 
so ist es wahrscheinlich, dass auch morgen in 
irgend einem halbdutzend Theater uns neuerdings 
mehr oder minder historische Courtisanen, sei es 
zur Vertheidigung und Durchführung derselben alten 
These, oder in irgend einer anderen Absicht vor- 
geführt werden dürften. 

17 * 



Digitized by Google 



2C0 



Marion Delorme. 



Die romantische Schule, die ursprünglich von 
uns nur Mitleid für die gefallene Tochter verlangte, 
die um ein Vergessen und Verzeihen bat, macht 
heute der anständigen und guten Gesellschaft schon 
den Skandalprocess im Namen der liehen Courti- 
sane. Sie bittet nicht mehr um das Vergeben und 
Vergessen, sondern revindicirt, wie ein gutes Recht, 
die Rehabilitirung, ja die Gleichberechtigung des 
gefallenen Weibes mit der anständigen Frau, die 
sittsames Mädchen gewesen, um züchtige Hausfrau 
zu werden. 

Im gewöhnlichen Leben, ja selbst nach den 
Begriffen unseres — allerdings nicht des franzö- 
sischen — Strafrechtes ist ja aber z. B. der fallite 
Kaufmann, selbst wenn er nur leichtsinnig und 
nicht betrügerisch vorgegangen, der Straf-Justiz 
verfallen, auch wenn er nachträglich alle Gläubiger 
befriedigt hat ; und die Gesellschaft, dieser strenge 
Gläubiger der „Gefallenen“, der im eigenen Inter- 
esse unerbittlich verbleiben muss , sollte eine 
„Ausgestossene“ in ihre Mitte wieder aufnehmen, 
nur desswegen, weil dieselbe wirklich liebt? Ja > 
ist diese Liebe denn eine reinigende Strafe, eine 
Busse? Sie ist ja vielmehr eine Quelle neuer, 
wenn auch reiner und erlaubter Genüsse. 

Obendrein sind alle diese Courtisanen, die uns 
im Buche und auf dem Theater vorgeführt werden, 
selbst in dem Augenblicke, in dem sie sich ernst- 
lich und wahr verlieben — die Vorsicht selber. 



Marion Delonne. 



261 



Sie untersuchen vorerst den Geldbeutel des Hel- 
den und lassen ihrem Herzen erst freien Lauf, 
nachdem sie die Gewissheit erlangt haben, dass 
dieser Geldbeutel auch wohl gefüllt sei. Marion 
Delorme verliebt sich nicht etwa in einen armen 
Schlucker, sondern in einen Mann, der eine 
hinlängliche Rente besitzt, um selbst im späten 
Alter keinen Mangel zu leiden ; Saplio liebt Gaussin, 
weil er einen reichen Onkel hat, dessen Universal- 
erbe er sein wird ; Marguerite Gautier begnügt 
sich allerdings mit einem Bürgerlichen, dessen 
Vater jedoch durch ehrliche Arbeit Millionen er- 
worben, und Jeannine, die Schwiegertochter der 
Madame Aubray, weiss sehr gut, dass diese Ver- 
bindung ihr auch in Zukunft ermöglichen wird, 
ihre Loge in der grossen Oper zu behalten. 

Aus dem soeben Gesagten resultirt sonnen- 
klar, dass Frauen, welche aus Beruf stets Liebe 
geheuchelt, gerade keinen Heroismus an den Tag 
legen, wenn sie sich entschliessen, ihr ungewisses 
Geschick für immer mit dem Schicksale eines jungen, 
reichen und anständigen, wenn auch verblendeten 
Mannes zu verknüpfen. Eine solche Heirat ist ja 
ein wahrer Glücksfall — um mich vulgär auszu- 
drücken — ein Haupttreffer, und der Gesellschaft 
wird da zugemuthet, diese Person, die freiwillig 
eine unüberbrückbare Kluft zwischen sich und 
uns gelegt, mit ausgebreiteten Armen zu em- 
pfangen, weil — sie einen Haupttreffer gemacht ! 



Digitized by Google 




262 



Marion Delorme. 



/ 



Richtig definirt und ins helle Tageslicht ge- 
rückt, erscheint uns diese von den französischen 
Schriftstellern ersten Ranges, ja von der ganzen 
romantischen Schule Frankreichs aufgeworfene und 
mit so viel Geschick vertheidigte gesellschaftliche 
These derartig widersinnig, ja derartig lächerlich, 
dass wir, aufrichtig gestanden, nicht begreifen kön- 
nen, auf welche Weise Männer wie Dumas, Sardou, 
Daudet, sowie ihre Vorläufer und Schüler auf einen 
derartigen Irrweg gerathen konnten. Der Hinweis 
auf den Grossmeister der Schule, auf Victor Hugo 
und seine Marion Delorme ist mehr als hinfällig, 
denn Hugo’s Marion ist vor Allem keine „Piece 
ä these“, das Stück ist ein historisches Trauer- 
spiel, welches keinenfalls in der Absicht, eine neue 
Moral zu schaffen und zu propagiren, geschrieben 
wurde. Es ist ja bekannt, dass dieses Stück ur- 
sprünglich nicht „Marion Delorme“, sondern „Ein 
Zweikampf unter Richelieu“ hiess, dass die weib- 
liche Hauptheldin desselben, die wahrhaft liebende 
historische Courtisane Marion, gerade ihrer Ver- 
gangenheit wegen von ihrem Geliebten Didier selbst 
in seiner Todesstunde mit Abscheu zurückgestossen 
wurde. 

Nur auf Bitten und Drängen der ersten 
Darstellerin der Marion, der schönen Madame 
Dorval, der unvergleichlichen Künstlerin, die in so 
treuer Freundschaft dem grossen Dichter zugethan 
war, Hess sich schliesslich Hugo bewegen, seinem 



Digitized by Gbog 




Marion Delormc. 



263 



Didier einige Phrasen der Verzeihung in den Mund zu 
legen. Ja ! der Held Hugo’s verzeiht der Marion 
ihre Vergangenheit — nicht aber, um sie zum 
Altäre zu führen, sondern vielmehr in dem Augen- 
blicke, als die Häscher erscheinen, um ihn auf die 
Richtstätte zu schleppen. 

Der Mann, welcher die einzige durch Marion 
mittels eines neuen „Falles“ erkaufte Gelegenheit 
aus dem Kerker zu entwischen und dem Stricke zu 
entgehen, stolz mit den beinahe brutalen Worten: 
„Fuir, qui fuir ? II n’est rien que j’aie k fuir au monde, 
Hors vous — et je vous fuis — et la tombe est profonde“ 

zurückweist, ist gewiss berechtigt, in seiner Sterbe- 
stunde den Schleier der Vergessenheit über die 
Vergangenheit des Weibes zu ziehen, welches 
Himmel und Erde in Bewegung setzte, um ihm 
sein Leben zu retten. Wie man aus dieser „Marion 
Delorme“ eine Rehabilitirung der Courtisane her- 
auszulesen vermochte, ist mir absolut unbegreiflich. 

Der erste Act dieses Stückes spielt in Blois, 
wohin Marion gezogen, um im Verborgenen eine 
Liebschaft — eine zufällige Laune — zu spinnen. 
Ihr Geliebter Didier hält sie für den „reinsten 
Engel.“ In diesem ersten Acte wird in einer 
meisterhaft spannenden Weise uns die Situation 
der Helden ausoinandergesetzt und wir erwarten, 
dass im zweiten Acte der Kampf der Leiden- 
schaften sich entspinne. Die Verwicklung ist in 
vornhinein angegeben. Hier wird gewiss der 



Digitized by Google 




264 



Marion Delorme. 



Seelenzustand eines Mannes dargestellt werden, 
der leidenschaftlich liebt und erfahren muss, dass 
seine Geliebte eine „Gefallene“ sei. Leider trügt 
diese Exposition. Im zweiten Acte werden wir 
nämlich in eine mittelalterliche Schenke geführt, 
in der junge Aristokraten Bierbank-Politik treiben. 
Ein Herold erscheint, um ein Edict König Lud- 
wig XIII. zu promulgiren, demzufolge der Zwei- 
kampf unbedingt verboten sei. Jeder übertretende 
Duellant soll ohne Rücksicht des Standes gehenkt 
werden. Kaum ist der Herold fort, gerathen Didier 
und Marquis von Saverny in Streit, die Degen 
fliegen aus den Scheiden und die beiden Gegner 
schlagen sich gerade beim Scheine der Lampe, 
welche zur Beleuchtung des Edictes angebracht 
wurde. Die Wache wird allarmirt, man verhaftet 
Didier, während Saverny, um den Häschern zu 
entgehen, sich todt stellt. 

Didier entwischt aber durch Hilfe Marions 
aus dem Kerker, er zieht mit Marion zusammen 
in Gesellschaft einer Truppe wandernder Komödi- 
anten im Lande herum. Zufällig geräth er im 
dritten Acte auf das Gut des Grafen Mangi, des 
Onkels Saverny’s, der über den Tod seines Neffen 
trauert. Der Graf erfährt zwar, dass sein Neffe 
nicht todt sei, um jedoch den anwesenden Polizei- 
functionär Fortunio und den Staatsanwalt zu täu- 
schen, lässt er den Trauerfeierlichkeiten freien 
Lauf. 



Digitized b y Cooglj 




Marion Delorme. 



265 



Dieser zweite Act, sowie der grösste Theil 
des dritten sind von geradezu ermüdender Lang- 
weile. Ilugo’s Dramen eignen sich eben nicht 
zur Aufführung, sie sollen gelesen und nicht ge- 
spielt werden. 

Erst gegen Schluss des dritten Actes kommt 
Leben in das Stück. Marion wird erkannt, Didier 
hört ihr Sündenregister — stösst sie von sich und 
liefert sich freiwillig den Häschern aus. 

Im vierten Acte sind wir im Schlosse „Cham- 
bord“, der Residenz Ludwig XIII. Marion, sowie 
Graf Mangi, dessen Neffe übrigens sich ebenfalls 
den Händen der Justiz überliefert hat, flehen den 
König um Gnade. Dieser vierte Act war bekannt- 
lich für Carl X. bestimmend, um die Aufführung 
des Stückes zu untersagen. Er wollte nicht, dass 
sein Ahn als eine wahre Caricatur dem Volke 
vorgeführt werde. Ludwig verspricht Gnade — 
allein Richelieu, der Allmächtige, vor dem der 
willenlose König sich beugen muss, ordnet die 
Hinrichtung an. 

Im fünften Acte erscheint Marion im Kerker 
— mit dem Gnadenbriefe des Königs. Gleich- 
zeitig erscheint auch Laffemas mit dem Hinrich- 
tungsbefehle des Cardinais. Um ihren Didier zu 
retten, entschliesst sich Marion, dem Laffemas, 
dessen Schweigen sie erkaufen muss, sich hinzu- 
geben. Laffemas begünstigt nun die Flucht. Allein 
Didier will von Flucht nichts wissen. Er stösst 



Digitized by Google 




266 



Marion Delorme. 



Marion zurück. Erst als es zum Fliehen schon 
zu spät ist — als die Häscher erschienen, um ihn 
zum Richtplatz zu führen, rührt Marions Jammer 
sein Herz. 

Die Schlussscene des fünften Actes gestaltete 
sich zu einem grossartigen Triumphe Sarah Bern- 
hardt’s. Der Cardinal wird in seiner Sänfte zur 
Richtstätte getragen und Marion wartet seiner am 
Wege. Sie wirft sich zu Boden, um Gnade zu 
flehen. Allein die Soldaten stossen sie zurück, 
während aus der verhängten Sänfte die rauhen 
Worte „Pas de grace“ erschallen. 

Sarah windet sich in ihrem Schmerze, sie er- 
hebt sich einige Male mit Mühe, schaut wie geistes- 
abwesend ins Leere, fällt zu Boden, wälzt sich, er- 
hebt sich neuerdings mit dem Aufgebote aller 
Kräfte, um mit erschütternder, halb rauh klingen- 
der Stimme die Schlussworte: „Voilä l’homme 
rouge qui passe!“ auszustossen und leblos zusam- 
menzustürzen. 

Nun ist in diesem Stücke von der Rehabili- 
tirung der Courtisane die Rede? 



Digitized by Google 



VI. -A-ToscliELitt. 




•Ein Giftmörder aus Liebe. 



Paris, den 14. October 1885. 

Tor den Assissen des Seine-Departements 
entrollt sich heute eine Giftmischeraffaire, die nicht 
nur in Paris und Frankreich, sondern gewiss auch 
überall im Auslande nicht ermangeln wird , das 
allerhöchste Interesse hervorzurufen. Der Mann, 
der heute unter der schweren Anklage, seine eigene 
Frau, die tadellose Mutter seiner Kinder, vorsätz- 
lich vergiftet zu haben, den Pariser Geschworenen 
vorgeführt wurde, bildet in Allem und Jedem den 
denkbar grössten Gegensatz zu Pel, dem unheim- 
lichen Alchymisten , dessen zweimaliger Process 
geradezu sensationelles Aufsehen überall hervorrief. 

Mordete Pel aus reiner Habgier, aus ebenso 
verwerflicher, wie empörender Sucht der winzigen 
Habseligkeiten seiner Opfer sich zu bemächtigen; — 
so credenzt Ribout — so heisst der Angeklagte 
— den Giftbecher aus Liebe, aus heisser, leiden- 
schaftlicher Liebe, die zur verzehrenden Flamme, 
zur versengenden Begierde gesteigert, den gräss- 
lichen Entschluss in ihm reift, das Hinderniss, 



t 



Digitized by Google 




270 



Ein Giftmörder aus Liebe. 



welches der Befriedigung seiner ehebrecherischen 
Gelüste sich entgegenstennnt, selbst um den Preis 
des eigenen Kopfes gewaltsam hinwegzuräumen. 
Jung an Jahren,, trotz der sehr primitiven Bildung, 
wie man sie eben in einem kleinen Gebirgsdorfe 
erlangen kann, von einem unermesslichen Ehrgeiz 
gewaltsam getrieben, kam Ribout vor Jahren mit 
seinem federleichten Bündel und in Holzschuhen, 
beinahe mittellos, nach Paris. Schneider von Pro- 
fession, wrnsste er in kurzer Zeit mit der Fabri- 
kation von Kunstblumen sich vertraut zu machen 
und schon nach vierjähriger Dienstzeit hatte er 
genügende Ersparnisse gesammelt, um an das Be- 
gründen eines Geschäftes denken zu können. Dienst- 
eifrige Vermittler, an denen es in Paris nicht man- 
gelt, drängten sich an ihn heran und bewiesen ihm, 
dass er nun heiraten müsse, um mit mehr Capital 
sein Geschäft zu eröffnen. Vach einiger Suche ge- 
lang es diesen Tricoche’s auch richtig eine Braut 
mit mehreren Tausend Francs Mitgift für den 
jungen Blumenarbeiter ausfindig zu machen und 
nun ging es frisch ans Heiraten. 

Ribout schloss eine jener in den Grossstädten 
nur allzuhäufigen Ehen, bei denen die Person, 
die man heiraten soll, nur in ganz letzter und 
nebensächlicher Linie in Betracht kommt, während 
die Mitgift der eigentliche Hauptpunkt dieser com- 
merciellen Verbindung bleibt. Das Paar lebte 
Anfangs im besten Einvernehmen, Ribout war ein 



Digitized by Google 




Ein Giftmörder aus Liebe. 



271 



musterhafter Gatte, exemplarischer Yater und — 
was wohl selten sein mag — geradezu ein Ideal 
von einem Schwiegersohn. Für seine Frau — eine 
jener echten Arbeitsfrauen, die vom frühen Morgen 
bis in die späte Nacht hinter dem Ladentische 
sitzen, weder Vergnügungen, Zerstreuungen, noch 
die Freuden schöner Toiletten kennen, — hegte er 
eine grosse Hochachtung. War sie es doch in erster 
Linie, die durch ihren unermüdlichen Fleiss den 
eigentlichen Grundstein zur Wohlhabenheit legte. 
Zwölf Jahre hindurch herrschte Eintracht und Friede 
zwischen den Ehegatten und Ribout arbeitete uner- 
müdlich an der Verwirklichung des Zukunfts- 
traumes eines jeden echten Pariser Spiessbürgers — 
nämlich an der Schaffung einer Rente, die sorgenlos 
ohne Geschäft zu leben ihm gestatten würde. 

Er vergrösserte sein Geschäft, kaufte Terrain 
in einem reizenden Yilleggiaturorte unweit Paris 
in Noisy le Sec, baute daselbst eine Fabrik für 
Kunstblumen und schliesslich eine Villa für den 
eigenen Gebrauch. 

In seiner Nachbarschaft wohnte ein früherer 
Arbeitscollege, ein Mann, der mit ihm gleichzeitig 
den Kampf ums Dasein begann, der jedoch dem 
Trünke ergeben, es nie auch nur zu einer sehr 
bescheidenen Einrichtung bringen konnte. Seine 
Familie war im Elende und musste öfter Hunger 
leiden, denn das Oberhaupt derselben Hess in der 
Regel den Löwenantheil seines Wochenlohnes in 



Digitized by Google 



272 



Ein Giftmörder aus Liebe. 



den verschiedenen Branntweinboutiquen undAssom- 
moirs der Banlieu am Zahltage zurück. 

Die Frau des durch eigene Kraft zum Fabri- 
kanten gewordenen Arbeiters unterstützte häufig 
und reichlich die schuldlose Familie des gewesenen 
Collegen ihres Gatten und versprach schliesslich 
der auf dem Todtenbette liegenden unglücklichen 
Frau des Trunkenboldes, Mutterstelle bei ihrer 
Tochter Lucie zu vertreten. Tn der That wurde 
auch Lucie Guiot von dem Ehepaare Ribout nach 
dem Tode ihrer Mutter ins Haus aufgenommen 
und wie ein eigenes Kind behandelt. Sie fuhr des 
Morgens mit den beiden Gatten nach Paris ins 
Geschäft und kehrte des Abends in ihrer Gesell- 
schaft zurück. 

Lucie war 17 Jahre alt und, wie wir uns 
heute im Gerichtssaale überzeugen konnten, gewiss 
geeignet, die Tugendhaftigkeit von Personen von 
viel ernsteren, sittlichen Grundsätzen, als Ribout, 
auf die gefährlichste Probe zu stellen. Hoch auf- 
geschossen, schlank wie eine Esche, und dessen 
ungeachtet von stark entwickelten Formen, das 
reizende Köpfchen von einer goldig blonden, dich- 
ten Mähne umrahmt, mit einem reizenden Munde 
von Mutter Natur beschenkt, dessen Korallenlippen 
nur unvollkommen die doppelte Reihe glänzend 
weisser, feiner Elfenbeinzähne verdecken, in den 
fein colorirten Wangen allerliebste Graziengrübchen, 
die dem Lächeln, welches beständig ihr Gesicht 



Digitized by Google 




Ein Giftmörder aus Liebe. 



273 



erhellt, einen Reiz verleihen, dem nur ein Marmor- 
herz widerstehen könnte — ist Lueie geradezu 
das Prototyp einer eleganten Pariser Schönheit. 

Die kleine Arbeiterin, die schon in den Kinder- 
schuhen kokett war, entzündete in dem Herzen 
d es 40jährigen Blumenfabrikanten eine Leidenschaft, 
die zu dämpfen er ausser Stande war. Der Jo- 
hannistrieb stellte sich ein und Ribout hatte nur 
Sinn und Augen für seine bildhübsche Pflegetochter. 

Die Kleine war listig und verschlagen, trotz 
ihrer grossen Jugend eine Meisterin der Verfüh- 
rungskunst. Sehr bald wurde sie gewahr, dass ihr 
Patron und Pflegevater in sie sterblich verliebt 
sei. Sie schürte die Flamme, fachte durch tausend 
Künste die Leidenschaft zur brennenden Lohe an. 
Bald bot sie ihm die werthlose Scheidemünze der 
Liebe, bald liess sie ihn die Vorhallen des Tem- 
pels betreten, um ihm hierauf zu erklären, dass 
sie sich nur dem ihr am Altäre angetrauten Manne 
anheim geben werde. Die Intimität zwischen den 
beiden Personen wuchs von Tag zu Tage und 
wurde schliesslich so gross, dass der Scandal öffent- 
lich war. 

Ribout umarmte und küsste selbst in Gegen- 
wart seiner Arbeiter die blonde Lucie, führte 
sie spazieren, überhäufte sie mit kostbaren Ge- 
schenken. Die arme Frau, der die Augen von 
ihrer Umgebung geöffnet wurden, litt zwar un- 
sägliche Qualen in Folge dieses skandalösen Be- 

Bernh. Frey, Pariser Leben, 18 



Digitized by Google 




274 



Ein Giftmördor aus Liebe. 



nehmen» ihres Gatten, — allein sie war Mutter und 
eine gute, aufopferungsfähige Mutter einer beinahe 
dreizehnjährigen Tochter. Im Interesse dieser 
Tochter schwieg sie und erduldete ohne zu murren 
die peinigenden Eifersuchtsqualen. Beinahe ein 
Jahr lang währte diese Sachlage. Ribout wurde 
von Tag zu Tag verliebter. In seinen Adern 
tobte und raste das aufgeregte Blut, von der un- 
befriedigten Leidenschaft gepeitscht. Allen seinen 
Anschlägen setzte Lucie einen starren Widerstand 
entgegen. Nun begann im Kopfe Ribout’s der Ge- 
danke zu keimen, seiner Frau selbst mit dem 
Einsätze seines Kopfes sich zu entledigen. Er 
wagte das Schaffet, um seine unbezähmbare Be- 
gierde stillen zu können. 

Als Blumenfabrikant hatte er Gelegenheit, 
die Eigenschaften verschiedenartiger vegetabilischer 
Gifte kennen zu lernen. Er beschloss nun, mit 
Hilfe eines solchen Giftes seine Frau ins bessere 
Jenseits zu befördern. Am 24. Februar 1884 er- 
krankte plötzlich die sonst kerngesunde Frau Ri- 
bout. Die Krankheitssymptome waren denen der 
Opfer des Giftmischers Pel analog. Heftiges Er- 
brechen, heftige Durchfalle, unstillbarer, die Ein- 
geweide verzehrender Durst, sowie brennender 
Schmerz im Magen und Brustkasten. Der herbei- 
gerufene Arzt war ausser Stande, eine Diagnose 
aufzustellen. Er faselte von Frauenkrankheiten, 
verdorbenem Magen etc. und meinte schliesslich, 



Digitized by Google j 



Ein Giftmörder aus Liebe. 



275 



dass der Zustand der Kranken keinerlei Besorg- 
nisse einflösse. Dem würdigen Aesculap fiel es 
eben nicht im Traume bei, dass hier ein Vergif- 
tungsversuch vorliege. 

Ribout erzählte mehreren Personen die An- 
sichten des Arztes, fügte jedoch in höchst cyni- 
scher Weise hinzu, er wisse es besser, „eile est 
fichue“, „sie ist weg“. Und richtig, 6 Tage 
später war Frau Ribout eine Leiche. — Das 
Benehmen Ribout’s schon in Gegenwart der 
noch nicht ganz kalten Leiche war mehr als straf- 
würdig, es war thierisch roh, empörend, unmensch- 
lich. Er umarmte Lucie, küsste sie leidenschaftlich 
und nahm sich nicht die geringste Mühe, seine 
Freude über den Tod der Mutter seiner Kinder 
zu verheimlichen. Kaum waren 2 Stunden seit der 
Bestattung seiner Frau verflossen und schon zog 
Ribout auf Freiersfüssen zur Behausung des Vaters 
der Lucie, um vom alten Trunkenbolde die Hand 
seiner Tochter zu erbitten. Seinem Begehren wurde 
mit tausend Freuden willfahrt und 3 Monate nach 
dem Tode der unglücklichen Frau hiess Lucie 
Guiot : Madame Ribout. Allein die Ehefreuden 
des Blumenfabrikanten sollten nicht von langer 
Dauer sein. 

Die Mutter der Verstorbenen beschuldigte 
■offen ihren gewesenen Schwiegersohn des Mordes , 
Zufällig erfuhr sie, dass Ribout, während der 
Krankheit seiner Frau, einen seiner Arbeiter in 

18 * 



Digilized by Google 



276 



Ein Giftmörder aus Liebe. 



eine Apotheke am entgegengesetzten Ende von 
Paris geschickt hatte, um daselbst auf Grund eines 
von ihm ausgestellten Ileceptes ein Medicament, 
das auszufolgen der Apotheker sich weigerte, zu 
holen. Sie erstattete die Anzeige und die Staats- 
anwaltschaft liess Ribout verhaften. 

In der That stellte es sich heraus, dass 
Ribout den Arbeiter in diese entlegene Apotheke 
geschickt hatte, um sich daselbst „Colchicine“ zu 
verschaffen. Colchicine ist ein sehr gefährliches, 
übrigens nur wenig bekanntes vegetabilisches Gift, 
welches aus der Blume „Wiesenzeitlose“, die in 
sumpfigen Gegenden gedeiht, gewonnen wird. Der 
Apotheker, dem der Name des ordinirenden Arztes 
— Ribout hatte die Ordonnanz mit dem Namen eines 
Dr. Guilleme gezeichnet — unbekannt war, schickte 
den Arbeiter unverrichteter Sache weg, behielt 
jedoch den ominösen Schein. Die angeordnete 
Exhumation der Leiche ergab kein Resultat, da 
dieses Gift die Eigenschaft besitzt, im Organismus 
spurlos zu verschwinden. Schon wollte die Staats- 
anwaltschaft aus Mangel an Beweisen die Sache 
ad acta legen, als plötzlich Ribout eine Dummheit 
beging, die für ihn verhängnissvoll werden sollte. 
Er übergab einem Zellengenossen, der in Freiheit 
gesetzt werden sollte, einen Brief an seine Frau, 
befestigte denselben im Unterfutter seiner Hose 
und versprach dem Sträflinge eine reichliche Be- 
lohnung für das Bestellen dieses Briefes. 



Digitized by Google 



Ein Giftmörder aus Liebe. 



277 



Dieser sali sehr bald — nachdem er den Brief 
gelesen — ein, dass er mit dem Briefe zu jeder 
Zeit Geld nach Belieben von Ribout werde erpressen 
können. Er associirte sich mit einem würdigen 
Genossen und nun begannen die Beiden der jun- 
gen Frau des eingesperrten Blumenfabrikanten 
Daumenschrauben anzusetzen. Diese Erpressungs- 
versuche kamen zur Kenntniss der Behörde. Die 
beiden Kumpane wurden verhaftet und zu 5 Jahren 
Zuchthaus verurtheilt. Bei dieser Gelegenheit wurde 
auch der verhängnissvolle Brief gefunden. 

In diesem Briefe — der nach der Ansicht 
des Staatsanwalts einem Geständnisse gleichkommt 
— fordert Ribout seine Frau auf, Alles zu leugnen, 
sich von den Kreuzfragen des Untersuchungsrichters 
nicht verwirren zu lassen, da er nur auf diese 
Weise gerettet werden könne. Er spricht in dem- 
selben mit Bestimmtheit die Ansicht aus, dass ihm 
Nichts geschehen könne, da alle Beweise seiner 
Schuld mangelten. 

Wiewohl dieser Brief allein als schlagender Be- 
weis der Schuld Ribout’s angesehen werden musste, 
wiewohl noch ausserdem die Staatsanwaltschaft 
eine ganze Reihe schwerwiegender Indicien ge- 
sammelt hatte, welche Ribout zu entkräften ausser 
Stande war; — liessen auch diesmal die Pariser 
Geschworenen, von den Thränen der schönen Lucie 
gerührt, Gnade vor Recht ergehen. Ribout wurde 
freigesprochen und mithin die Liste der geradezu 



278 



Ein Giftmorder aus Liebe. 



unbegreiflichen Freisprüche der französischen Ge- 
schworenen um einen sonderbaren Fall vermehrt. 

Bisher glaubte man, dass blos Frauen straflos 
aus Liebe in Frankreich morden dürfen. Die 
Pariser Geschworenen haben uns nunmehr belehrt, 
dass unter gewissen Umständen auch Männer in 
ziemlich gefahrloser Weise der ihnen unbequem 
gewordenen Gattinnen sich gewaltsam entledigen 
dürfen. 



Digitized by Google 




Prinz Albert de Sartini Graf von und zu 
Rosarno. 

Ein Beitrag zur Geschichte der menschlichen Dummheit. 

Yor dem Zuchtpolizeigerichtshofe in Marseille 
hatte vier Tage hindurch ein Mann, gegen die 
Beschuldigung des Betruges, sich zu vertheidigen, 
der noch ganz kurze Zeit vorher in Paris in den 
Kreisen der besten Gesellschaft verkehrte und aus 
so mancherlei Gründen die öffentliche Aufmerksam- 
keit auf sich zu lenken wusste. Die Staats- 
anwaltschaft wirft dem Angeklagten, den wir dem 
geneigten Leser sofort vorstellen wollen, betrügeri- 
schen Handel mit Ordens-Decorationen vor und 
beschuldigt ihn, sich einen falschen Namen und 
Titel beigelegt zu haben. 

Prinz Albert de Sartini war, wie schon bemerkt, 
in Paris eine ziemlich wohlbekannte Figur, welcher 
man sozusagen auf Schritt und Tritt begegnete. 
Nachmittags fuhr er im Bois und den Champs-Elysees 
spazieren, Abends flanirte er auf den Boulevards um 



Digitized by Google 




280 Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 

hierauf, sei es in irgend einem Modetheater odereinem 
Salon en vogue, den Rest des Abends (bis Mitter- 
nachts) zuzubringen. 

Von hoher und kräftiger Gestalt, das nicht 
uninteressante Gesicht von einem kohlschwarzen, 
kurz geschorenen Barte eingerahmt, den Schnurbart 
ä la Victor Emanuel stramm aufgedreht, präsentirte 
der Prinz sich stets als eine interessante Erscheinung 
von militärisch-strammer Haltung, der man es ansah, 
dass das Waffenhandwerk die einzige Jugend- 
beschäftigung gewesen. In der Tliat hiess es auch, 
dass der Prinz ein pensionirter Commandeur (Major) 

sei, der in Diensten der Armee seines Heimatlandes, 

‘ ■« ■ 

für Italiens Ruhm und Grösse sein Blut bei mehreren 
Gelegenheiten verspritzt haben sollte. Die stramme 
Persönlichkeit von entschieden militärischen Allüren, 
war stets in der tadellosesten Weise gekleidet. 
Der enganliegende Leibrock mit dem nie fehlenden 
in allen Farben des Regenbogens schillernden 
Ordeusbändchcn im Knopfloche, sass ihm wie an- 
gegossen. Der über das Ohr keck geneigte, glatt 
gebürstete Cyliiulerhut , der eingezwickte Gold- 
klemmer, die nie fehlende Reitpeitsche mit dem 
Goldknopfe, kurz, die ganze Haltung des Mannes 
trug den Stempel unverkennbarer Eleganz , ange- 
geborene Vornehmheit, der allein die angebliche 
italienische Durchlaucht es zu verdanken hatte, 
dass ihr die Salons der besten Pariser Gesell- 
schaft angelweit geöffnet wurden. 



Digitized by Google 



Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 281 



Ueber das uralte Geschlecht fürstlichen 
Geblütes der Sartini von Rosarno, deren Namen 
mit so viel Stolz unser Italiener trug, war allerdings 
kein Mensch irgend welche genaue Auskunft zu 
ertheilen in der Lage. Man wusste auch nicht ob 
die Güter, deren Revenuen dem Prinzen ein luxu- 
riöses Leben zu führen gestatteten, im Monde oder 
auf der Erde gelegen seien ; allein dessenungeachtet, 
hatte der Prinz Albert überall Zutritt. Man fand 
ihn im Empfangssalon Gambetta’s, wie in den Prunk- 
sälen des Elysee , an der traulichen Kaminecke 
Yictor Hugo’s, wie in den glänzenden Salons der 
Madame Adam oder Prinzessin Lätitia Bonaparte, 
nunmehr Madame de Rute. 

Der Italiener galt für excentrisch, für einen 
Ordensfex, der wohl eine Unmasse Kreuze und son- 
stiger Ordensembleme auf seiner Brust zu tragen 
pflege. Und in der That glich Sartini in Gala- 
Kleidung stets einem wandelnden Bazar. Der an- 
erkannteste erste Salonlöwe dürfte kaum je bei 
einem stundenlangen Cotillon mit so vielen Pa- 
piermache-Auszeichnungen decorirt worden sein, 
als Sartini gewöhnlich ( )rden zu tragen pflegte. 
Die rechte und linke Brustseite war mit den ver- 
schiedensten, in allen Farben schillernden Kreuzen 
und Medaillen bizarrster Form förmlich bedeckt, 
um den Hals trug er an einem breiten Bande 
einen sonnenförmigen Orden von kolossaler Grösse. 
Wenn irgend Jemand, wie Schreiber dieser Zeilen, 



Digitized by Google 



282 Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 



die italienische Durchlaucht nach den verschiedenen 
Namen dieser diverser Orden fragte, dem überreichte 
Prinz Albert mit unnachahmlicher Grandezza eine 
seiner feinen Visitenkarten , auf denen alle Auf- 
klärungen zu finden waren. Diese Visitenkarte 
lautete wörtlich: 

ALBERT BRINGE de SARTINI 

Commandeur de l’ordre de Redempteur de Jerusalem et 
dt'ldgue reprdsentant, Commandeur de l’ordre royal de Saint- 
Jean ßaptisto d’Espagne, Chevalier de la Croix blanche de 
Tltalie, Commandeur de l’ordre du Christ de Portugal et de 
l’nigle blanc de Pologne, noble patricien, comte de Rosarno, 
President d’honneur de la Societ£ nationale Beige de la croix 
rouge, Commandeur de l’ordre du Samaritain d’Allemagno, 
Commandeur de l’ordre de la croix de fer Union Valdon- 
taine, commandeur du grand prix Lurindo Hugon Tagore, 
prince de l’Inde, Commandeur du grand prix Saint Louis, 
Commandeur du Nicham Ifticar, Commandeur de l’ordre 
anglo-polonais de la croix rouge et de l’ordre „Of the Trut 
Britons d’Angleterro, membre de l’Academie de Dante etc. etc. 

Bei Victor Hugo führte sich diese exotische 
Durchlaucht als Vertreter der Akademie Stesicorea 
ein. Er behauptete beauftragt zu sein, dem greisen 
Dichter ein Diplom als Ehrenpräsident dieser ge- 
lehrten Gesellschaft zu überreichen. Victor Hugo 
nahm den Ehrentitel an und dankte gerührt für 
die grosse Auszeichnung in einem eigenhändigen 
Brief confuser Fassung, in dem von Verbrüderung 
zwischen Franzosen und Italienern viel zu lesen 
stand. Dieser Brief wurde in den Journalen re- 
producirt und Prinz de Sartini Graf von und zu 
Rosarno bediente sich dieser Zeitungsausschnitte 



Digitized by Google 




f 



Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 283 

in der Ermangelung anderer Familien- und Adels- 
papiere, wandernden Comödianten gleich, zur Fest- 
stellung seiner Identität. 

Bei Victor Hugo lernte Sartini den Pariser 
Deputirten Lockroy , den zweiten Gatten der 
Schwiegertochter Hugo’s kennen, — eine Bekannt- 
schaft, die ihm verhängnissvoll werden sollte, denn 
sie brachte ihn — wie man sofort sehen wird — 
auf die Anklagebank. Prinz Sartini trieb in Paris 
den Handel mit Orden en gros. Nicht etwa , dass 
er den Leuten durch falsche Vorspiegelungen, ihnen 
durch seinen Einfluss und seine Bemühungen, Aus- 
zeichnungen zu verschaffen, Gelder herauszuschwin- 
deln trachtete — o nein, dazu war Sr. Durchlaucht 
zu vornehm. Er stellte gegen Bezahlung einer Taxe 
nach au fliegendem Tarife den P. T. Bewerbern 
selber Ordens-Diplome aus und verlieh Kreuze 
mit den hochtrabendsten Namen aus eigener Macht- 
vollkommenheit. Als das Geschäft sich in Paris 
zu verflauen begann , übersiedelte Prinz Sartini 
nach dem Süden, um in Nizza, Marseille , Genf 
und Lyon die knopflochleere Menschheit mit Orden 
eigener Fechsung zu beglücken. 

In Marseille, um sich Credit und Gewicht zu 
verschaffen, berief er sich häufig auf seinen an- 
geblichen Freund, den Pariser Deputirten Eduard 
Lockroy, dessen Popularität im Süden eben so gross 
ist wie in Paris. Dem radicalen Politiker kamen 
diese Umtriebe zu Ohren und er beeilte sich, Sartini 



Digitized by Google 




284 Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Ronarno. 



öffentlich als Schwindler undlndustrieritter zu brand- 
marken. 

Die verschiedenen Decorirten wurden nun 
stutzig, sie verlangten Aufklärungen und forderten 
schliesslich stürmisch ihr Geld zurück. Da jedoch 
der Italiener Nichts herzugeben im Stande war, so 
wurde die Staatsanwaltschaft zur Intervention auf- 
gefordert. 

Yor dem Gerichtshöfe entpuppte sich nun 
Graf von Rosarno , Prince de Sartini als ein 
ganz vulgärer Sgappuli , der übrigens schon zu 
wiederholten Malen wegen Betrug zu längeren 
Kerkerstrafen verurtheilt worden war. Die italie- 
nische Justiz fahndet schon lange nach unserem 
Prinzen, denn beim Verlassen der sonnigen Gefilde 
seines Heimatslandes vergass der Biedermann eine 
Bagatelle von 5 Jahren Zuchthaus abzubüssen. 
Sgappuli hat Kreuze und Orden in die schweren 
Hunderte an den Mann gebracht, allein kaum der 
zwanzigste Theil der Beschädigten schloss sich 
dem Strafverfahren an. Der grosse Tross zog es 
vor im Dunkeln zu glänzen. 

Von geradezu überwältigender echt classi- 
scher Komik waren die Zeugen-Depositionen in der 
Ordensaffaire des Dr. Desclaux. Der biedere 
Aesculap wurde vom Präsidenten der Republik 
für seine wirklich hervorragenden Verdienste, ge- 
legentlich der Cholera-Epidemie , zum Ritter der 
Ehrenlegion ernannt, allein das rothe Band ge- 



Digitized by 




Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 285 



nügte seinem Ehrgeize nicht ; ihm verlangte nach 
einem grünen Bändchen. Sgappuli verkaufte ihm 
nun für haare 7000 Francs hintereinander den 
Orden des weissen Adlers von Polen , das weisse 
Kreuz des römischen Palatinates, sowie das Ritter- 
kreuz des Redemptoristen-Ordens von Jerusalem. 

Die letzte Ordensverleihung erforderte jedoch 
gebieterisch den traditionellen „Ritterschlag“. Dr. 
Desclaux veranstaltet nun ein glänzendes Fest- 
essen, ladet seine Freunde und Bekannte ein und 
— nun wollen wir aus dem Munde eines Tisch- 
genossen die folgenden Ereignisse uns schildern 
lassen. 

Der Zeuge deponirte : „Wir waren im Salon 
versammelt. Prinz Sartini kam zuletzt an. Er 
war in einen weiten ziegelfärbigen Mantel, der 
von innen mit scharlachrothem Tuche gefüttert 
war, gehüllt. Am Kopfe trug er einen mächtigen 
Dreispitz mit schwarzen Straussfedem. Mit einer 
geschickten Handbewegung warf er beim Eintritt 
den Mantel ab und stand plötzlich vor uns in 
theatralischer Pose in seiner ganzen Pracht. Wir 
verloren fast die Sprache vor Erstaunen. Er sah 
prächtig, glänzend, wie ein Triumphator aus. Den 
linken Fuss nach vorne gestreckt, den Kopf hoch 
erhoben, das glänzende Auge mit den zuckenden 
Blitzen auf den zitternden Doctor gewendet, glich 
er einem Kaiser oder grossen Kriegshelden. Seine 
Kleidung war der Inbegriff der Pracht, und zwar 



Digitized by Google 




286 Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosarno. 

einer orientalischen Pracht aus „Tausend und einer 
Nacht.“ Weisse Atlashosen mit reichlichen Gold- 
stickereien, die einen lebhaften Contrast zu dem 
rothen mit grünen Einsätzen versehenen Uniform- 
fracke bildeten. Das Tuch desselben war fast ganz 
von Gold- und Siberstickereien verdeckt Der Brust 
entströmte ein wahres Lichtmeer, sie war mit min- 
destens hundert glitzernden und funkelnden Orden 
bedeckt. En Bandeliöre trug er ein mächtiges 
grün-weisses Atlasband mit einer grossen goldenen 
Quaste. An der Seite hing ihm ein langer Rapier- 
degen mit vergoldetetem Korbe, dessen Scheide 
mit zahlreichen Edelsteinen besetzt war. Die rothen 
Safran-Ritterstiefel waren mit Goldschnüren ver- 
brämt, mächtige goldene Sporen waren an den- 
selben befestigt. 

Der Doctor, der vor Aufregung zitterte und 
vor Freude glühte, nahte mit tiefer Ehrfurcht der 
glänzenden Erscheinung, führte dieselbe in die Mitte 
des Salons und kniete hierauf vor derselben nieder. 

Der Prinz hingegen schaut sich triumphirend 
in der Runde um, zieht mit stolzer Geberde seinen 
Degen aus der Scheide und versetzte dem Knienden 
drei Schläge auf die Schulter. Hierauf hob er ihn 
in die Höhe, küsste ihn auf beide Wangen und 
erklärte ihn zum Ritter des heiligen Redemptoristen- 
Ordens geschlagen.“ 

Yor dieser Zeugenaussage verblassten alle 
anderen Depositionen. Des Publikums bemächtigte 



Digitized by Google 




Prinz Albert de Sartini Graf von und zu Rosavno. 287 



sich eine grenzenlose Lachlust , Präsident und 
Gerichtshof stimmten in das homerische Lachen 
des Auditoriums mit ein. 

Interesse mag auch die Klage des Feld- 
predigers der Militär - Akademie von Saint -Cyr 
verdienen. Sr. Hochwürden bezahlten bare hundert- 
fünfzig Francs für die Medaille der „Societe pro- 
teetrice de l’enfance ä Betlehem“, sowie für den 
Titel eines Mitgliedes der Dante-Akademie. 

Sgappuli war geständig, will aber keine 
böse Absicht gehabt haben. Er fasste das ganze 
als Scherz auf. Der Vertheidiger trat für Frei- 
spruch ein, da nach seiner Auffassung die Be- 
schädigten sträflicher als der Angeklagte wären. 
Der Gerichtshof verurtheilte Sgappuli nur zu acht 
Monaten Kerker, da er die grenzenlose Bor- 
nirtheit seiner Opfer ihm als mildernd an gerech- 
net hatte. 



Digitized by Google * 



T7"H. -A-Tosclmitt. 

Die Revanche-Idee. 



Bornh. Frey, Pariser Leben. 



IS» 




Digitized by Google 






Die Revanclie-Idce in Frankreich. 

Liest man die gestrengen Monita’s, welche 
•die „Norddeutsche Allgemeine“ geradezu periodisch 
an die Adresse der Franzosen richtet, sowie die 
Begleitungsarien dieser Alarmrufe, welche rheinische 
und andere Blätter bei solchen Anlässen anzu- 
schlagen nie unterlassen, so muss man unbedingt an- 
nehmen, dass der Chauvinismus in Frankreich so- 
eben üppig in die Halme zu schiessen beginne 
und dass jeder nach Paris oder Frankreich kom- 
mende Deutsche mindestens der Gefahr, bei leben- 
digem Leibe geröstet und gebraten zu werden, 
sich aussetze. 

In der Wirklichkeit aber trifft das gerade 
öegentheil zu und abgesehen von der Hitze, in 
welcher übrigens alle Macadamtreter, ob sie nun 
an der Spree oder Seine das Licht der Welt er- 
blickt haben, in den letzten Tagen sieden und 
schmoren mussten, fällt in der That kaum irgend 
Jemandem hier zu Lande ein, in irgend welcher 
Hinsicht den Deutschen unangenehm zu werden. 

Wohl denkt gelegentlich noch jeder Franzose, 

19 * 



Digitized by Google 



292 



Die Revanche-Idee in Frankreich. 



wenn er gerade nichts Besseres zu thun hat, an 
Revanche, wohl mag so mancher die Militärpflicht; 
hinter sich schon habende Pariser, während der 
Siesta nach einem guten Dejeuner oder oppulenten 
Diner, träumerisch den Rauchwolken seiner Cigarre 
folgen und dabei in seinem Geiste mit mehr oder 
minder grellen Farben den triumphalen Einzug 
der siegreichen Franzosen in das bezwungene Ber- 
lin sich ausmalen; — aber im Grossen und Gan- 
zen sind alle diese Gefühle und Empfindungen 
heute schon rein platonischer Natur. Das „Träu- 
men“ in wachem Zustande ist ja bekanntlich eine 
überaus angenehme, obendrein auch nicht ermüdende 
Beschäftigung, welche bei einer tropischen Hitze 
sommerlicher Zeiten geradezu zu einem Hoch- 
genüsse wird. Der Pariser und Franzose, wenn 
auch keineswegs eine schwärmerische Natur, träumt 
einstweilen gern von zukünftiger Grösse und Macht, 
von Waffenerfolg und Gloire. Diese Träume sind 
aber herzlich unschuldiger Natur und es muss 
zum Mindesten befremden, dass man in den Re- 
dactionen gewisser Zeitungen, welche die Ver- 
hetzung zu einem wahren Sport ausgebildet haben, 
in Ermangelung handgreiflicher und sprechender 
Thatsachen, die intimsten Gedanken eines jeden 
Epiciers zu errathen sucht, um aus der meistens 
rein phantastischen Analyse derselben, den schla- 
gendsten Beweis des stets im Wachsen begriffenen 
Deutschenhasses der Franzosen zu construiren. 



Digitized by Google 



Die Revanche-Idee in Frankreich. 



293 



Kaum hat irgend ein Deroulede oder ein anderer 
Professionspatriot vor einem halb benebelten Audi- 
torium in irgend einer rauchigen und dumpfigen 
Kneipe einige mehr lächerliche, als ernst zu neh- 
mende Kraftworte zum Besten gegeben, oder das 
ganze grosse Deutschland mit Stumpf und Stil 
ausgerottet und schon beginnt man in Berlin und 
Köln darüber zu leitartikeln, während am Ufer 
der Seine alle Welt über dergleichen Tollheiten 
die Achseln zuckt — ja anerkannte und hochge- 
achtete Patrioten, die grossmäuligen Absinthallu- 
•cinirten direct des Schwindels und der „Fumisterie“ 
beschuldigen. 

Lässt irgend ein gebürtiger industrieller 
Schweizer — wie Herr Tissot z. B. ein mehr oder 
minder geschickt fabricirtes Pamphlet in die Welt 
hinausflattern, in der einzigen Absicht, recht zahl- 
reiche Exemplare an den Mann zu bringen — so 
wird mindestens drei Monate lang diesem Pamphlete 
in den Spalten der oben angedeuteten Zeitungen 
die ausgiebigste Reclame gemacht und diese täg- 
lichen Autodafes mittelst Druckerschwärze, bringen 
es in der That zu Stande, dass man in derartige 
plumpe publicistische Mausefallen aus purer Keu- 
gierde in hellen Scharen hineinfällt. 

Wenn aber in Frankreich irgend ein Buch 
über Deutschland erscheint, in welchem dem deut- 
schen Wesen und den staatlichen und socialen 
Einrichtungen des deutschen Reiches Gerechtigkeit 



Digitized by Google 




294 



Die Revanehe-Idoc in Frankreich. 



widerfahrt, in dem die Institutionen desselben als 
Musterbild geschildert und eventuelle Charakter- 
Eigenschaften des Yolkes als nachahmungswert 
dargestellt werden ; — so finden in der Regel der- 
artige Weltblätter selbst in Zeiten der Herrschaft 
der sauren Gurken oder den Monaten, in denen 
Seeschlangen so häufig gesehen werden — kaum 
irgend einen verfügbaren Raum, um derartige 
hochbedeutsame Werke auch nur flüchtig zu be- 
sprechen. Aus solchen Schriften resultirt nämlich 
klar, dass, wenn die Franzosen gelegentlich sich 
noch immer als polternde Deutschenfresser ge- 
berden — sie nunmehr allen Ernstes daran gehen, 
Deutschland und die Deutschen zu studieren. Es 
wäre einfach eine Anomalie, w enn ein Geschlagener 
in eitel Liebe zu seinem Besieger erglühen würde 
— und darum ist man nicht einmal berechtigt, 
von den Franzosen Sympathie zu fordern. 

Allein den Anspruch, unbefangen und nach 
wahrem Werte beurtheilt zu werden, dürfen die 
Deutschen wohl 16 Jahre nach dem grossen Kriege 
erheben und die Erwartung hegen, dass das ver- 
bitterte Gemüth des Besiegten in dem Masse sich 
besänftigt habe, um der Einsicht sich nicht mehr 
zu verschliessen. Nun trotz aller Alarmartikel, 
die auf ein gegebenes Signal in der nicht unab- 
hängigen deutschen Fresse losgelassen werden, 
trotz des Sturzbades von Unglimpf und Schimpf- 
worten, welche in der Regel in finanziellen Köthen 



Digitized by Google 



Die Revanche -Idee in Frankreich. 



295 



sich befindende Pariser Hetzblätter bei Quartals- 
schluss über die Deutschen zu schütten pflegen — 
beginnt in Frankreich — , jeder unbefangene Be- 
obachter wird es bestätigen — die Einsicht sich 
Bahn zu brechen. Man schenkt heute den Lügen 
und Entstellungen eines Tissot auch nicht den 
geringsten Glauben und beginnt deutsche Verhält- 
nisse und deutsches "Wesen ohne diese gewissen, 
durch habsüchtige Schriftsteller dunkel gefärbten 
Brillen zu betrachten. 

Die Franzosen wissen heute sehr gut, dass 
in Deutschland ebenso gesittete Menschen, wie in 
Frankreich wohnen, sie beginnen allen Ernstes 
deutsch zu lernen und benützen ihre Ferien nicht 
etwa zu Ausflügen jenseits der „Vogesen”, son- 
dern zu „Studienreisen” bis an die Ufer des Vater 
Rhein’s und von da bis mitten ins Herz Deutsch- 
lands. 

Wer Franzosen und Paris kennt, wird mit 
mir übereinstimmen, dass die Franzosen von Krieg 
und Revanche wohl sprechen, aber gewiss, wenn 
man sie allen Ernstes auffordern würde ein de- 
finitives Votum abzugeben, aufs Entschiedenste 
einem Kriege mit Deutschland sich widersetzen 
würden. Wie lange übrigens die republicanische 
Staatsform in Frankreich bestehen wird, so lange 
kann man in Deutschland ganz ruhig sein. Ein 
republicanisches Frankreich wird nie einen Krieg 
vom Zaune brechen. Aber in dem Augenblicke 



Digitized by Google 




296 



Die Revanche-Idee in Frankreich. 



einer gelungenen monarchischen Restauration wird 
ein Revanche-Krieg imminent werden. Wie die 
Dinge heute liegen, kann eine Restauration nur 
das Resultat einer Ueberraschung und eines 
Staatsstreiches sein, die unmittelbare Folge eines 
gelungenen Handstreiches einer verschwindenden 
Minorität — einer Handvoll Verschwörer. Eine auf 
diese Weise installirte Regierungsgewalt hätte im 
Lande absolut keinen Boden — wäre ausser Stande 
ohne Bürgerkrieg sich Gehorsam zu erzwingen. 
Der neue Herrscher müsste unbedingt zwischen 
Bürgerkrieg oder Krieg mit Deutschland wählen 
und für die letztere Eventualität sich entscheiden 
— weil bei Ausbruch eines auswärtigen Krieges 
der Patriotismus die Dissidenten zum Schweigen 
bringen würde. 

In gewissen Kreisen Deutschlands betrach- 
tet man die republicanische Staatsform in Frank- 
reich mit scheelen Augen und versucht auf directe 
oder indirecte Weise dieselbe in den Augen des 
deutschen Bürgerthums zu discreditiren. Ohne in 
principielle Betrachtungen über Staatsform etc. 
mich einlassen zu wollen, muss ich nochmals her- 
vorheben, dass die sicherste Gewähr des Friedens 
zwischen Deutschland und Frankreich gerade diese 
replublicanische Staatsform ist. Jeder Herrscher, 
selbst derjenige, der ohne Blutvergiessen den Thron 
in Frankreich besteigen könnte, würde, um seinen 
Thron zu consolidiren, um seiner Souverenität 



Digitized by Googl« 




Die Revanche-Idee in Frankreich. 



297 



einen Rechtstitel zu verschaffen, einen Krieg mit 
Deutschland provociren. — Das deutsche Bürger- 
thum sollte daher im eigenen Interesse mit der 
Republick in Frankreich sympathisiren und die 
Organe Deutschlands, welche den vertriebenen 
Orleans blutige Thränen nachgeweint und ihre 
Spalten wochenlang mit Entstellungen, Verleum- 
dungen und Verunglimpfungen der französischen 
republicanischen Staatsmänner anfüllten — sollten 
doch erwägen, dass spätestens 6 Monate nach der 
Rückkehr des Grafen von Paris die allgemeine 
Mobilisirung in Deutschland würde angeordnet wer- 
den müssen. 




Französische Stimmen über Deutschland 
und seinen Kaiser. 

Zwei im Laufe des vorigen Monats erschie- 
nene Bücher, welche nicht nur der freundlichsten 
Aufnahme Seitens der ernsten französischen Blätter 
sich zu erfreuen hatten, sondern auch unter dem 
Lesepublikum reissenden Absatz fanden. Herr J. J. 
Weiss, der bekannte antirepublicanische Mitarbei- 
ter und Cabinetschef Qambetta’s , dem derselbe 
trotz des Heidenlärms der radicalen Presse einen 
ausschlaggebenden Einfluss auf alle Regierungs- 
geschäfte einräumte, der hochgeistreiche Philosoph 
und tiefgebildete Gelehrte — hat vor etwa 14 
Tagen einen „Au pays du Rhin“ betitelten Band 
veröffentlicht, welcher in jeder Hinsicht das volle 
und ganze Interesse des deutschen Lesepublikums 
in Anspruch zu nehmen berechtigt ist. Dieser 
Band ist unstreitig das erste Buch seit dem Kriege, 
in welchem Deutschland nach seinem wahren 
Werte, d. h. im durchwegs günstigen Sinn be- 
sprochen und beurtheilt wird. Herr J. J. Weiss 
hat wohl eine bewegte Laufbahn hinter sich, er 



Digitized by GoogI( 



Französische Stimmen über Deutschland u. s. w. 299 



hatte Gelegenheit, im sinneverwirrenden Rausche 
der Popularität zu schwelgen, wie den bitteren 
Kelch, den eine leidenschaftliche und aufgeregte 
Menge dem in Misscredit gerathenen Lieblinge 
von gestern zu credenzen pflegt, bis an die Neige 
zu leeren. Als allmächtiger Staatsfunctionär, der 
auf den Exdictator einen ausschlaggebenden Ein- 
fluss übte, wie als einfacher Gustos der Bibliothek 
zu Fontainebleau — blieb Weiss immer derselbe 
Verächter der breitgetretenen Strasse, auf der die 
alltägliche Mittelmässigkeit wandelt, ein entschie- 
dener Feind der auf Captivirung der Menge be- 
rechneten Effecthascherei. Die Unabhängigkeit 
seines Charakters, seine ideale Schwärmerei für 
die Wahrheit, sowie vor Allem sein grosses Talent 
brachten auch schliesslich seine Feinde zum Schwei- 
gen und heute dürfte kaum Jemand in Frankreich 
es bestreiten, dass J. J. Weiss zu den Geistes- 
heroen ersten Ranges des zeitgenössischen Frank- 
reichs zähle. Vor dem Geiste und Talente J. J. 
Weiss’ verbeugen sich Alle — ebenso seine Feinde, 
wie Freunde, seinen echt französischen Patriotis- 
mus auch nur in Zweifel zu ziehen — könnte 
selbst ein Deroulede nicht wagen. Ein Buch über 
Deutschland, welches seinen Namen nun trägt, hat 
unstreitig eine hochwichtige Bedeutung, dieses Buch 
ist ein Document, ein Beweisstück ersten Ranges, 
J. J. Weiss’ Ansichten und Urtheile sind für die 
gebildete französische Bourgeoisie, für die arbei- 



Digitized by Google 




300 



Französische Stimmen über Deutschland 



tenden und wohlhabenden Mittelclassen unbedingt 
massgebend und gewiss wird dieses Buch „Au pays 
du Rhin“ in diesen Kreisen, so mancher ebenso 
unverschämt erfundenen, wie einfältig blöden Le- 
gende über deutsche Sitte und Lebensart ein Ende 
machen. Wo Weiss in seinem Buche Vergleiche 
zwischen den Erscheinungen des socialen Lebens 
in Deutschland und Frankreich anstellt, beweist 
er klar und deutlich seinen Landsleuten, dass das 
Volk jenseits des Rheins eine gesunde, von guten 
Grundsätzen regierte Gesellschaft sei, welche ebenso 
in moralischer wie staatlicher Hinsicht, den Fran- 
zosen zum Musterbilde dienen sollte. Schon die 
ersten Seiten seines Buches mit der originell geist- 
reichen und übrigens thatsächlich wahren Anecdote, 
deren wir gleich gedenken wollen, geben uns ein 
überaus anschauliches Bild der Verschiedenheit 
der Yolkscharaktere, d. h. beweisen, wie Herr 
J. J. Weiss ausführt, logische Denkungsweise des 
Deutschen, welche der natürliche Ausfluss des all- 
gemein in Deutschland herrschenden Ordnungs- 
sinnes. ' 

Herr Weiss erzählt uns, dass er bei seiner 
Abreise nach Deutschland, in der Eisenbahnhalle 
der Ostbahn plötzlich den Einfall hatte, ein „fran- 
zösisch-deutsches Conversationsbuch” sich zu kau- 
fen. Er wendet sich an die Frau, welche die 
Eisenbahnbibliothek hält (bekanntlich ist der Bü- 
cherverkauf in den französischen Bahnhöfen ein 



Digitized by Google 




und seinen Kaiser. 



301 



Monopol einer sehr bekannten Verlagshandlung) 
und erhält zur Antwort,' dass französisch-spanische, 
französisch-italienische, sowie französisch-englische 
Conversationsbücher wohl am Lager seien, aber 
mit französisch-deutschen Conversationsbüchern sei 
die Bibliothek nicht versehen. 

Bei seiner Rückkehr nach Frankreich ver- 
langte nun Herr J. J. Weiss aus purer Neugierde 
von der Bücherverschleisserin der Bahnhofshalle 
in einer grossen rheinischen Stadt, welche das 
Centrum des Verkehres mit Frankreich bildet — 
ein deutsch-spanisches oder deutsch-italienisches 
Conversationsbuch. Nun die Frau schaute ihn mit 
grossen erstaunten Augen an und antwortete 
schliesslich, dass sie nur deutsch-französische Con- 
versationsbücher am Lager führe. „Et voilä les 
deux pays !” ruft nun "Weiss aus. Von der einen 
Seite das sonderbare Gemisch, — ein phantasievolles 
und selbst reizendes Gemisch, wenn man es gerade 
haben will — aber ein chaotischer Zustand ; von 
der anderen Seite dagegen die Ordnung und die 
Regelmässigkeit — eine langweilige und vielleicht 
ermüdende Ordnung — dafür aber bequeme Ein- 
richtungen und zweckmässige Vorkehrungen. 

Herr Weiss ist in seinem Buche übrigens 
ebensowenig Apologist wie Pamphletist. Er lobt 
und führt seinen Landsleuten als Beispiel nur die- 
jenigen Institutionen und Erscheinungen vor, die 
seiner ungetheilten Billigung sich zu erfreuen lia- 



Digitized by Google 




302 



Französische Stimmen über Deutschland 



ben. Abgesehen von einigen gelungenen Portraits 
wie Bismarck, Kaiser Wilhelm, sowie die Mitglieder 
der kaiserlichen Familie, die im streng objectiven 
Sinn gehalten sind, beschäftigt sich Weiss haupt- 
sächlich mit den deutschen Soldaten, mit den 
Schulen, den Theatern und dem geselligen Leben 
in den Städten. Ueberall, ebenso in der Schule, 
wie im Theater, auf der Strasse wie in dem Bier- 
häuse, findet er eine ordnungsliebende, gesunde 
und gut organisirte Gesellschaft. 

Mit blutendem Herzen gesteht er ein, dass 
der preussische Soldat um Vieles strammer und 
tüchtiger, »ls der französische sei. Diese Superio- 
rität des Mannes in Haltung, Geberde und Auf- 
treten sei die natürliche, selbstverständliche Folge 
der überaus praktischen Erziehungsmethode der 
Deutschen, sowie die zweckmässigen Organisation 
ihrer Schulen. Die deutschen Offiziere sind, 
wie er versichert, nicht diese rohen und unge- 
bildeten Krieger, wie die französischen Pamphle- 
tisten, welche über Deutschland schrieben, dem 
französischen Publikum weiss zu machen suchten, 
sondern vielmehr wohlerzogene und gründlich ge- 
bildete Männer, welche selbst im Verkehre mit 
ihren Mannschaften die Höflichkeit nur äusserst 
selten vergessen. Was die Schule anbelangt, con- 
statirt Weiss die ganz ausserordentliche Ueber- 
legenheit der Deutschen, er geisselt mit einer 
bitteren Ironie das geradezu sinnlose Vorgehen 



Digitized by Google 




und seinen Kaiser. 



303 



der Franzosen, welche nach dem Kriege nichts 
Eiligeres zu thun hatten, als alle deutschen Ein- 
richtungen affenmässig zu copiren. Um aber recht 
bald den Deutschen überlegen zu werden — be- 
gann man diese Nachahmungswuth in einer solchen 
Weise zu übertreiben, dass man ins Lächerliche 
verfiel. So spielt man schon in der französischen 
Yolksschule Soldat, während in Deutschland in 
den militärischen Erziehungshäusern, deren Zög- 
linge später in die Cadettenschule eintreten sollen, 
um Professionssoldaten zu werden, kein einziges 
Gewehr aufzutreiben sei. 

Es kann unmöglich meine Aufgabe sein, den 
ganzen Inhalt dieses hochinteressanten Buches ein- 
gehend zu zergliedern und zu analysiren, hierzu 
würde vor Allem der mir zur Verfügung stehende 
Raum nicht reichen. Nur den Geist desselben zu 
kennzeichnen, das deutsche Publikum auf ein 
Werk eines hervorragenden Franzosen, in welchem 
den Deutschen Gerechtigkeit widerfährt, aufmerk- 
sam zu machen, war mein Zweck. Wie sehr die 
Idee der Revanche fast täglich zu einem rein pla- 
tonischen Gefühle sich umwandle, belehrt uns in 
geradezu schlagender Weise dieses Buch des Herrn 
J. J. Weiss. Nach einer genauen Schilderung der 
militärischen Macht Deutschlands gelangt der Ver- 
fasser zu folgendem Conclusium: „Die Herrschaft 
über die Meere wird dem nebelreichen England 
verbleiben , während die Herrschaft über den 



Digitized by Google 




304 



Französische Stimmen über Deutschland 



Continent in Zukunft den Deutschen gehören 
wird; der französischen Lerche verbleibt blos ihr 
Gesang.” Nun dieses Conclusiura riecht gewiss 
keinesfalls nach Revanche und dürfte kaum in den 
chauvinistischen Ohren der schon erwähnten Pro- 
fessionspatrioten angenehm klingen. Allein die 
ernsten Franzosen wird dieses Buch zum Nach- 
denken anregen, es wird ernüchternd wirken und 
gewiss Früchte zeitigen, welche dem Yerkehre der 
beiden Völker unter einander zu Statten kommen 
wird. 

Fast gleichzeitig erschienen bei Paul Ollen- 
dorf zwei andere Werke, welche vielleicht in noch 
erhöhtem Masse in Deutschland Interesse erwecken ' 
dürften : „L’Empereur Guillaume et son regne“ 
lautet der Titel des einen Buches, welches den 
Herausgeber und Chefredacteur des oft citirten 
„Memorial diplomatique“ Eduard Simon zum Ver- 
fasser hat. Der Verfasser gibt uns eine synthe- 
tische Zusammenstellung des ganzen Lebens des 
greisen Kaisers, dabei einer rein objectiven Dar- 
stellung im Grossen und Ganzen sich befleissend. 
Herr Simon schrieb seineGeschichte, „KaiserWilhelm 
und seine Herrschaft,“ nicht als Franzose, sondern 
vielmehr als Historiker — er liess daher alle 
Fabeln und tendenziöse Erfindungen bei Seite, um 
nur nach Thatsachen und Handlungen ein durch- 
wegs sympathisches Bild des Kaisers zu entwerfen. 
„Kaum irgend eines Herrschers Lebenslauf,“ meint 



Digitized by Google 



und seinen Kaiser. 



305 



Herr Simon, bietet so zahlreiche Ueberraschungen, 
Antithesen und Contraste, wie das Leben des 
Kaisers Wilhelm. Ohne gerade das Genie seines 
Ahnherrn Friedrich II. zu haben , wird Kaiser 
Wilhelm in gleichem Masse in der Geschichte 
seines Jahrhunderts die erste und hervorragendste 
Stelle einnehmen. Schwächlich und kränklich in 
seiner Jugend, selber überzeugt, dass er nicht 
lange leben werde, hat Kaiser Wilhelm bis jetzt 
schon beinahe die äussersten Grenzen der Lebens- 
dauer, welche Menschen erreichen können, über- 
schritten. Anfangs mit der bescheidenen Rolle 
eines Soldaten im Dienste seines Bruders zufrieden, 
wurde er später der gewaltigste Herrscher des 
zeitgenössischen Europa. Ein überzeugter und 
schwärmerischer Anhänger des Königsthums von 
Gottes Gnaden, zwang ihn schliesslich die Staats- 
räson, der Legitimität die schwersten Wunden zu 
schlagen. Zu Beginn seiner Laufbahn verhasst, im 
höchsten Grade unpopulär, in Berlin selber am 
Leben bedroht, durch den Hof sogar aufgegehen, 
sollte er mit der Zeit die populärste Heldenfigur 
werden, w r elche ein ganzes Volk anbetet. Kaiser 
Wilhelm ist einer jener wenigen Sterblichen, denen 
Alles im Leben gelingt. Kaiser Wilhelm handelte 
gemäss einem vorher reiflich erwogenen Plan und 
wmsste mit besonderer Geschicklichkeit stets die- 
jenigen fähigen Personen ausfindig zu machen, die 
speciell geeignet waren, seine Pläne durchzuführen. 

Bomb Froy, Parisor Leben 20 



Digitized by Google 



306 Französische Stimmen über Deutschland 

So fand er Roon, um die preussische Armee 
zu reorganisiren, Moltke, um die Pläne der künf- 
tigen Feldzüge zu entwerfen, so wusste er der 
feudalen Partei einen Bismarek zu entreissen — 
der allein die Kraft innehatte, mit der parlamen- 
tarischen Opposition fertig zu werden und gleich- 
zeitig alle äusseren Hindernisse der jetzigen Grösse 
und Macht Deutschlands wegzuräumen.“ 

Der Verfasser schildert die Lebensweise und 
den Charakter des Kaisers in durchwegs sym- 
pathischem Tone und citirt zur Characteristik des- 
selben einen hochinteressanten Ausspruch des 
Fürsten Bismarck. „Nie gab es einen bescheideneren, 
humaneren und grossherzigeren Menschen als den 
Kaiser. Unser Kaiser ist in Allein und Jedem so 
sehr Democrat, dass selbst der eingefleischteste 
Republikaner, der aufrichtig beurtheilen will, ihn 
bewundern muss.“ 

Fast gleichzeitig erschien im selben Verlage 
ein Machwerk, „Allemagne teile quelle est“ be- 
titelt, welches einen gewissen Jacques St. Obre 
zum Verfasser hat. Unter dem Pseudonym Jacques 
St. Cere soll ein ziemlich unvortheilhaft bekannter 
Journalist, welcher unter dem Pseudonym Carl 
Frey mehrere Jahre von Berlin aus als Correspon- 
dent bei der chauvinistischen „France“ thätig ge- 
wesen, sich verstecken. Dieser Schriftsteller — 
Elsässer von Geburt, kann bei den Deutschen 
auch nicht eine einzige gute Eigenschaft entdecken, 



Digitized by Google 



uml Beinen Kaiser. 



307 



die sonst bei anderen Völkern eventuellen Schat- 
tenseiten des Nationalcharakters die Waagschale 
halten. Die Deutschen sind nach St. Cere’s Ver- 
sicherung grob, ungezogen, brutal, geizig, hab- 
süchtig, misstrauisch gegen Alle — selbst gegen 
ihre eigenen Eltern und Kinder, weiter, verlogen 
und hypocril, Aufschneider und Prahlhänse, Säufer 
und Faulenzer. „Die deutsche Familie ist eigent- 
lich eine Versammlung von Compagnons, die bei 
gutem Geschäftsgänge friedlich beisammen leben, 
im Falle von Verlust sich gegenseitig bekriegen. 
Der Vater zögert keinen Augenblick, seine Kinder 
zu enterben, während diese wiederum ohneweiters 
bereit sind, diesen Vater unter Curatel zu stellen 
etc.“ Dieses Buch etwa besprechen zu wollen, 
oder gar der Mühe einer Widerlegung zu unter- 
ziehen, wäre eine absolut, müssige Sache. 

Tn Deutschland fasst man leider in der Regel 
die hiesigen Publicationen über Deutschland sehr 
falsch auf und meint, sowie ein ähnliches Pamphlet 
erscheint, der betreffende Autor habe dem fran- 
zösischen Volke aus der Seele gespi’ochen. Diese 
weit verbreitete Annahme ist grundfalsch. Alle 
industriellen Verfertiger solcher Pamphlete — 
fast ohne Ausnahme — sind Talmifranzosen. 
Herr Tissot stammt aus dem mehr deutschen, 
denn französischen Canton Freiburg in der 
Schweiz und seiner zweifelhaften Muse diente als 
Souffleur ein Prager Journalist, der sich in Frank- 

20 * 



Digitized by Google 



308 



Französische Stimmen über Deutschland 



reich naturalisiren liess und seinen echt deutschen 
Namen mit einem französischen Pseudonym ver- 
tauschte, welches von Zeit zu Zeit sogar in einigen 
deutschen Blättern zu lesen ist. Herr St. Cere 
ist ebenfalls als Elsässer, mehr deutscher denn 
französischer Abstammung. Graf Yassili — ich 
meine den wirklichen Verfasser der „Sociöte de 
Berlin“ — ist ebenfalls ein Deutscher. 

Wenn wirkliche Franzosen über Deutschland 
schreiben — was sie übrigens selten thun — so 
befleissigen sie sich eines ganz anderen Tones. 
Nur diejenigen Verfasser, die auf charakterlose 
Weise leicht Geld verdienen und die gleichzeitig 
einer eventuellen Beschuldigung des Renegaten- 
thums im vornehinein die Spitze abbrechen möch- 
ten, schimpfen wie die Rohrspatzen. Würde man 
in Deutschland bei Erscheinen solcher Bücher 
nicht die Franzosen im Allgemeinen für dieselben 
verantworlich machen, so wäre der Erfolg derar- 
tiger Publicationen ein so geringer, dass diese 
Schandliteratur sehr bald von der Oberfläche ver- 
schwinden würde. Als Tissot sein „Milliardenland“ 
schrieb, konnte er keinen Verleger finden. Und 
da er auf eigene Kosten das Buch nicht officiell 
drucken lassen wollte, so bat er einen befreundeten 
Sortimentsbuchhändler, 500 Exemplare im Voraus 
fest zu bestellen. Natürlich streckte er das nöthige 
Geld vor. Das Buch wurde nun gedruckt und in 
gewissen deutschen Zeitungen begann man sofort 



Digitized by Google 




und seinen Kaiser. 



309 



Gleiches mit Gleichem heimzuzahlen, d. h. auf 
Frankreich weidlich zu schimpfen und Drohungen 
auszustossen. Die hiesigen Blätter übersetzten 
diese Urtheile und das französische Publicum be- 
gann das Buch zu kaufen. Hätte man blos mit 
Tissot allein sich beschäftigt und die Franzosen 
als Nation äus dem Spiele gelassen, so hätte Tissot 
kaum seine Rechnung bei dieser Publication ge- 
funden. Hier in Frankreich sind eben die Bücher 
bedeutend billiger als in Deutschland und der 
Franzose im Allgemeinen ist kein Freund der 
Leihbibliotheken — er kauft Bücher. Sowie nun 
ein Buch eine öffentliche Discussion hervorruft — 
wird es en masse gekauft. 

Man sollte daher derartige Publicationen ein- 
fach mit Verachtung übergehen und mit Urtheilen 
so hochangesehener Männer von hervorragendem 
Talent wie J. J. Weiss oder Edouard Simon, die 
echte Franzosen sind, in Deutschland sich zufrie- 
den geben. 



Digitized by Google 



Digitized by Google : 




1 




tz- 



Digitjzed by Google 



Digitized by Google 



Digitized by Google 



Digitized by Google 




Digitized by Google